King Lear als Medienmogul

Heute erscheint die deutsche Übersetzung des neueste Bandes aus der Hogarth Shakespeare-Reihe: Dunbar und seine Töchter ist Edward St Aubyns Version von Shakespeares King Lear. In Shakespeares Stück beschließt der alte König Lear, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Von der zurückhaltenden Reaktion seiner Lieblingstochter Cordelia erzürnt enterbt er sie, sie verlässt den Hof und Lear übergibt sein Erbe an Goneril und Regan, die im Gegensatz zu ihrer Schwester heuchlerisch und berechnend sind. Sobald diese beiden die Macht in Händen halten, hat jedoch jede Schmeichelei ein Ende und sie versuchen, den alten Herrscher  möglichst schnell kaltzustellen. Daraufhin kehrt Cordelia zurück, um ihren Vater zu retten. Unterstützt wird sie dabei vom Earl of Kent, einem treuen Weggefährten des Königs, der ebenfalls in Ungnade gefallen ist.

In St Aubyns Version des Stoffes ist die Titelfigur Henry Dunbar, der aus einem kleinen Verlag ein mächtiges Medienimperium aufgebaut hat. Seine Töchter Abigail und Megan haben den 80-Jährigen in ein Sanatorium in Cumbria im Nordwesten Englands verfrachtet, wo er mit Medikamenten vollgepumpt wird, um ihn ruhig zu stellen. Geholfen hat ihnen dabei Dunbars persönlicher Arzt Dr. Bob, der dafür einen Millionenbetrag bekommen hat und den die Schwestern nach Belieben für Liebesdienste zu sich beordern, die für ihn alles andere als ein Vergnügen sind. Während der medikamentensüchtige Arzt Pläne schmiedet, wie er den durchgeknallten Schwestern entkommen und dabei noch weitere Millionen abräumen kann, ist Dunbar die Flucht schon gelungen. Gemeinsam mit dem alkoholkranken Komiker Peter Walker hat er sich aus dem Sanatorium davongemacht, und auf seiner unfreiwilligen Wanderung durch den Lake District wird ihm klar, wie unrecht er seiner Lieblingstochter Florence getan hat, die auf ihren Anteil am Erbe nur deshalb verzichtet hat, weil sie einen bescheideneren Lebensstil anstrebt – wenn der Ausdruck bescheiden für die Bewohnerin eines Apartments mit Ausblick auf den New Yorker Central Park irgendeine Berechtigung haben kann. Weiterlesen »

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München, Chamberlain und Churchill

Einer der Stargäste der BuchWien ist der britische Schriftsteller Robert Harris, der im Prunksaal des Heeresgeschichtlichen Museums („just like home“ ist sein augenzwinkernder Kommentar zum  opulenten Ambiente) seinen soeben auf Deutsch erschienen Roman München präsentiert hat. Munich, das Münchner Abkommen, erläutert Harris, sei in Großbritannien ein Synonym für die Schande, Nazideutschland nicht von Beginn an mit Entschiedenheit die Stirn geboten zu haben. Statt dessen trafen sich der britische Premier Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsent Édouard Daladier und der italienische Regierungschef Benito Mussolini am 29. September 1938 mit Adolf Hitler, um sich im Münchner Abkommen darauf zu einigen, dass die Tschechoslowakei (die nicht mit am Verhandlungstisch saß) das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten müsse. Auf diese Weise wollte Neville Chamberlain den von Hitler ganz offensichtlich angestrebten Krieg verhindern oder zumindest hinauszögern, und diese Strategie ging als Appeasement Policy (Beschwichtigungspolitik) in die Geschichtsbücher ein und sei etwas, wofür die Briten sich heute noch schämen, erläutert Harris, der mit seinem Buch ganz bewusst versuchen möchte, diese Interpretation der Geschehnisse zurechtzurücken. Dafür sieht er gute Gründe. Er zitiert Chamberlains Nachfolger Winston Churchill: „Der arme Neville wird in der Geschichte nicht gut wegkommen, weil ich diese Geschichte schreiben werde.“ Tatsächlich erhielt Winston Churchill 1953 „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“ den Nobelpreis für Literatur.

Im Podiumsgespräch mit dem deutschen Kulturjournalisten und Übersetzer David Eisermann weist Harris darauf hin, dass Hitler selbst das Münchner Abkommen später als Fehler gesehen habe: Hätte er den Krieg schon 1938 beginnen können, hätte er ihn auch gewonnen, weil Großbritannien damals noch unvorbereitet gewesen wäre. Neben dem Hinauszögern des Kriegsbeginns sei Chamberlain aber noch ein weiterer kluger Schachzug gelungen, meint Harris: Er habe Hitler dazu gebracht, eine Friedenszusicherung zu unterschreiben, was es später leicht gemacht habe, ihn als unzuverlässigen Bündnispartner und Lügner zu entlarven.

