Jetzt hat er es schon wieder gemacht

Vor zirka 20 Jahren schenkte mir ein Freund ein Buch eines Autors, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. ‚Jetzt ist schon wieder was passiert‘, so begann Komm, süßer Tod, der zweite Krimi von Wolf Haas. Mit dem selben Satz lies Haas noch vier weitere Brenner-Krimis beginnen, bevor ihm das offensichtlich zu langweilig wurde und er 2006 in Das Wetter vor 15 Jahren den fiktiven Autor Wolf Haas in einem fiktiven Interview ankündigen lies, er werde über Simon Brenner keine Geschichte mehr erzählen. Ganz nebenbei entwarf er in diesem Interview auch eine Liebesgeschichte, die er dann doch nie schrieb. Stattdessen folgte 2009 doch wieder ein Krimi: Der Brenner und der liebe Gott, diesmal mit einem anderen Einleitesatz. 2012 kam dann etwas ganz Neues: Die Verteidigung der Missionarsstellung beschäftigte sich nicht mit konservativen oder weniger konservativen Sexualpraktiken, sondern mit der Geschichte des Benjamin Lee Baumgartner. Die faz bezeichnete den Roman als ‚Metafiktion mit anarchischem Witz‘, und die (nicht nur) sprachlichen Kunstgriffe drehen sich so schnell um sich selbst, dass mir beim Lesen fast schwindelig wurde. Dem Roman sind mittlerweile auch sprachwissenschaftliche Arbeiten gewidmet, und die braucht es wohl auch, um zu durchschauen, was der promovierte Linguist Wolf Haas da genau gemacht hat. 2014 folgte Brennerova, der bisher letzte Brenner-Krimi. Dann hieß es warten, bis endlich im August 2018 eine orange Badezimmerwaage in den Buchhandlungen auftauchte: Der neue Haas war da.

In Junger Mann erinnert sich ein wie der Autor 1960 geborener Ich-Erzähler, der auch sonst so manches mit Wolf Haas gemeinsam hat, an den Sommer 1974. Der junge Mann verliebt sich bis über beide Ohren in die fast 10 Jahre ältere Elsa und beschließt, sein Übergewicht zu bekämpfen, um für seine Angebetete attraktiv genug zu werden und sie ihrem Ehemann auszuspannen. Er beginnt mit einer Diät, und es gelingt ihm tatsächlich, sich mit Elsa anzufreunden.

Meine Meinung: Jetzt hat er es schon wieder gemacht! Wolf Haas hat mich mit seinem neuesten Roman schon wieder nicht nur begeistert (das erwartet man von einem Lieblingsautor), sondern auch überrascht (deshalb bleibt er ein Lieblingsautor). Wieder begeistert hat mich, wie er in der ganz normalen Sprache ganz normaler Menschen kleine Kunstwerke formt, die er dann in rascher Abfolge als Pointen auf seine Leser*innen loslässt. Das liest sich dann so:

Mein Gesicht war so heiß, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.‘ (S.43)

Wieder begeistert hat mich sein genauer Blick auf die scheinbar einfachen Tätigkeiten des täglichen Lebens:

Die Meisterschaft eines Tankwarts zeigte sich erst beim Wasserabziehen. Blieb ein Streifen zurück, war man blamiert für die Ewigkeit. Tröpfelte das abgestreifte Wasser über die Fensterkante auf den Lack hinaus, konnte man sich überhaupt heimgeigen lassen.‚ (S. 9) 

Und auch nicht zum ersten Mal nostalgische Begeisterung empfinde ich, wenn er Triviales des Alltagslebens aus der Vergessenheit auf die literarische Bühne hebt, wie das ‚Abnehmen mit Wir‘-Programm einer TV-Magazinsendung der 70er-Jahre oder die staatlich verordneten autofreien Tage während der Ölkrise.

