#Women’s Prize for Fiction 2019 – Der Trojanische Krieg aus Sicht der Briseis

In The Silence of the Girls erzählt Briseis, die ehemalige Königin von Lyrnessos, ihre Geschichte: Nachdem ihre Heimat im Trojanischen Krieg von den Griechen unter Agamemnon zerstört worden war, wurde sie, noch keine zwanzig und wunderschön, zur Kriegsbeute des Achilles. Gemeinsam mit den versklavten Mädchen und Frauen aus anderen unterworfenen Stadtstaaten lebt sie im Feldlager der Griechen vor Troja und fügt sich widerspruchslos in ihr Schicksal. Auf unterschiedliche Weise versuchen die Frauen, mit ihrer Situation zurechtzukommen, gemeinsam ist ihnen der Wille zu überleben. Die vielbesungenen griechischen Helden präsentieren sich dabei nicht als edle Kämpfer, sondern als rücksichtslose Chauvinisten, einzig Achilles‘ bester Freund Patrokles zeigt Mitgefühl für das Schicksal der Sklavinnen. Von den anderen werden sie im besten Fall nur benutzt, im schlimmsten Fall gedemütigt und gequält. Nicht einmal als der Vater der 15-jährigen Criseida mit einem beachtlichen Lösegeld ins Lager kommt und um Freiheit für seine Tochter fleht, lässt Agamemnon Menschlichkeit walten. Daraufhin ruft der Priester Apollo an, er möge den Griechen die Pest schicken. Apollo erfüllt diesen Wunsch, und Achilles verlangt von dem ihm verhassten Agamemnon, Criseida zu ihrem Vater zurückzuschicken, um den Fluch aufzuheben. Dadurch eskaliert der Konflikt zwischen den beiden Männern, und Briseis wird zum Faustpfand in diesem Streit.

Meine Meinung: Nacherzählungen mythologischer Geschichten sind eines meiner Lieblingsgenres, daher stach mir dieser Titel aus der Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction sofort ins Auge, und ich habe ihn noch rasch gekauft, bevor meine Bücherfastenzeit begann. 

Pat Barker lässt Briseis ihre Geschichte mit bitterer Lebenserfahrenheit und analytischer Beobachtungsgabe erzählen und liefert so das Bild einer Situation, in der die Frauen den Männern vollkommen ausgeliefert sind, so wie sie schon ihren Vätern und Ehemännern ausgeliefert gewesen waren. Die Sprache, die sie für ihre Erzählung verwendet, ist die der Gegenwart, und Kristin Atherton geht in ihrer Präsentation des Audiobooks noch einen Schritt weiter: Sie lässt die Frauenfiguren in verschiedenen englischen Akzenten sprechen. Das fand ich zwar überraschend, aber sehr gelungen. Parallel zur Erzählung der Briseis werden Teile der Geschichte auch aus männlicher Sichtweise präsentiert, im Hörbuch gelesen von Michael Fox. 

In der Welt, von der Briseis berichtet, haben Frauen keine Stimme. „Einem Mädchen geziemt es zu schweigen“ haben sie nicht erst nach ihrer Versklavung zu hören bekommen, sondern schon von frühester Jugend an. Sie haben kein Mitspracherecht bei Entscheidungen über ihr Leben, und ihr Wert richtet sich, sowohl als Ehefrau als auch als Sklavin, allein danach, ob sie Mutter eines Sohnes geworden sind. Briseis weiß, wie Männer ticken, aber sie verwendet dieses Wissen nicht, um ihre eigene Situation zu verbessern, und sie macht auch sonst keinen Versuch, gegen ihr Schicksal anzukämpfen, so, als wären die Befehle der Männer und die Gesetze des Krieges Naturgesetze. Es war schwer für mich, ihr dabei zuzusehen, aber Pat Barker ist es gelungen, mir dieses Verhalten zumindest glaubhaft zu machen. Ebenso hat sie es geschafft, die kranke Logik der Kriegsführung und die seltsamen Ehrbegriffe der am Krieg beteiligten Männer so zu beschreiben, dass sie als Motive für deren Taten plausibel werden. Dabei erzählt sie eine spannende Geschichte, mit der sich die Man Booker-Preisträgerin von 1995  den Aufstieg in die nächste Runde des Women’s Prize for Fiction meiner Meinung nach mehr als verdient hat. 

