Lächeln

Vorbemerkung: Die nachstehende Besprechung enthält Anmerkungen dazu, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe mich zwar bemüht, echte Spoiler zu vermeiden, aber wer ganz sicher gehen möchte, sollte vielleicht besser nicht auf Weiterlesen klicken. In jedem Fall freue ich mich schon auf eure Meinung und eure Interpretation!

Vor einigen Monaten entdeckte ich im Internetshop der irischen Buchhandelskette Dubray Books ein Angebot, an dem ich nicht vorbeigehen konnte, obwohl mein SUB eigentlich schon hoch genug war: Ein signiertes Exemplar von Roddy Doyles neuestem, bisher nur auf Englisch erschienenen Roman Smile. Jetzt war das Buch endlich an der Reihe, und das Lesen hat doppelt so lange gedauert wie erwartet. Die schlichte Sprache würde Smile eigentlich in die Kategorie der Easy Reads einordnen, wäre da nicht der Ausgang der Geschichte, der mich vollkommen verblüfft dazu veranlasst hat, sofort nach der letzten Seite wieder von vorne zu beginnen, nur um ganz sicher zu sein, dass ich da nicht etwas falsch verstanden habe. Victor Forde, 54,  hat gerade eine Trennung hinter sich. Seine wunderschöne, kluge, unkonventionelle und erfolgreiche Ex-Frau Rachel hatte ein Cateringunternehmen aufgebaut, mit dem sie zum Medienstar geworden war. Seine eigene Karriere als Journalist und Schriftsteller war nicht so recht vom Fleck gekommen, und auch sein seit langem geplantes Buch darüber, was in Irland alles falsch läuft, hat er bisher nicht schreiben können.


Jetzt möchte er nochmals von vorne anfangen. Er nimmt sich eine kleine Wohnung, beginnt wieder zu schreiben  und findet in Donnelly’s Pub Anschluss an eine Runde,  mit der er seine Abende verbringen kann. Eines Tages taucht der etwas eigenartige Edward Fitzpatrick im Donnelly’s auf. Ed behauptet, ein ehemaliger Schulkollege von Victor zu sein, aber Victor kann sich zunächst nicht wirklichen an ihn erinnern. Erst langsam kommen bei ihm die Erinnerungen an Fitzpatrick und an seine Schulzeit bei den Christian Brothers zurück, wo er zum Außenseiter geworden war, nachdem ihm ein Lehrer vor der ganzen Klasse ein „unwiderstehliches Lächeln“ attestiert hatte.

Meine Meinung: Smile beschreibt, wie ein Mann jenseits der Fünfzig versucht, sich ein neues Leben aufzubauen, ein Leben, das  nicht mehr von den Verletzungen seiner Kindheit geprägt ist und in dem er endlich dazugehört. Gleichzeitig ist es eine Geschichte mit doppeltem Boden. Die zwei Fragen, die dabei aufgeworfen werden, klingen fast banal: ‚Wie wirklich ist die Wirklichkeit?‘ und ‚Wie zuverlässig ist die Erinnerung?‘ Die Art, wie diese Fragen behandelt werden, ist jedoch alles andere als banal,  und um Antworten zu finden, musste ich das Buch sehr genau lesen. Allen, die sich wie ich nach dem zweiten Lesen immer noch nicht ganz sicher sind, was sie von der Geschichte halten sollen, empfehle ich die für mich sehr plausible Deutung des Buches von Bernard O’Keeffee.

Roddy Doyle, Smile. Johnathan Cape London 2017, 214 Seiten. 

 

 

 

3 Gedanken zu “Lächeln

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