Überrascht hat mich Wolf Haas schon oft. Überraschung Nr. 1 war der erste Brenner-Krimi (so ganz anders als alles andere und einfach genial), Überraschung Nr. 2 das Interview in Das Wetter vor 15 Jahren (Zitat vom Klappentext: ‚Haas hat gewagt, was keiner vor ihm wagte. Und er hat gewonnen.‚), Verteidigung der Missionarsstellung brachte mit jedem Umblättern eine neue Überraschung. Und jetzt Junger Mann: Kein skurriler Mord mit noch skurrilerer Aufklärung, kein literarisches Experiment, statt dessen die Geschichte des (fast) ganz normalen Erwachsenwerdens eines (fast) ganz normalen Jungen, erzählt in (fast) ganz normaler Alltagssprache. Und bei genauerer Betrachtung dann doch (fast) ein Märchen. Lesen!

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Lesen…in vollen Zügen und auf dem literaturblog günter keil.

Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018. Ich danke dem Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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Prager Nächte

Der junge Gelehrte Christian Stern, unehelicher Sohn des Bischofs von Regensburg mit einer Dienstmagd, kommt im Dezember 1599 nach Prag, zu diesem Zeitpunkt Residenz des Heiligen Römischen Kaisers. Unter Rudolf II. ist die böhmische Hauptstadt ein Zentrum der Wissenschaft und der Alchimie, und Stern träumt davon, am Hof des Habsburgerkaisers sein Glück zu machen. In der Nacht seiner Ankunft stolpert er betrunken über die Leiche von Magdalena Kroll, der Tochter von Rudolfs Leibarzt. Der Fund bringt ihn zunächst in eine Kerkerzelle und dann ins Zentrum der Intrigen am Hof.

Meine Meinung: Ein historischer Krimi von John Banville ist, da bin ich mir mit Frau Lehmann einig, ein Must-read, und ich möchte mich bei ihr herzlich dafür bedanken, dass sie mich auf den Roman aufmerksam gemacht hat. Der Man Booker Prize-Gewinner hat Alchimie einer Mordnacht ebenso wie seine Quirke-Krimis unter dem Pseudonym Benjamin Black veröffentlicht, und der Verlag hat sich auch für den Titel eine doppelte Namensgebung einfallen lassen. Die englische Hardcover-Version erschien 2017 als Wolf on a String, das Taschenbuch und die dieser Besprechung zugrundeliegende Hörbuchversion von Sean Barrett tragen den wenig originellen Titel Prague Nights. Diese Titelwahl ist allerdings mein einziger Kritikpunkt an dem Roman. Der Autor mixt reale und erfundene Charaktere zu einer Geschichte, die er selbst im Nachwort als „historische Fantasie“ bezeichnet und die das Leben im Umfeld des Kaisers ganz ohne langatmige Beschreibungen so lebendig werden lässt wie ein aufwändig inszenierter Kostümfilm. Wer Prag kennt wird Christian Stern auf dem Hradschin, im Goldenen Gässchen und auf der Kleinseite vor sich sehen, alle anderen werden hinfahren wollen, um die Stadt so wiederzufinden, wie er sie erlebt hat.

Der Ich-Erzähler beschreibt die Ereignisse, die den ehrgeizigen jungen Mann scheitern lassen, aus der Perspektive der Abgeklärtheit des Alters, nicht ohne Bedauern, aber ohne Wehleidigkeit, in einer Sprache, die ohne aufgesetzte altmodische Floskeln die beschriebene Epoche wiederauferstehen lässt. Obwohl von Anfang an klar ist, dass es für den Protagonisten nicht gut ausgehen wird, wartete ich gespannt auf die Beantwortung der Frage nach seinem genauen Schicksal und auf die Klärung der Umstände des Mordes an Magdalena Kroll. Und auch als diese Fragen beantwortet waren, wäre ich gerne noch länger auf der Prager Burg geblieben, um den Kaiser im Machtkampf mit seinem Bruder Matthias und die Alchimisten bei ihrer Arbeit zu beobachten. Aber vielleicht habe ich ja Glück und der Autor setzt seine im Nachwort angedeutete Idee um, einer der real existierenden Figuren, der Dichterin Elizabeth Jane Weston, die hier nur eine Nebenrolle spielt, einen eigenen Roman zu widmen.

Benjamin Black, Prague Nights. Als Audiobook gelesen von Sean Barrett. Penguin Books Ltd 2017. 10 h 48 min.

In deutscher Übersetzung von Elke Link: Alchimie einer Mordnacht. Kiepenheuer & Witsch 2018. 384 Seiten. 