Auf der Longlist steht auch noch ein zweiter Roman, in dem es um eine Frauengestalt aus der griechischen Mythologie geht. Madeline Millers Version des Lebens der Circe. Bevor ich den in Angriff nehme, muss ich aber wohl noch Millers Debütroman Das Lied des Achilles (The Song of Achilles) lesen. Nach Ostern werde ich mir anschauen, ob die Helden von Troja darin besser wegkommen.

Pat Barker, The Silence of the Girls. Als Audiobook gelesen von Kristin Atherton und Michael Fox. Penguin Books Ltd. 2018. 10 h 44 min.

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Bücherfasten

Von Aschermittwoch bis Ostern keine Bücher lesen, außer vielleicht am Sonntag? Das wäre ja vollkommen sinnlos, Verzicht um des Verzichts willen. Trotzdem habe ich mir für die Fastenzeit vorgenommen, auf Literatur zu verzichten, und zwar auf neu angeschaffte Literatur. Auf die Idee dazu hat mich Jule gebracht, die im letzten Beitrag in ihrer Leseecke angekündigt hat, mit Blick auf ihren SuB und auch aus Zeitmangel in nächster Zeit keine Rezensionsexemplare anfordern und anstelle von Neuerscheinungen vermehrt Bücher der Backlist lesen zu wollen. Sie hat mir mit ihrem Beitrag aus der Seele geschrieben. Auch ich komme mit dem Lesen und Besprechen kaum nach; das Beitragsbild zeigt das Regal, in dem ich meinen SuB verstaut habe, und zwar in zwei Reihen. Neben extra angeforderten Rezensionsexemplaren finden sich da Bücher, die ich als Vorbereitung auf meine Vietnamreise im heurigen Februar lesen wollte, solche, die ich letztes Jahr aus Irland mitgebracht habe, Titel von der Buchmesse 2017 und, was ganz besonders schmerzt, ein Roman, den eine sehr liebe Freundin für mich als Geburtstagsgeschenk ausgewählt hat – vor drei Jahre!

Bücher sind ein Schatz, aber nur dann, wenn sie auch gewürdigt, und das heißt in erster Linie gelesen werden. Ungelesen werden sie zu bedeutungslosen Konsumgütern, ebenso nutzlos wie das zwanzigste weiße T-Shirt oder das fünfte Paar schwarze Pumps. Daher bis Ostern kein weiteres Rezensionsexemplar, kein Spontankauf aus der Auslage einer Buchhandlung, kein Das-wollte-ich-immer-schon-lesen-Schnäppchen aus der Wühlkiste. Eine Ausnahme werde ich allerdings machen: Ende März fahre ich wieder zu Literatur im Nebel. Stargast ist heuer Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee, und ich werde mir die Chance nicht entgehen lassen, den einen oder anderen seiner Titel zu kaufen, um ihn  signieren zu lassen. Ganz oben auf meinem SuB liegt übrigens Salvage the Bones von Jesmyn Ward. Das habe ich aus Anlass des Black History Month 2018 angeschafft, und ich freue mich schon sehr darauf, es jetzt endlich zu lesen. Verzicht mit Mehrwert.

Travelling Vietnam – #Hanoi

Hanoimonkthumb__MG_3699_1024Seit zwei Wochen bin ich nun wieder zurück aus Vietnam, die Koffer sind ausgepackt, die Mitbringsel sind verteilt, der Jetlag ist überstanden. Und während die vietnamesische Hauptstadt sich auf das Treffen zweier Männern vorbereitet, die noch vor wenigen Monaten über die Größe ihres Atomknopfs gestritten haben, jetzt aber scheinbar neue beste Freunde sind, sitze ich hier und versuche, aus den unzähligen Aufnahmen, die ich während meiner Reise  gemacht habe, diejenigen auszuwählen, die ich für diesen Beitrag verwenden möchte. Das dauert.