Robert Harris gibt interessante Einblicke in seine Arbeitsweise. Eine wichtige Inspiration seien für ihn die Orte, an denen die im Roman dargestellten realen Geschehnisse stattgefunden haben. Erst wenn er „die Geografie inhaliert“ habe, könne er sich in die Abläufe und die Charaktere hinein fühlen. Daher habe er im Zuge der Recherchen für den Roman unter anderem Hitlers Privatwohnung in München besucht, wo dieser sich mit seiner Nichte ein Badezimmer geteilt habe, und natürlich auch den „Führerbau“, wo das Abkommen von 1938 unterzeichnet wurde und in dem sich heute die Musikhochschule befindet. So sei es ihm gelungen, die im Roman vorkommenden realen Personen glaubwürdig und realitätsnah darzustellen. Neville Chamberlain sei nicht gerade „die atemberaubendste Persönlichkeit“ gewesen, sondern eher zurückhaltend und scheu, aber die Darstellung seines Umfeldes, beispielsweise seiner Ehefrau, die für ihren ungenießbaren Kaffee bekannt war, habe ihm hier geholfen. Und auch wenn die handelnden Personen teilweise fiktive Charaktere sind, so beziehen sich die geschilderten Abläufe und Dialoge auf reale Geschehnisse. Als Beispiel nennt Harris einen Leserbrief in The Times, der nicht für den Roman erfunden wurde, sondern tatsächlich zum genannten Datum in der Zeitung erschienen war.

München wird vom Verlag als Politthriller angekündigt, und Moderator Eisermann stellt die Frage, wie man einen Thriller zustandebringen könne, wenn der Ausgang der Geschehnisse bekannt sei. Das hänge allein davon ab, wie gut er als Autor einen Spannungsbogen ziehen könne, antwortet Harris. Ob ihm das tatsächlich gelungen ist, werde ich beurteilen können, sobald ich das Buch fertig gelesen habe, zurzeit sieht es ganz danach aus.

Robert Harris, München. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 432 Seiten. 

Im englischen Original: Munich. Hutchinson London 2017, 352 Seiten.

 

buchwien 17

Nachdem ich die Lange Nacht der Bücher aus Termingründen leider verpasst habe geht es am Donnerstag zu Mittag endlich auf die buchwien. Das Programm auf der und rund um die Buchmesse, die heuer zum 10. Mal stattfindet, hat einiges zu bieten, wenn man sich für englischsprachige Literatur interessiert.

Zunächst ist da das heurige Gratisbuch im Rahmen der Aktion Eine Stadt.Ein Buch: Letzte Nacht vom US-amerikanischen Schriftsteller Stewart O’Nan. Das Buch ist 2007 erschienen und erzählt von den letzten Stunden vor der endgültigen Schließung einer Filiale der Restaurantkette Red Lobster im US-Bundesstaat Connecticut, geschildert aus Sicht des Restaurantmanagers. Ab Freitag werden 100.000 Exemplare davon kostenlos in Wiener Büchereien verteilt, und ich bin sicher, dass meine Bibliothek eines davon für mich aufhebt.

Schon Donnerstag Abend gibt es aber das erste Highlight: Robert Harris wird im Heeresgeschichtlichen Museum seinen soeben auf Deutsch erschienenen Politthriller München vorstellen, in dem es um die Verhandlungen zum Münchner Abkommen zwischen Chamberlain, Hitler, Mussolini und Daladier im Jahr 1938 geht. Wien hat da gegenüber der titelgebenden Stadt München die Nase vorn, wo das Buch erst am Freitag präsentiert wird.

Auch der dritte englischsprachige Autor der buchwien beschäftigt sich mit einem länderübergreifenden Thema: Der britische Journalist Nick Thorpe begibt sich in Donau – Eine Reise gegen den Strom auf ebendiese Reise, vom Schwarzen Meer 2857 Kilometer flussaufwärts bis zum Schwarzwald, wo Europas zweitlängster Fluss entspringt. Da ich schon lange einmal die Donau entlang reisen wollte, die in Wien anders als beispielsweise in Budapest im wahrsten Sinn des Wortes eine Rand-Erscheinung ist, werde ich diese Buchpräsentation keinesfalls verpassen. Und mal sehen, was mir beim Wandern von einem Messestand zum nächsten noch ins Auge springt, es gibt da sicher noch einiges mehr an Lesenswertem zu entdecken und zu berichten.

