The Hogarth Shakespeare Project

Hogarth Press hieß der Verlag, den die englische Autorin Virginia Woolf 1917 gemeinsam mit ihrem Mann Leonard gründete, um im eigenen Wohnzimmer mithilfe einer manuellen Druckpresse Bücher herzustellen. Was als Hobby und Selbstverlag begann wurde bald kommerziell erfolgreich, und bis 1946 veröffentlichten die Woolfs  insgesamt 527 Titel.

Heute gehört Hogarth Press zur Penguin Random House-Gruppe, und 2012 startete der Verlag das Hogarth Shakespeare Project, das den klingenden Namen der in der Vergangenheit verlegten Autor_innen – die Palette reicht von T.S. Elliot bis Sigmund Freud – eine beeindruckende Auswahl hinzufügt: Margaret Atwood, Anne Tyler, Howard Jacobson, Gillian Flynn, Jo Nesbø und andere wurden eingeladen, eines von Shakespeares Stücken als Roman nachzuerzählen. Die Idee ist nicht ganz neu und das Genre nicht besonders originell, schließlich gibt es Shakespeare auch schon als Musical und als Manga-Comic. Beim „größten Dramatiker aller Zeiten“ liegt die Latte naturgemäß immer hoch, und es gehört viel Mut zu einem Projekt, bei dem Scheitern wohl als maßlose Selbstüberschätzung interpretiert würde.

Vier Titel wurden bisher veröffentlicht, und als ersten habe ich Vinegar Girl (dt. Die störrische Braut) gelesen. Darin erzählt Anne Tyler, wie die nicht mehr ganz jungen Kate Battista von ihrem Vater, einem verwitweten Wissenschaftler, den besonders die Erziehung seiner jüngeren Tochter Bunny ziemlich überfordert, dazu gedrängt wird, seinen weißrussischen Assistenten zu heiraten, damit dieser trotz auslaufendem Visum in den USA bleiben und weiter am Forschungsprojekt des Professors mitarbeiten kann.

Der Widerspenstigen Zähmung erfolgt hier auf eine Weise, die den Kampf um weibliche Selbstbestimmung in einem traditionsgeprägten männlichen Umfeld sehr glaubwürdig ins Heute übertragen darstellt. Dr. Battista und sein Assistent Pjotr sind keine rücksichtslosen männlichen Tyrannen, sie haben nur einfach Wichtigeres zu tun, als sich mit weiblichen Problemen wie Kindererziehung, Haushaltsführung oder gar Liebe auseinanderzusetzen. Es gilt, das Wohlergehen von Labormäusen sicherzustellen und der Einwanderungsbehörde ein Schnippchen zu schlagen. Dem ist alles Andere unterzuordnen, das muss doch jede (sic) verstehen!

Es geht nicht um einen Schlagabtausch à la Elizabeth Taylor und Richard Burton wie  in Franco Zeffirellis Verfilmung des Originals, sondern um die Frage: „Wie kriegen wir das für alle einigermaßen hin?“ Klingt nicht besonders spektakulär, wird von der Autorin aber mit viel Realitätssinn und Empathie für ihre Charaktere so gekonnt dargestellt, dass es Shakespeares Theaterstück an Unterhaltungswert nicht nachsteht. Wer bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, über deren Ausgang von der ersten Seite an kein Zweifel bestehen kann, den erwartet ein Lesevergnügen zwischen Wortwitz, Situationskomik und leisen Zwischentönen.

Schiefgelesen hat übrigens einen interessanten Überblick über das gesamte Projekt und auch einige der Bücher schon gelesen.

 

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3 Gedanken zu “The Hogarth Shakespeare Project

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