Ich hatte hohe Erwartungen an diese Reise, und sie wurden alle erfüllt. Mit meiner in Saigon geborenen, aber in New York lebenden Freundin und fünf anderen Amerikanerinnen habe ich ein Land erleben dürfen, das sich für Tết, das Neujahrsfest, ganz besonders herausgeputzt, von seiner besten Seite gezeigt hat: freundliche Menschen, traumhafte Landschaften, köstliches Street Food,  komfortable Unterkünfte (für mich nicht ganz unwichtig), angenehme Temperaturen (noch wichtiger, da ich nicht tropentauglich bin), mehr Fotomotive als Speicherplatz (siehe oben).

Ban_do_Viet_Nam
Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1193553

Dem Namen nach ist die Sozialistische Republik Vietnam immer noch kommunistisch, Parteiflaggen und das Andenken an „Onkel Ho“, den Staatsgründer Ho Chi Min, sind allgegenwärtig,  aber ich habe eine aufstrebende Marktwirtschaft erlebt, in der zwar noch viele in großer Bescheidenheit leben, echtes Elend aber entweder fast nicht existiert oder sorgsam versteckt ist. Unsere Reise führte uns von der Hauptstadt Hà Nội zunächst nach Zentralvietnam, in die alte Kaiserstadt Huế, dann weiter in die etwas südlich von Đà Nẵng gelegene Küstenstadt Hội An und anschließend wieder zurück in den Norden, in die Vịnh Hạ Long (Halong-Bucht) im Golf von Tonkin und von dort nochmals über die Hauptstadt weiter ins Gebirge, wo wir in der Mù Cang Chải Eco-Lodge weniger als 150 km von der chinesischen Grenze entfernt den für mich schönsten Teil der Reise verbrachten. In den nächsten Tagen und Wochen werde ich Euch immer wieder von dieser Reise berichten, die einem Land, von dem ich bis vor kurzem nur wenig wusste und für das ich mich auch ehrlich gesagt nur mäßig interessiert hatte, für immer einen Platz unter den Top Five meiner liebsten Reiseziele gesichert hat

Hà Nội

Einen kurzen Gruß mit ersten Eindrücken aus der Stadt am Roten Fluss habe ich Euch ja schon ganz zu Beginn meiner Reise geschickt. Ingesamt dreimal haben wir auf unserer Reise in der Hauptstadt Zwischenstop gemacht, und jedesmal hatte ich etwas Zeit, um wieder einige neue Winkel und Facetten einer Stadt kennenzulernen, die mich von der ersten Sekunde an fasziniert hat. Um sich hier wohl zu fühlen, muss man dem Gewusel einer Großstadt etwas abgewinnen können und einen etwas heruntergekommenen Kolonialstil cool finden.

 

Beides trifft auf mich zu, und da ich in der Lage bin, mich todesmutig einem nicht abreißenden Verkehrsstrom entgegenzustellen, für den Ampelsignale nur Dekorationselemente in einer ohnehin bunten Umgebung sind, hat es großen Spaß gemacht, quer durch die Stadt zu laufen, um die verschiedensten Eindrücke auf mich wirken zu lassen und an jeder Ecke andere Köstlichkeiten zu probieren. Neben kleinen und noch kleineren Restaurants, die den ganzen Tag über oft nur eine einzige Spezialität anbieten, gibt es auch Garküchen, die am Abend, wenn die Rollbalken der Geschäfte nach unten gegangen sind, auf dem Gehsteig davor ihren Betrieb aufnehmen. Auf kleinen Tischen und Plastikstühlen, nur wenige Zentimeter über dem Boden, habe ich so zahlreiche kulinarische Genüsse erlebt, für die mir ohne kundige Führung vermutlich der Mut gefehlt hätte, und entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten auch das eine oder andere Bier probiert.