 

Buch Wien 2018: Im Herzen der Blutsuppe

Englischsprachige Autor*innen stehen auf der Buch Wien naturgemäß nicht im Zentrum, aber wenn schon nicht BritLit, dann wenigsten Whodunnit, und dem war einer der echten Höhepunkte der heurigen Veranstaltung gewidmet.

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Thomas Raab, Arne Dahl und Bernhard Aichner

fünf plus drei‚Weltmeister der Blutlache‘, so nennt Moderator Heinz Sichrovsky die drei Herren, die gut gelaunt von der Gästecouch in der Leselounge lächeln: Thomas Raab, Arne Dahl und Bernhard Aichner gehören zu den erfolgreichsten Krimiautoren im deutschen Sprachraum, und somit befindet sich dieses Sofa für die Zeit des Gesprächs ‚im Herzen der Blutsuppe‘. Bei den Fragen an den schwedischen Literaturwissenschafter Jan Lennard Arnalt geht es zunächst vor allem um Namen: Dass er sich für sein Pseudonym den Familiennamen des britischen Schriftstellers Roald Dahl ausgesucht habe sei Zufall, sagt er, aber Molly Blom, der Name der weiblichen Hauptfigur seiner Berger & Blom-Serie, sei ganz bestimmt kein Zufall. Um herauszufinden, was es mit der Anspielung an James Joyce’s Roman Ulysses auf sich habe, müsse man sich bis zum im September erschienenen dritten Teil durcharbeiten: Nach Sieben minus eins und Sechs mal zwei nun Fünf plus drei.

Walter muss wegAuch der Wiener Thomas Raab setzt bei seinem neuesten Roman Walter muss weg auf eine Ermittlerin, nachdem sieben Krimis lang der Restaurator Willibald Adrian Metzger die Fälle gelöst hat. Dieser muss eine Pause machen, bevor er seinem Schöpfer „zu unsympathisch wird“. Deshalb schickt Raab nun die „richtig grausliche“ Hannelore Huber auf Mörderjagd, eine kerngesunde Witwe in ihren 80ern, „die mir nie das Du-Wort anbieten würde.“ Der Ausgangspunkt des Falles sei die Frage gewesen, was passiert, wenn es gleichzeitig zu einem Gehirnschlag und einem Verkehrsunfall kommt. Raab lässt sich ahnungslos in seine Geschichten hineinfallen. Zu Beginn geht es rasch, „dann muss ich die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe.“ Die Ermittlungsdetails recherchiert er dabei nicht. „Sobald es um Polizeiarbeit geht, interessiert es mich nicht mehr.“

Dahl schreibt pro Jahr ein Buch und weiß am Anfang nicht, was er schreiben wird. „Ich versuche mich zu überraschen.“ Während er beim Schreiben manchmal deprimiert wird, weil er auch schon ein halbes Buch habe wegwerfen müssen, passiert Raab das nicht: Er habe für solche Fälle einen eigenen Ordner auf dem Computer, was er aussortiere, komme ins nächste Buch.

BöslandDie Grundidee für Bernhard Aichners Bösland war ein Alptraum, und diesen verband er mit zwei Fragen: Warum wird ein 13-jähriger zum Mörder und was passiert 30 Jahre später? Auch bei ihm wird der Fall diesmal von einer Frau gelöst. Es sei ihm leicht gefallen, sich in eine Frau einzufühlen. Im nächsten Buch werde es eine 54-jährige Supermarktkassierin sein. Im Gegensatz zu Raab, der zu Beginn „gar nichts“ weiß, kennt Aichner den Ausgang der Geschichte von Anfang an, nimmt aber „Wege und Umwege“ um dort hin zu gelangen. Alle Geschichten wurden bereits erzählt, die Herausforderung sei, sie neu zu erzählen und seine Leser so zu überraschen. Er möchte diese dabei auf ein Pferd setzen und dem Pferd auf den Arsch klopfen.