 

Von der Herkunft von Wörtern

Laut Duden ist Etymologie ‚die Wissenschaft von der Herkunft und Geschichte der Wörter und ihrer Bedeutungen‘, und mit ebendieser Herkunft und Geschichte von Wörtern beschäftigt sich Mark Forsyth in seinem 2011 erschienen Buch The Etymologicon: A Circular Stroll through the Hidden Connections of the English Language, auf Deutsch in etwa „eine Rundreise auf den geheimen Verbindungswegen der englischen Sprache“. Es ist eine sehr vergnügliche Rundreise, und sie beginnt mit einem Augenzwinkern: Gelegentlich fragen mich Menschen nach der Herkunft eines Wortes, aber sie machen diesen Fehler immer nur einmal, so lässt sich der Einleitungssatz im Vorwort des Buches übersetzen. Forsyth erzählt hier wie er, nach dem Ursprung des Wortes biscuit gefragt, den Fragenden unaufgefordert auch mit Informationen zu Begriffen wie bisexual, masochism und Kafkaesque versorgt habe, bis dieser sich zwei Stunden später durch eine Flucht aus dem Fenster vor einem Diagramm zur Veranschaulichung des Zusammenhangs zwischen dem Namen Philip und dem Begriff hyppopotamus in Sicherheit gebracht habe. Daraufhin hätten Familie und Freunde ihm, Mark Forsyth, nahegelegt, sein zwanghaftes Verhalten in Ermangelung anderer leistbarer Alternativen durch das Schreiben eines Buches zu kanalisieren. Er solle mit einem einzelnen Wort beginnen und dann noch eines dranhängen und noch eines und so weiter bis zur vollkommenen Erschöpfung. Ein solches Buch habe den Vorteil, dass man es öffnen und vor allem auch wieder schließen könne. Weiterlesen »

John Steinbeck rediscovered

Meine erste Begegnung mit John Steinbeck hatte ich im Gymnasium, und ich konnte wenig mit seinen Büchern anfangen. Pathetische Geschichten über einfache Menschen, zu ereignislos und deprimierend für meinen Geschmack, einfach stinklangweilig. Erst als ich viele Jahre später eher zufällig Verfilmungen von Cannery Row und Of Mice and Men sah, dämmerte mir, dass mir da etwas entgangen sein könnte, und ich beschloss, dem Autor und mir noch eine Chance zu geben. Es war eine gute Entscheidung.

Cannery Row – Die Straße der Ölsardinen, erschienen 1945, erzählt vom Leben in der kalifornischen Küstenstadt Monterey während der Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit. Das Leben der Cannery Row wird tagsüber von den Fischkonservenfabriken dominiert, denen sie ihren Namen verdankt. Wenn aber alle Fische verarbeitet und die Fabriksarbeiter nachhause gegangen sind, gehört die Straße wieder den Menschen, die an ihr leben: Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und  Spieler. Man könnte sie aber auch Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer  nennen, es kommt nur auf den Standpunkt an.

Da ist zunächst Doc, der Inhaber und Betreiber des Western Biological Laboratory. Weiterlesen »

Shakespeares Shylock

Es gibt Bücher, mit denen man ein wenig Geduld haben muss, Shylock von Howard Jacobson war für mich eines davon. Über das erste Drittel des Romans geben sich die beiden Hauptcharaktere, der wohlhabende Kunstsammler Simon Strulovitch und der Witwer Shylock, die einander auf dem jüdischen Friedhof von Manchester begegnet sind, geschliffenen Dialogen hin, sonst passiert allerdings nicht viel. Kurz nach der Begegnung zieht Shylock in Strulovitchs Haus ein und zwischen den beiden Männern entspinnen sich Streitgespräche, deren Hauptthemen die jüdische Identität und der Antisemitismus sind. Was bedeutet es, Jude zu sein? Wer trägt Schuld an Judenverfolgung und Diskriminierung? Wie darauf reagieren? Haben etwa die Juden selbst Anteil daran?  Wir erfahren, dass Strulovitch in erster Ehe mit Ophelia-Jane, einer Christin, verheiratet war und daraufhin von seinen Eltern für tot erklärt wurde. Weiterlesen »

Am Strand

Am vergangenen Donnerstag wurde beim Toronto International Film Festival On Chesil Beach vorgestellt, die Verfilmung des ersten Ian McEwan-Romans, den ich je gelesen habe. Seit dieser Lektüre sind einige Jahre vergangen und mehrere Romane des britischen Autors dazugekommen, beeindruckt hat mich bisher jeder davon. Einige warten noch in meinem Bücherregal, und das schon seit November 2015. Damals war Ian McEwan Ehrengast beim Literaturfestival Literatur im Nebel, ich hatte daher die seltene Gelegenheit, den Autor, der sich nicht eben ins Rampenlicht drängt, gleich zwei Tage lang live zu erleben, und konnte einen ganzen Stapel signierter Buchexemplare mit nach Hause nehmen.

Bei Literatur im Nebel werden jedes Jahr Werke eines bestimmten Autors oder einer Autorin von namhaften Schauspielern auszugsweise präsentiert. Für Am Strand waren das Julia Koschintz und Manuel Rubey, und ihre Darbietung war für mich eine große Überraschung.

Das Buch hatte mich beim Lesen zutiefst berührt. Weiterlesen »