 

Hanoithumb__MG_3531_1024Noch vor wenigen Jahren war das Stadtbild vor allem von Fahrrädern geprägt, erzählte meine Freundin, heute sieht man diese nur mehr sehr vereinzelt. Statt dessen düst ganz Hanoi auf Mopeds durch die Gegend. Drei Passagiere sind der Normalfall, vier keine Seltenheit, auch auch fünfköpfige Familien finden, wenn es notwendig ist, Platz. Daneben fungieren die Flitzer als Lastfahrzeuge.

Während am Stadtrand moderne Wohnbauten in die Höhe schießen und sich die Zufahrtsstraßen und Hauptverkehrsrouten nicht wesentlich von denen in westlichen Großstädten unterscheiden, haben die Gebäude im Stadtzentrum auf mich so gewirkt, als hätten sie sich seit den 1950er-Jahren nicht mehr verändert. Das ist sicher eine Illusion, trotzdem konnte ich mich an den Fassaden nicht sattsehen.

Besonders gut gefallen hat mir die Abfolge von alten und neuen Häuschen am Trúc Bạch-See, an dessen Uferpromenade nicht nur die Touristen, sondern auch die Einheimischen eine Verschnaufpause einlegen.

 

Am Trúc Bạch-See gibt es auch ein Denkmal für den vor kurzem verstorbenen US-Senator John McCain. 1967 war der Kampfpilot nach dem Abschuss seiner Maschine aus dem See gefischt und fünfeinhalb Jahre lang als Kriegsgefangener festgehalten worden, 1985 kehrte er nach Vietnam zurück und wurde zu einem der ersten Befürworter einer Aussöhnung zwischen den beiden Ländern. Dafür, dass diese über weite Strecken gelungen ist, spricht nicht nur die Errichtung der Gedenkstätte, sondern auch die Freundlichkeit, mit der die Vietnamesen den zahlreichen amerikanischen Touristen begegnen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass die Gräuel des „Amerikanischen Krieges“, wie der Krieg in Vietnam heißt, vollkommen vergessen sind, Ressentiments habe ich als Mitglied einer amerikanischen Reisegruppe aber keine gespürt. Mit unaufdringlicher Freundlichkeit und höflicher Gelassenheit, gepaart mit einer sympathischen Geschäftstüchtigkeit, begegnen die Vietnames*innen den manchmal nicht ganz bescheidenen Wünschen der Gäste aus dem Westen und stellen sich auch bereitwillig als Fotomotive zur Verfügung.

 

Nicht nur die Stadt an sich ist sehenswert, es gibt auch einige Kulturdenkmäler, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Dazu gehören vor allem der Literaturtempel, die Zitadelle von Thăng Long und die Trấn Quốc Pagode. Alle drei haben wir natürlich besucht. Davon in einem meiner nächsten Beiträge.

Greetings from Hanoi

Viele meiner Bloggerkolleg*innen lesen nicht nur gefühlt 2-3mal so viele Bücher wie ich, sie schaffen es auch, ganz regelmäßig und mit hoher Frequenz Beiträge zu posten. Da nicht davon auszugehen ist, dass sie nie krank werden, nie berufliche Spitzenzeiten erleben und nie verreisen, vermute ich mal, dass sie für all diese Fälle Beiträge im voraus geplant und erstellt haben. Ich schaffe das leider nicht: Wenn es gerade besonders viele Kurse vorzubereiten oder abzuschließen gilt oder wenn eine Reise bevorsteht, habe ich besonders wenig Zeit zum Lesen und Bloggen, und wenn so wie diesen Monat beides zusammenfällt, bleibt gar keine Zeit für mein liebstes Hobby. So ist es gekommen, dass ich diesen Beitrag nicht wie geplant noch vor meiner Abreise nach Vietnam, sondern eben erst jetzt, am ersten Abend nach meiner Ankunft in Hanoi schreibe.

