Literatur im Nebel

Der Titel Literatur im Nebel ist für das seit 2006 in Heidenreichstein im Waldviertel stattfindende Literaturfest nun nicht mehr ganz zutreffend, ist die Veranstaltung doch aus dem nebeligen Herbst in den sonnigen Frühling verlegt worden, aber der Ehrengast war auch heuer ein absoluter Volltreffer: Mit der aus Weißrussland stammenden Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch setzt sich eine beeindruckende Gästeliste fort, und die Autorin gemeinsam mit ihren Werken kennenlernen zu dürfen ist die ziemlich anstrengende Anreise im eigenen Auto am Freitag Nachmittag und das lange Sitzen auf nur mäßig bequemen Stühlen in der großen Veranstaltungshalle in jedem Fall wert.

Für alle, die Alexijewitsch wie ich bisher nicht kannten: In ihren Büchern arbeitet sie zeitgeschichtliche Themen auf, indem sie Erinnerungen von Zeitzeugen zu einem Portrait der Geschehnisse und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft zusammenfügt. Im Zusammenhang mit russischer Literatur und Kunst wird oft das Adjektiv schwermütig verwendet, und Alexijewitschs Themenauswahl scheint auf dieses Wort zugeschnitten: In Die letzten Zeugen geht es um die Erfahrungen von Kindern im Zweiten Weltkrieg, Zinkjungen werden die in Zinksärgen in die Heimat zurückgeschickten Gefallenen des Afghanistankrieges genannt und so heißt das Buch über die Folgen eben dieses Krieges, und das jüngste Werk der Autorin trägt den Titel Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Auch diese Titelwahl verspricht keine allzu heiteren Betrachtungen des Lebens in den Nachfolgestaaten der  Sowjetunion, und ähnliches gilt für den verheißungsvollen Titel Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Vielleicht war es ja kein Zufall, dass Literatur im Nebel diesmal nicht im November auf dem Programm stand. Vielleicht steckt dahinter das Bemühen, die äußeren Gegebenheiten vorsorglich als Gegengewicht zu den Inhalten zu nutzen.

Die Bücher der Autorin bestehen fast ausschließlich aus den Aussagen, die sie in manchmal kurzen, manchmal tagelangen Interviews zusammengetragen hat. Ihre eigenen Kommentare beschränken sich darauf, die Reaktionen der Erzählenden kurz zu umreißen: „Sie winkt ab“ oder „Sie schweigt“. Roman in Stimmen nennt sie selbst ihre Erzählweise, und die Frage, ob es sich bei dieser Art des Schreibens wirklich um Literatur oder nicht doch eher um Journalismus handle, wischt sie in einem Podiumsgespräch ohne viel Federlesen vom Tisch: „In der Kunst fragt heute keiner, ist das Kunst, wenn man eine Installation sieht. Warum wollen wir so eine Auswirkung in der Literatur nicht zulassen?“ Svetlana Alexijewitsch bezeichnet sich selbst als Historikerin der Gefühle, die versuche, die Geschichte der Menschen zu erforschen. „Wir leben in einer Welt, in der es nicht mehr möglich ist, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden, und wir haben es mit einem Menschen zu tun, den die Literatur so nicht kennt. Ein Menschenleben ist bei uns gar nichts wert, in anderen Kulturen ist das anders. Der Mensch ist fließend. Ich muss einen Menschen in dem Moment erwischen, in dem er erschüttert ist. Künstlerisches Schaffen hat immer mit Intuition zu tun. Warum soll ich etwas erfinden, wenn ich diese Stimmen habe? Man könnte aus diesen authentischen Stimmen ein Bild bauen und diese Stimmen so festhalten. Ein Schriftsteller muss etwas Neues am Menschen erkennen, was vorher noch nicht beschrieben worden ist. „Im übrigen sei sie froh darüber, dass derartige Fragen ja seit heuer Bob Dylan beantworten könne.

Die im Lauf dem Podium von Schauspieler_innen wie Maria Köstlinger oder Bernhard Schir vorgelesenen Textpassagen lassen die Geschehnisse so Wirklichkeit werden, wie das nur im Zusammenspiel von Schreib- und Schauspielkunst möglich ist, und belegen ebenso, dass die Schwedische Akademie sich nicht im Genre geirrt hat.

Nach den Interviews mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs habe sie es lange Zeit nicht einmal mehr ausgehalten, Kinder mit Nasenbluten zu sehen, so beschreibt sie ihre eigene Reaktion auf die ständige Konfrontation mit allen erdenklichen und vor allem unerdenklichen Grausamkeiten. Ihre Aufgabe sieht Swetlana Alexijewitsch im Dokumentieren von Stimmen, die ansonsten keine Stimme haben, Verbesserungen der Gesellschaft verspricht sie sich davon zumindest in nächster Zukunft allerdings nicht, lautet ihre nicht besonders ermutigende Einschätzung der politischen Realitäten.

Wer also auf der Suche nach unbeschwerter Sommerlektüre ist, sollte sich besser andere Sujets suchen als die der Autorin. Aber wer sich durch die düstere Prognose nicht abschrecken lässt, den erwartet eine intensive Leseerfahrung.

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2 Gedanken zu “Literatur im Nebel

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