Listening to Colin Firth

Die Entscheidung ‚Hörbuch statt Buch‘ treffe ich sehr oft deswegen, weil es eine gute Möglichkeit für mich ist, Bücher kennenzulernen, für die mir ansonsten die Zeit fehlen würde. Bei The End of the Affair von Graham Greene war das aber anders: Ich kenne das Buch schon seit meiner Schulzeit und es steht, wie alle anderen Bücher von damals, immer noch in meinem Bücherschrank. Vor einiger Zeit entdeckte ich dann eine von Colin Firth gelesene Hörbuchversion, und die hätte ich ganz sicher auch dann gekauft, wenn sie nicht mit dem AudieAwards-Preis als bestes Hörbuch des Jahres 2013 ausgezeichnet worden wäre.

Der Ich-Erzähler Maurice Bendrix, von Beruf Schriftsteller, trifft im Nachkriegslondon Henry Miles wieder, einen hochrangigen Beamten im Home Security Office, mit dessen Frau Sarah er bis 18 Monate zuvor eine Affäre gehabt hatte. Henry scheint ahnungslos, denn sonst würde er Bendrix wohl kaum sein Herz ausschütten: Er verdächtigt Sarah, ihn zu betrügen, hat aber nicht den Mut, sich Gewissheit zu verschaffen. Bendrix bietet ihm an, an seiner Stelle einen Privatdetektiv damit zu beauftragen, Sarah zu beschatten. Er tut das aber nicht aus alter Freundschaft, sondern weil ihn selbst die Eifersucht auffrisst. Sarah hatte sich damals von einem Tag auf den anderen von ihm getrennt, und die Nachforschungen des Privatdetektivs fördern unter anderem auch den Grund für das abrupte Ende der Affäre zu Tage.

Schon in der Einleitung spricht Bendrix davon, die Geschichte sei eine Geschichte des Hasses, aber der Roman erzählt auch von Liebe, Loyalität, dem Glauben an Gott und dem Versuch, sich diesem Glauben zu entziehen.

Meine Meinung (und ein paar Hintergrundinformationen): Colin Firth gelingt es, Bendrix‘ Mischung aus Hass, Liebe, Sehnsucht, Eifersucht, Grausamkeit, Zweifel an der Existenz Gottes und gleichzeitiger trotziger Auflehnung gegen diesen Gott glaubwürdig zum Ausdruck zu bringen. Er schafft es, dass ich Maurice Bendrix verstehen und mit ihm mitfühlen konnte, ohne ihm deshalb Sympathien entgegenbringen zu müssen. Auch die Passagen, in denen Sarah über ihre Tagebuchaufzeichnungen zu Wort kommt, sind so gelesen, dass man ihre Gedanken und Handlungen verstehen und ihre Liebe und Zärtlichkeit spüren kann.

Als Teenager habe ich einige von Graham Greenes Büchern gelesen und war fasziniert, aber ich wunderte mich manchmal doch sehr darüber, wie die Figuren reagieren, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas im realen Leben möglich wäre – Romane eben. Davon, dass The End of the Affair in engem Zusammenhang mit Greenes eigener Lebensgeschichte stand, hatte ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass der Autor Katholik war und das Thema Katholizismus immer wieder in seinen Büchern verarbeitet hatte. Vier davon, nämlich Brighton Rock, The Power and the Glory, The Heart of the Matter und eben The End of the Affair gelten als seine Catholic Novels.

