Am Strand

Am vergangenen Donnerstag wurde beim Toronto International Film Festival On Chesil Beach vorgestellt, die Verfilmung des ersten Ian McEwan-Romans, den ich je gelesen habe. Seit dieser Lektüre sind einige Jahre vergangen und mehrere Romane des britischen Autors dazugekommen, beeindruckt hat mich bisher jeder davon. Einige warten noch in meinem Bücherregal, und das schon seit November 2015. Damals war Ian McEwan Ehrengast beim Literaturfestival Literatur im Nebel, ich hatte daher die seltene Gelegenheit, den Autor, der sich nicht eben ins Rampenlicht drängt, gleich zwei Tage lang live zu erleben, und konnte einen ganzen Stapel signierter Buchexemplare mit nach Hause nehmen.

Bei Literatur im Nebel werden jedes Jahr Werke eines bestimmten Autors oder einer Autorin von namhaften Schauspielern auszugsweise präsentiert. Für Am Strand waren das Julia Koschintz und Manuel Rubey, und ihre Darbietung war für mich eine große Überraschung.

Das Buch hatte mich beim Lesen zutiefst berührt. Es beschreibt, wie Edward und Florence, „jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren„, im Juli 1962 beim Abendessen in ihrer Suite in einem Strandhotel am Chesil Beach eben dieser Hochzeitsnacht entgegenzittern. Beide haben nur eine vage Vorstellung davon, was da nun auf sie zukommen wird, sind einander aber sehr zugetan und daher fest entschlossen, alles richtig zu machen. Ian McEwan führt seinen Leser_innen sehr eindringlich die Seelenqualen vor Augen, die mangelnde Aufklärung und die Unfähigkeit, über Sex auch nur zu sprechen,  mit sich bringen kann, und es hatte mich traurig und auch ein bisschen wütend gemacht, wie sehr verkorkste Moralvorstellungen die körperliche Liebe zur Qual machen können.

Die Lesung, die ähnlich einem Hörspiel die Geschichte in dramatisierter Form auf die Bühne brachte, hatte nun auf mich und auf die anderen Literaturinteressierten im Saal eine vollkommen andere Wirkung: Julia Koschintz und Manuel Rubey zeigten die komische Seite der unbeholfenen Annäherung des jungen Ehepaares, und die Lacher blieben nicht aus. Gleichzeitig gelang es den beiden Schauspielern, Florence und Edward nicht respektloser Lächerlichkeit preiszugeben.

Ich bin schon gespannt, wie die von McEwan mit großer Umsicht beschriebenen Ereignisse im Film dargestellt werden, ob eher als Drama oder unter Betonung der humorvollen Aspekte. Die weibliche Hauptrolle spielt die junge irische Schauspielerin Saoirse RonanSie ist Ian McEwans Wunschbesetzung für die Rolle, man kann also davon ausgehen, dass der Film, der Anfang 2018 in unsere Kinos kommt und bereits für einen Oscar im Gespräch ist, auch in anderen Aspekten den Intentionen des Autors entspricht. Bis zum Filmstart ist jedenfalls noch genug Zeit, den Roman zu lesen und die Geschichte so unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen.

Ian McEwan: On Chesil Beach. Vintage, London 2008, 166 Seiten.

Ins Deutsche übersetzt von Bernhard Robben: Am Strand. Diogenes, Zürich 2008, 206 Seiten.

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