Junger MannEr hing an dem Gürtel, mit dem er mich immer geschlagen hatte, so lautet der erste Satz von Bösland, und auf Nachfrage meint Aichner, das sei vielleicht sein bisher bester erster Satz. Dahl hält das Warten auf den perfekten ersten Satz für gefährlich, und für Raab hatte der erste Satz seines ersten Metzger-Krimis eine unerwünschte Nebenwirkung: Da ist es wieder! wurde sofort mit Wolf Haas verglichen, in dessen Brenner-Krimis der Stehsatz Jetzt ist schon wieder was passiert lautet. Wolf Haas habe ich auf der BuchWien übrigens vermisst, aber beim Anrichten der Blutsuppe wäre er diesmal ohnehin falsch. Sein neuester Roman Junger Mann ist kein Krimi, sondern erzählt vom Erwachsenwerden der Titelfigur, deren biographische Eckdaten mit jenen des Autors überstimmen. Meine Besprechung gibt es hier.

 

Venice by the book

Version 2Wenn ich eine Reise plane, tauchen immer sofort zwei Fragen auf: ‚Welche Schriftsteller*innen?‘ und ‚Welche Buchhandlungen?‘ Bei meinen Planungen für ein Wochenende mit meiner Familie in Venedig war das nicht anders. Die Frage nach den Buchhandlungen hat Andrea auf Lesen…in vollen Zügen umfassend beantwortet, ich hatte also nichts anderes zu tun, als ihren Empfehlungen zu folgen. Daher besuchte ich bei der ersten Gelegenheit die Libreria Studium, nur wenige Schritte von der Piazza San Marco entfernt. Hier finden Touristen eine reichliche Auswahl an Büchern zum Stichwort Venedig auch in ihrer Muttersprache, allerdings zu deutlich höheren Preisen, als sie beispielsweise in Wien für englischsprachige Bücher verlangt werden. Daher habe ich der Versuchung widerstanden, Peter Ackroyds Venice – The Biography, mitzunehmen, das ich schon seit vielen Jahren lesen möchte, und auch Thomas Manns Tod in Venedig in der wunderschönen Ausgabe des S. Fischer Verlags werde ich mir doch lieber in Wien besorgen. Trotzdem ist die Buchhandlung einen Besuch wert: Hinter der eher unscheinbaren Fassade verbirgt sich auf edlen Holzregalen eine riesige Auswahl, die mich wieder einmal daran erinnert hat, wie schade es ist, dass meine Italienischkenntnisse nie über Niveau A2 hinausgekommen sind.

 

Am nächsten Tag schaute ich in der Libreria Toletta im Stadtteil Dorsoduro vorbei. In der laut Homepage ältesten und größten Buchhandlung Venedigs (gegründet 1933), geht es deutlich weniger touristisch zu, und entsprechend ist auch die Fremdsprachenabteilung viel kleiner. Trotzdem wurde ich hier fündig: The Spy of Venice – A William Shakespeare Novel von Benet Brandreth wartet jetzt auf meinem SuB. Ich habe mich auch für den in englischer Sprache erscheinenden Newsletter der Buchhandlung angemeldet, der ’nützliche Informationen über das authentische Venedig‘ verspricht.

Nach diesen beiden Erfahrungen, die vollkommen in Einklang mit Andreas Schilderungen standen, beschloss ich, ihrem Urteil auch bei Nr. 3 auf ihrer Liste zu vertrauen und die berühmte Buchhandlung Acqua Alta auszulassen: Touristenmassen gibt es auch an anderen Orten der Stadt genug, und das flüssige acqua alta war, wie hier nachzulesen, während meines Aufenthalts am letzten Oktoberwochenende ohnehin allgegenwärtig.

9783442744770_CoverBleibt die Frage: Welche Schriftsteller*innen? Wie schon erwähnt, führt an Peter Ackroyds 2012 auf Deutsch erschienener Venedig-Biographie wohl kein Weg vorbei, wenn man möglichst viel über die Geschichte der Lagunenstadt erfahren möchte. Der vielfach ausgezeichnete britische Autor, der auch schon Biographien über Shakespeare, London und die Themse veröffentlicht hat, wird zwar manchmal wegen historischer Ungenauigkeiten kritisiert, versteht es aber hervorragend, eine Flut von Detailinformationen leicht verdaulich zu präsentieren.