Das Thema ist natürlich Vietnam, genauer gesagt die Literatur, die ich als Vorbereitung auf diese Reise gelesen habe – oder zumindest lesen wollte (siehe oben). Zwei Titel habe ich rechtzeitig geschafft: über Graham Greenes The Quiet American (Der stille Amerikaner) und Lan Cans Monkey Bridge war hier vor kurzem zu lesen. Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen  muss bis nach meiner Rückkehr warten, aber zwei andere Titel sind meine Reisebegleiter geworden: Da ist zunächst einmal Hell in a Very Small Place: The Siege of Dien Bien Puh, als Audiobook gelesen von Robertson Dean. Der amerikanische Journalist und Politologe Bernard B. Fall analysiert darin die politischen und strategischen Aspekte der Schlacht bei Dien Bien Phu nahe der Grenze zwischen dem damaligen Nordvietnam und Thailand, die, als strategischer Schachzug im Kampf gegen die Vietkong-Armee gedacht, 1954 die Niederlage der Franzosen im Indochinakrieg besiegelte. Ausgehend von minutiöser Recherche gelingt es dem Autor, auf spannende Art zu erklären, wie es zu dieser Niederlage gekommen ist und was die Hauptakteure zum Ausgang der Schlacht beigetragen haben. Eine echte Empfehlung für alle, die sich so wie ich bisher nie mit dem Thema militärische Strategie beschäftigt haben, es diesmal aber doch tun wollen und vor realitätsnahen Beschreibungen von Kriegshandlungen nicht zurückschrecken. Das Leben des Autors war übrigens von ähnlichen Gräueltaten geprägt wie sein Bericht sie zum Thema hat: 1926 in Wien geboren musste er vor den Nazis nach Frankreich flüchten, schloss sich schon mit 16 der Resistance an, studierte nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich, Deutschland und den USA und war ab 1953 als Kriegsberichterstatter in Südostasien tätig. Er stand dem Engagement der USA in der Region kritisch gegenüber und starb 1967 beim Besuch einer Einheit der US-amerikanischen Truppen in Südvietnam durch eine Landmine.

Bernard B. Fall, Hell in a Very Small Place – The Siege of Dien Bien Phu. Gelesen von Robertson Dean. Tantor Media Inc. 2016, 19 h 30 min.

Mehr als 50 Jahre später ist Vietnam ein friedliches Land, dem man die Spuren des Krieges zumindest auf den ersten Blick nicht mehr ansieht.

 

Nachdem wir den heutigen Tag auf einem ausgiebigen Spaziergang durch Hanoi  erste Eindrücke gesammelt haben, geht es morgen mit dem Flugzeug in die alte Kaiserstadt Hue in Zentralvietnam weiter. Auf dem Flug werde ich hoffentlich auch The Gangster We Are All Looking for von Le Thi Diem Thúy fertig lesen und in den nächsten Tagen davon berichten können.

Bis dahin liebe Grüße

Eure Niamh

Vom Überqueren der Flüsse

Wenn die Reisbauern des Mekong-Deltas in ein anderes Dorf oder auf den Markt gehen wollten, dann führte ihr Weg sie über monkey bridges, nur aus Bambusgeflechten auf Pfeilern bestehende Übergänge.

The secret of such crossings lies in the ability to set aside the process itself in favor of seeing the act whole and complete. It could be dangerous, of course. But we had no other bridges, and rivers had to be crossed, so why not pretend we could do it with instinct and ease? (S. 179)

