Black History Month

Andrea von Lesen … in vollen Zügen hat in einem Blogbeitrag auf eine Aktion aufmerksam gemacht, die mir bisher vollkommen entgangen ist, nämlich den Black History Month, der in den USA im Februar begangen wird, und sie hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, welche Bücher in meinem Bücherschrank unter diesem Schlagwort einzuordnen sind.

Als erstes fällt mir da, wie vielen anderen, Die Farbe Lila (The Color Purple) von Alice Walker ein. Die Verfilmung mit Whoopie Goldberg und Oprah Winfrey fand ich toll, und auch das Buch hat mir sehr gut gefallen, ich erinnere mich allerdings daran, dass es im englischen Original gewisse sprachliche Herausforderungen liefert. Der Roman wurde zwar 1982 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet, war und ist aber nicht unumstritten, nicht zuletzt deswegen, weil die männlichen Figuren in der überwiegenden Mehrzahl dem Stereotyp des schwarzen Brutalos entsprechen.

Noch mehr beeindruckt hat mich ein Spin-off von Die Farbe Lila: In Possessing the Secret of Joy setzt sich Alice Walker, lange vor Waris Diries Wüstenblume, mit dem Thema Genitalverstümmelung auseinander. Auch hier liefert die Art der Behandlung des Themas sicher Stoff für hitzige Diskussionen, aber für mich ist es eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

Gleich das nächste auf meiner Liste zum Thema Black History ist Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird) von Harper Lee. Auch dieses erhielt den Pulitzer Prize  (1961) und wurde ebenfalls verfilmt. Die Autorin hat nach ihrem Welterfolg in mehr als fünf Jahrzehnten kein einziges Buch mehr veröffentlicht. Sie war allerdings eng mit Truman Capote befreundet und hatte ihn sehr bei der Recherche für  Kaltblütig (In Cold Blood) unterstützt. Die Tatsache, dass er das Buch veröffentlichte, ohne ihren Beitrag hinreichend zu würdigen, hinterließ in der Freundschaft tiefe Risse. Wenige Monate vor Lees Tod im Jahr 2016 wurde ein Manuskript veröffentlicht, das als Fortsetzung von To Kill a Mockingbird vermarktet wurde, in Wirklichkeit aber eine frühe Version ihres Bestsellers war. Go Set a Watchman (Gehe hin, stelle einen Wächter) wartet noch in meinem Bücherregal.

Aus einem ganz anderen Blickwinkel beleuchtet Barbara Kingsolver das Thema Black History. The Poisonwood Bible (Die Giftholzbibel) beschreibt am Beispiel einer aus den USA stammenden Familie, wie Missionare in Zentralafrika wüteten und welche persönlichen und politischen Auswirkungen das für alle Beteiligten hatte.

Beim Durchsehen meiner Bücherregale fand ich auch ein Taschenbuch, das ich schon lange vergessen hatte: In Roots brachte Alex Haley die bis dahin nur mündlich überlieferte Geschichte seiner Vorfahren zu Papier, beginnend mit Kunta Kinte, der, so erzählt man sich in Haleys Familie, 1767 auf dem Gebiet des heutigen Gambia entführt und als Sklave in die USA gebracht wurde. Der Roman wurde 1977 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, im selben Jahr kam die dazugehörige Fernsehserie heraus.

Ebenfalls schon vor einer halben Ewigkeit habe ich Black Boy gelesen, die 1945 erschienene Autobiographie des amerikanischen Schriftstellers Richard Wright. Der deutsche Titel Ich Negerjunge: die Geschichte einer Kindheit und Jugend gibt erste Hinweise darauf, was einen erwartet.

Möglicherweise nicht ganz zufällig hat Tracy Chevaliers Nacherzählung von Othello im Rahmen des Hogarth Shakespeare Project  einen ähnlichen Titel, nämlich New Boy. Die deutsche Übersetzung Der Neue ist für April 2018 angekündigt, das englische Original liegt auf meinem SuB.

Auf dem selben Stapel findet sich auch Tony Morrisons Roman Love. Ich hab noch keines der Bücher der Literaturnobelpreisträgerin gelesen,  der Black History Month ist der perfekte Anlass, das nachzuholen.

Und dann ist da noch The Bridge: The Life and Rise of Barack Obama von Pulitzerpreisträger David Remnick aus dem Jahr 2010. Mit großer Wahrscheinlichkeit exzellent recherchiert und geschrieben, aber 600 Seiten hard facts wollen erst einmal bewältigt werden.

Außerdem fallen mir auch noch zwei Autobiographien zum Thema ein: Barack Obamas Erinnerungen Dreams from my Father: A Story of Race and Inheritance, vom Autor noch vor seiner Präsidentschaft geschrieben und selbst eingelesen, gehört zu den Audiobooks, die ich immer und immer wieder hervorhole, und ich kann es nur allen empfehlen. Durchschnittliche Englischkenntnisse reichen vollkommen aus, um die Erzählung genießen zu können, aber natürlich gibt es auch eine deutsche Übersetzung: Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie. Und in einer zweiten Autobiographie, in der ich nicht damit gerechnet hätte, spielt der Kampf um die Rechte der Schwarzen ebenfalls eine sehr wichtige Rolle: Harry Belafonte  liefert in My Song: A Memoir gemeinsam mit seinem Co-Autor Michael Shnayerson interessante Einblicke und Hintergrundinformationen zur Bürgerrechtsbewegung, in der sich der Sänger stark engagiert hat. Auch diese Autobiographie kenne ich als Hörbuch im Original, und auch hier gibt es eine deutsche Übersetzung: My Song: Die Autobiographie.

8 Bücher zum Thema Black History im Bücherschrank bzw. im MP3-Player, 4 auf dem SuB, das ist keine besonders üppige Ausbeute, aber die Dichte der Auszeichnungen sagt einiges darüber aus, wie wichtig das Thema ist und dass sich die Auseinandersetzung damit lohnt.

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9 Gedanken zu “Black History Month

  1. Komme vom Querlesen während des 3. Teils meiner drei-schrittigen
    Jazz-Rezension her (auch ein starkes Black-History-Month-Buch). Zuletzt gelesen habe ich „Heimkehren“ von Gyasi. Wird manchmal mit Roots verglichen, das ich noch nicht gelesen habe… Erlebnisse von insgesamt acht Generationen dies und jenseits des Atlantiks werden in verbundenen Geschichten erzählt. Faszinierend, aber schwierig: Hat man langsam ein Gefühl für einen Charakter bekommen ist bereits die nächste Generation an der Reihe. Auf der anderen Seite lassen die einzelnen Kapitel sich nicht als Kurzgeschichten lesen, dafür sind sie zu wenig abgeschlossen. Die Brüchigkeit ist sicher gewollt: Sie spiegelt die Zerrissenheit der immer wieder entmündigten, verschleppten, gequälten Familien…
    Im Bücherschrank zähl ich mal besser nicht… habe mich vor vielen Jahren auf Literatur aus dem subsaharischen Afrika spezialisiert (weil das in meinem Studium komplett ausgespart wurde) … wäre ich also den Vormittag beschäftigt 😉

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  2. Hab zu Heimkehren gerade noch ein bisschen nachgelesen, klingt sehr interessant, danke für den Tipp! Der Plot hat mich auch an einen Bericht erinnert, den ich vor kurzem gelesen habe: die Georgetown University wurde unter anderem durch den Verkauf von 272 Sklaven finanziert und hat als (kleine) Wiedergutmachung jetzt einige Gebäude zur Erinnerung nach diesen Sklaven benannt. Außerdem vergibt die Uni spezielle Stipendien für deren Nachkommen.

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