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Ponte dei sospiri, die Verbindung zwischen Palazzo Ducale und dem Gefängnis

Für die Suchanfrage ‚Schriftsteller – Venedig‘ liefert Wikipedia eine Liste mit 19 Namen, aber nur zwei davon sind mir ein Begriff: Giacomo Casanova wurde 1725 in Venedig geboren, studierte in Padua Zivil- und Kirchenrecht und wurde zunächst Priester. Für diesen Beruf dürfte er aber eher ungeeignet gewesen sein, denn 1755 wurde er wegen „Schmähungen gegen die heilige Religion“ verhaftet und verbrachte 15 Monate als Gefangener in den Bleikammern, bevor ihm im zweiten Anlauf die Flucht gelang. Er war hochgebildet und weit gereist, und die Liste seiner Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten liest sich wie ein Who is Who des 18. Jahrhunderts: Papst Benedikt XIV, Katharina die Große, Friedrich der Große, Voltaire, W.A. Mozart. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu den verschiedensten Themen, aber seine Bekanntheit verdankt er vermutlich seinen posthum erschienen Memoiren, Histoire de ma vie, deren deutsche Übersetzung kostenlos über das Projekt Gutenberg.de verfügbar ist. Auch wenn diese Erinnerungen große kulturhistorische Bedeutung haben, ich bezweifle, dass dies der Grund dafür ist, dass sie in über 20 Sprachen übersetzt wurden und auch heute noch zahlreiche Leser*innen finden.

Venezianisches FinaleDer zweite mir geläufige Name auf der Liste ist Donna Leon. Gleich vorweg: Ich bin kein großer Fan der Krimis um Commissario Guido Brunetti. Ich finde sie nicht besonders spannend und bin auch nicht sicher, ob sie ein wirklich authentisches Bild des heutigen Venedig liefern. Aber ich habe die 1942 in New Jersey geborene Literaturwissenschafterin einmal bei einer Podiumsdiskussion und einige Jahre später als Gast auf der Buch Wien erlebt und war beide Male sehr von ihr beeindruckt. Im Auftreten freundlich, höflich und zurückhaltend ist sie ganz offensichtlich eine Frau, die weiß, was sie will, und vor allem, was sie nicht will. Mit ihren bisher 27 Krimis hat sie ganz sicher Millionen verdient. Aber Geld interessiere sie nicht besonders, sagte sie bei einem der Auftritte, wichtig sei ihr nur, dass sie sich die Karten für Opernaufführungen leisten könne – im ersten, 1992 erschienenen Brunetti-Roman Death at La Fenice (Venezianisches Finale)  geht es um einen mysteriösen Todesfall in der Oper von Venedig – um alles andere kümmerten sich ihre Berater. Die Brunetti-Romane sind in den Buchhandlungen in Venedig allgegenwärtig – allerdings nur in englischer, deutscher und französischer Version. Einer Übersetzung ins Italienische hat die Autorin nie zugestimmt, mit der Begründung, sie wolle in Venedig in Anonymität leben können. Ich glaube allerdings auch, sie wollte sich keiner allzu kritischen Beurteilung ihrer Schilderung des Alltags in Venedig aussetzen. Mit den zunehmenden Touristenströmen war es mit der Anonymität, vor allem aber mit der Ruhe, in Venedig aber trotzdem vorbei, und daher lebt Donna Leon heute nicht mehr in der Lagunenstadt, sondern in der Schweiz.

Für einen Besuch in der Bibliotheca Nazionale Marciano vis-à-vis vom Dogenpalast blieb während meines Aufenthalts leider keine Zeit, die habe ich mir fürs nächste Mal aufgehoben. Bis dahin habe ich hoffentlich auch mein Italienisch ein bisschen verbessert und einige der hier genannten Bücher gelesen. Oder gibt es noch andere Bücher über Venedig, die ihr mir empfehlen würdet?

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Bibliotheca Nazionale Marciana

Hogarth Shakespeare – Halloween Special

‚The Scottish Play‘, so nennen abergläubische Theaterleute Shakespeares Macbeth,  denn es bringt Unglück, den Titel der von Hexen und irren Mördern erzählenden Geschichte über den Kampf um die schottische Krone auszusprechen. Der norwegischen Krimiautor Jo Nesbø, Schöpfer des alkoholkranken Mordermittlers Harry Hole, hat das 1611 uraufgeführte Stück nun im Rahmen des Hogarth Shakespeare Project bearbeitet. Die deutsche Übersetzung  Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt basiert nicht auf dem norwegischen Original, sondern folgt der englischen Übersetzung von Don Bartlett und wurde im seit kurzem auch auf Deutsch publizierenden Penguin Verlag veröffentlicht, dem ich herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars danke!