In Monkey Bridge erzählt Lan Can eine Geschichte, die zahlreiche Elemente ihrer eigenen enthält. Die vierzehnjährige Mai Nguyen kommt aus Südvietnam in die Vereinigten Staaten und lebt  einige Monate bei einer befreundeten amerikanischen Familie, bis ihre Mutter Thanh unmittelbar vor der Machtübernahme der Kommunisten am 30. April 1975 ebenfalls die Heimat verlässt. Mais Großvater, Baba Quan, ein Reisbauer aus dem Mekong-Delta, bleibt in Vietnam zurück. Durch die vollkommen neue Lebenssituation stellt sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter auf den Kopf: Mai, die sich gut zurecht findet und aufs College gehen möchte, übernimmt die Verantwortung für ihre Mutter, die mit ihrem Herzen  in Vietnam geblieben ist. Die monkey bridges sind das Symbol für die Wege, die die beiden Frauen auf ihrem Weg in die Zukunft zu beschreiten haben, denn „die Flüsse müssen überquert werden.“ (S. 179, eigene Übersetzung)

Meine Meinung: Lan Cao, heute Professorin für Internationales Recht an verschiedenen amerikanischen Universitäten, teilt ihr Schicksal mit hunderttausenden Exil-Vietnames*innen. 1961 als Tochter eines südvietnamesischen Vier-Sterne-Generals in Saigon geboren, hat sie sich nach der Flucht ihrer Familie in den USA ein erfolgreiches Leben aufgebaut, während die alte Heimat in einer der vietnamesischen Communities der neuen Heimat weiterlebt. Ich war vor vielen Jahren Gast bei einer Hochzeit in der mit über 189.000 Mitgliedern größten dieser vietnamesischen Communities in den USA,  Little Saigon in Orange County, Kalifornien, und habe noch heute Bilder von Scharen sich lebhaft unterhaltender vietnamesischer Tanten und Cousinen in einer typisch amerikanischen Shopping Mall bei der Anprobe der traditionellen Tracht für die vietnamesische Braut und den amerikanischen Bräutigam vor Augen. Glückliche, zufriedene Menschen, dachte ich, die es geschafft haben, den Schrecken des Krieges zu entkommen und sich ein glückliches, zufriedenes Leben in einer neuen Welt aufzubauen, begleitet von den Traditionen der alten Heimat, aber vollkommen selbstverständlich auch in der neuen zu Hause. Offenbar hatten sie die monkey bridges erfolgreich überquert. 

Die Geschichte davon, wie Mai Nguyen es über die Brücke schafft, beginnt in einem anderen Little Saigon, jenem in Arlington, Virginia, in der Nähe von Washington D.C. Sie erzählt aber nicht nur von den glücklichen Momenten, sie zeichnet auch und vor allem ein Bild der Spannungen und inneren Konflikte, die ein Lebensweg mit sich bringt, der in einer traditionsbewussten Welt in Südostasien beginnt, in der Kolonialismus und Krieg nicht notwendigerweise den Alltag, aber die Zukunft der Menschen bestimmen. Die Autorin zeigt auch, dass die Konflikte nicht erst mit dem Krieg und der Flucht beginnen, sondern ihre Wurzeln schon im Feudalsystem des Ursprungslandes haben. 

Der 1997 erschienene Roman gilt als erstes literarisches Werk, in dem sich eine vietnamesisch-amerikanischen Autorin mit den Erfahrungen des Krieges und seinen Nachwirkungen auseinandersetzt. In diesem Sinne ist der Roman sicher politisch relevant, und ich habe eine Idee davon bekommen, was der Amerikanische Krieg, wie er im Land genannt wird, für die Bewohner Südvietnams bedeutet hat. Darüber hinaus ist es aber auch die spannende Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung zwischen zwei Kulturen, auch wenn die Erzählweise für mich machmal einen etwas zu pathetischen Grundton hatte.

In ihrem zweiten, 2014 erschienen Roman The Lotus and the Storm beschäftigt sich die Autorin nochmals mit der Geschichte ihrer beiden Heimatländer. Der Verlag hat diesen Titel als „erstes Portrait des Vietnamkriegs aus Sicht einer vietnamesisch-amerikanischen Autorin“ beworben. Die Bestellung ist schon draußen. 

Lan Cao, Monkey Bridge. Penguin Books 1998. 260 Seiten.