Um mehr über die Entstehungsgeschichte von The End of the Affair zu erfahren, habe ich jetzt in Michael Sheldens Biographie Graham Greene: The Man Within nachgelesen, und Schelten bietet spannende Einblicke. Graham Greenes Ehefrau Vivien wurde 1946 von Catherine Crompton Walston, der 30-jährigen Ehefrau des äußerst wohlhabenden Henry Walston, kontaktiert. Catherine wollte  zum Katholizismus konvertieren, und Graham Greene sollte ihr Taufpate werden. Greene erklärte sich dazu bereit, schickte zur Taufe aber seine Ehefrau als Vertreterin. Später wollte er die hübsche, lebenslustige 5-fache Mutter doch kennenlernen, und das war der Beginn einer langjährigen, turbulenten Liebesbeziehung. Die Walstons führten das, was man heute eine offene Ehe nennen würde, und Catherine schien fast besessen von der Idee, möglichst viele Priester zu verführen und pflegte mit dem einen oder anderen auch eine enge Freundschaft. Für Catherine wollte Greene, der ebenfalls immer wieder Affären gehabt hatte, seine Ehe annullieren lassen, die junge Frau war aber nicht bereit, ihren Mann zu verlassen, was den zu Alkoholexzessen neigenden Autor rasend vor Eifersucht machte. Die beiden Männer kannten einander, und  Greene provozierte immer wieder Szenen, die offenbar sowohl für ihn als auch für seine Geliebte einen Teil des Reizes der Beziehung ausmachten.

Greene begann 1948 an The End of the Affair zu arbeiten und veröffentlichte den Roman 1951, nicht lange, nachdem die Konflikte ihren Höhepunkt erreicht hatten. Die Parallelen zwischen Roman und Realität sind so groß, dass das  Umfeld des Liebespaares zum Teil schockiert war: Catherine Walston wird im Roman zu Sarah Miles, ihr Mann Harry  wird oder besser gesagt bleibt Henry, und Graham Greene wird Maurice Bendrix, der wie sein Schöpfer mindestens 500 Wörter pro Tag schreibt und als Ich-Erzähler auch andere interessante Einblicke in die Arbeitsweise des Autors gibt. Die Affäre beginnt mit einem Abendessen im selben Restaurant wie im wirklichen Leben, und das Codewort für Sex ist in beiden Fällen onionsBendrix und die Miles’s  wohnen im Roman in der selben Gegend, Greene hatte sich in der Nähe der Walstons angesiedelt. All das ist im Kapitel The Third Woman von Sheldens Biographie nachzulesen, und dieses weist auch noch  auf andere Übereinstimmungen hin:

(Achtung Spoiler) Wie im wirklichen Leben werden der Ehemann und der Liebhaber im Buch Freunde, allerdings stirbt Sarah an einer Lungenentzündung, während sich Catherine bester Gesundheit erfreuen durfte und ihre Beziehung zu Greene bis in die frühen 60er-Jahre andauerte. Nach Sarahs Tod stellt sich heraus, dass sie dabei war, wie Catherine zum Katholizismus zu konvertieren, und der Priester, der nach ihrem Ableben mit ihrem Ehemann Kontakt aufnimmt, heißt Father Crompton. Crompton war Catherines Mädchenname. Graham Greene brachte seine Veröffentlichung aufs Titelblatt des Time Magazine samt wenig schmeichelhafter Coverstory, Catherine selbst hatte an dem Roman nichts auszusetzen,  

Shelden liefert in seiner Biographie, die leider nur mehr antiquarisch erhältlich ist und nie ins Deutsch übersetzt wurde, nicht nur Details zur Lebensgeschichte von Graham Greene, sondern auch Charakterstudien der Romanfiguren vor diesem Hintergrund. Auch wenn ich diesen Analysen und Deutungen nicht immer folgen wollte, sie haben The End of the Affair noch viel faszinierender gemacht, lesenswert und vor allem hörenswert ist der Roman in jedem Fall. 

Graham Greene, The End of the Affair. Als Hörbuch gelesen von Colin Firth. Audible Studios 2012. 388 Minuten.

Als Paperback: The End of the Affair. Vintage Classics, Random House UK 2004. 192 Seiten.

In deutscher Übersetzung: Das Ende einer Affäre. Aus dem Englischen übersetzt von Edith Walter. dtv 2000, 256 Seiten.

Michael Shelden, Graham Greene: The Man Within. QPD London 1994. 537 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich.

 

 

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