Nesbø siedelt seine Geschichte in einer heruntergekommenen Industriemetropole irgendwo im Norden an, in der es nur drei Geschäftszweige gibt, in denen man noch reich werden kann: die Casinos, die Drogen und die Politik (S. 10). Polizist Macbeth und seine Truppe können durch ihr Eingreifen eine von Macbeths Jugendfreund und Kollegen Duff geleitete Aktion gegen den Drogenhändler Sweno und seine Norse Riders retten. Daraufhin wird nicht wie erwartet Duff, sondern Macbeth vom neuen Chief Commissioner Duncan zum Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität ernannt. Aber Macbeths Geliebte Lady reicht das nicht: Die Casinobesitzerin möchte ganz nach oben, und sie weiß, wie sie den Mann an ihrer Seite dazu bekommen kann, alles für dieses Ziel zu tun.

Meine Meinung: Bei Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt ist genau das drin, was der Titel verspricht, und das macht die Geschichte zur perfekten Unterhaltung für alle, die sich zu Halloween einmal ganz ohne Vampire gruseln wollen. Da es mein erster Nesbø ist, kann ich nicht beurteilen, ob die dargestellte Brutalität die seiner anderen Krimis übertrifft oder sich nahtlos in eine Reihe damit stellt, aber in jedem Fall hat der Autor hier ganz tief in den Topf mit der Aufschrift ‚Blutoper‘ gegriffen und alles herausgeholt, was darin zu finden war. Keine tiefgründigen psychologischen Erklärungen für die Morde, sondern Machtgier, Sex, Drogen und aus kranker Loyalität und Logik ausgeübte Gewalt, das alles mit Dialogen wie aus einem Opernlibretto und vor einer Kulisse, in der es abwechselnd regnet und nach Exkrementen stinkt und in der auch die Luft tötet.  

Bei einer richtigen Oper weiß man meist, wie es ausgehen wird, aber man verzeiht die dick aufgetragenen Posen und vorhersehbaren Wendungen, wenn nur der Komponist sein Handwerk versteht und die Töne richtig getroffen werden. Beides ist hier der Fall. Die Figuren sind zwar stereotyp, aber in ihrer Rolle glaubwürdig, und die Story wird packend erzählt. Was mich allerdings etwas irritiert hat, ist die nur vage Festlegung in Raum und Zeit: Eine Stadt im Norden Großbritanniens (?), in der sich Politik, Polizei und organisiertes Verbrechen die Macht aufteilen, 25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (?). Der Roman bekommt dadurch den Anstrich einer Dystopie, aber wenn das beabsichtigt war, dann hat sich der Autor mit diesem Anspruch dann doch ein bisschen übernommen. Da helfen auch philosophische Gespräche mit Anspielungen an Adam Smiths Wirtschaftstheorie der „Unsichtbaren Hand“ nicht, vor allem, wenn der Philosoph dann noch vollkommen unerklärlicherweise verklausuliert als Adam Hand eingebaut wird (S.29). Viel besser gefallen hat mir die Umsetzung des Motivs der drei Hexen, des berühmtesten Beispiels einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung in der Literatur: Diese lässt Nesbø als „drei Schwestern“ auftreten, mit allen dazugehörigen Assoziationen und ganz ohne schwarze Magie. 

Ich denke, wer das Genre und/oder den Autor mag wird den Extrakick des Shakespeare-Plots nett finden und sich beim Lesen gut unterhalten, aber eine in die Tiefe gehende moderne Deutung des alten Stoffs, wie das etwa  Edward St. Aubyn mit Dunbar und seine Töchter für King Lear gelungen ist, sollte man nicht erwarten. Eher ist es ein gut getunter Mix aus Sex & Drugs & Crime, leichte Kost für graue Herbsttage.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es von Jane auf zeilenliebe und auf Safia’s Bookblog.

Jo Nesbø, Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt. Aus dem Englischen von André Mumot. Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH München 2018. 621 Seiten.