Handsome John Cole

Hier ist er nun, der versprochene Beitrag über den Gewinner der Costa Book Awards 2016:

Handsome John Cole, so nennt Tom McNulty, der Erzähler in Sebastian Barrys Days Without End, seinen Freund und Lebenspartner. Thomas ist ein irischer Einwanderer, der vor der Hungersnot in seiner ursprünglichen Heimat in die USA geflohen ist und sich dort nacheinander in zwei nicht weniger lebensbedrohenden Katastrophen wiederfindet, zuerst als Soldat im Krieg gegen die Indianer, kurze Zeit später auf Seite der Nordstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg gegen den Süden.

Mit Days without End hat Sebastian Barry den Hauptpreis der Costa Book Awards als erster Autor schon zum zweiten Mal gewonnen. In einem Interview  sagt er darüber, wie das Buch zustandekommen ist: „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, und ich bin nicht sicher, ob ich es wissen will.“ Er habe nach einjähriger Recherche über die geschichtlichen Hintergründe erfolglos den richtigen Weg gesucht, die Geschichte zu erzählen, bis Tom McNulty dann plötzlich begonnen habe, ihm von den Ereignissen zu berichten; er habe diesen Bericht gleichsam nur aufgeschrieben. Genau so klingt die Erzählung auch, authentisch, ehrlich, geradlinigen, oft humorvoll, auch wenn die Inhalte nicht lustig, sondern brutal und tragisch sind, dabei aber nie respektlos. Eine ungewöhnliche und doch einfache Geschichte eines einfachen Einwanderers und Soldaten, chronologisch erzählt. Aber wenn Barry im Interview meint, eine seiner selbstauferlegten Regeln beim Schreiben sei „no poetry“ gewesen, dann kann damit keinesfalls eine Sprache ohne poetische Ausdruckskraft gemeint sein. Zwei Beispiele: „Everything she says has grammar in it. She sounds like a bishop.“ und „Off they rode like chaps expecting death sooner than Christmas.“

Barry hat das Buch seinem homosexuellen Sohn gewidmet, und Homosexualität  wird von „Tomasina“ und John mit einer Selbstverständlichkeit gelebt, die man sich aus heutiger Sicht für das 19. Jahrhundert kaum vorstellen kann. Die Beziehung zwischen den beiden ist Teil ihrer Identität und wird weder von ihnen noch von ihrer Umgebung in Frage gestellt. Die zentralen Themen sind Freundschaft, Liebe, familiäre Bindungen, Krieg und Tod, nicht sexuelle Orientierung.

Die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung ist erst für 2018 angekündigt, aber so lange muss man auch dann nicht warten, wenn man seit der Schulzeit kein  englischsprachiges Buch mehr gelesen hat.  Wie die zitierten Beispiele zeigen, gelingt es Barry, komplexe Bilder in einfachen Worten auszudrücken. Der literarische Genuss wird auch dann nicht geschmälert, wenn der Wortschatz der Leser_innen im Englischen noch ausbaufähig ist.

Sebastian Barry: Days Without End. Faber and Faber Ltd. 2017, 313 Seiten.

Als Audiobook gelesen von Aidan Kelly. Wholestory Audiobooks 2017, 478 min.

2 Gedanken zu “Handsome John Cole

  1. […] Erst im Februar 2018 über einen Buchpreis 2017 zu berichten, scheint etwas verspätet, aber tatsächlich werden die Preisträger der Costa Book Awards immer erst im Jänner des darauffolgenden Jahres bekanntgegeben: Anfang Jänner die Gewinner in 5 Einzelkategorien (First Novel Award, Novel Award, Biography, Poetry, Children’s Books), Ende Jänner der aus diesen 5 Preisträger_innen gewählte Hauptpreis. Ich kenne bei weitem nicht alle Siegertitel der letzten Jahre, aber die, die ich kenne, haben mir alle gefallen, und zwei davon habe ich auf diesem Blog auch schon vorgestellt: Colm Tóíbin hat 2009 mit Brooklyn den Hauptpreis gewonnen, der Hauptpreisträger von 2016 war Sebastian Berry mit Days without End. […]

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