Black History Month in Retrospect

Heute geht der Black History Month zu Ende, Zeit für eine Rückschau:

Meine von Lesen…in vollen Zügen angeregte Bestandsaufnahme zu Beginn des Monats hatte vor allem ergeben, dass es endlich Zeit für die erste Begegnung mit einer Autorin wird, die schon viel zu lange auf meinem SuB ausharren musste: Toni Morrison.

Noch während des Lesens von Love entdeckte ich im Granta Magazine ein Interview:  Toni Morrison im Gespräch mit dem Deutschen Mario Kaiser und der Nigerianerin Sarah Ladipo Manyika. Schon die Einleitung dieses Interviews liefert interessante Einblicke: Die Sprache von Morrisons Antworten habe die gleiche Klarheit und Musikalität wie ihr literarisches Schaffen; am  Besucher-WC hänge an einer Wand der Brief des Nobelpreiskommittees, der sie als Preisträgerin für 1993 ausweist, und gegenüber eine offizielle Note des Texas Department of Criminal Justice, die darüber informiert, dass der Roman Paradise aus den Bibliotheken der staatlichen Strafanstalten verbannt worden sei, weil er Gefängnisrevolten provozieren könnte. Und, sie weigere sich, den Namen des amtierenden US-Präsidenten in den Mund zu nehmen.

Morrison erzählt, sie würde die Hörbuchversionen ihre Bücher am liebsten selbst einlesen. (Tatsächlich sind die meisten davon als Lesung der Autorin verfügbar, ich muss mir unbedingt eine besorgen!). Weiß sein, so sagt sie, sei es, was die Bevölkerung der USA zusammenhalte, den nur weiße Einwanderer konnten US-Bürger werden. Sie schreibe an, über und für andere Schwarze, und wenn es gut genug ist, dann würden es auch alle anderen lesen. Es gehe ihr vor allem darum, etwas zu vermitteln, was ihre Leser*innen vorher nicht genannt oder gewusst hatten.

Morrison spricht auch von der Macht der Verleger: den Titel ihres jüngster Romans, God Help the Child (Gott, hilf dem Kind) findet sie schrecklich, aber da habe ihr auch der Nobelpreis nicht dabei geholfen, sich durchzusetzen, sie habe ihren ursprünglichen Titel aufgeben und sich fügen müssen: Die glauben, sie tun dir einen gefallen, wenn sie deine Bücher veröffentlichen, dabei machen sie haufenweise Geld damit, und werden noch Geld damit machen, wenn du, deine Kinder und deine Enkelkinder schon tot sind.

God Help the Child erzählt von einem Mädchen, dessen Hautfarbe viel dunkler ist als die ihrer Eltern. Skin Privileges nannte man den Vorteil, der sich für manche Schwarze dadurch ergab, dass ihre Haut heller als die anderer Gruppen war, und Morrison lernte diese Idee erst an der Universität kennen und konnte damit nichts anfangen.

Die Frage, was Barack Obama ihr bei der Verleihung der Presidential Medal of Freedom ins Ohr geflüstert habe, konnte sie nicht beantworten Natürlich hatte sie ihn verstanden, aber danach habe sie sich einfach nicht mehr daran erinnern können.

Andere Fragen werden in dem Interview sehr wohl beantwortet: Wie die Figuren zu ihren Namen kommen (manchmal muss die Autorin sie danach fragen), woher ihr eigener Name kommt (sie wurde im Alter von 12 Jahren getauft und suchte sich den Namen des katholischen Schutzheiligen Antonius aus), und wie es ihr gelingt, so großartige Sexszenen zu schreiben (keine klinischen Beschreibungen, den Sex mit etwas anderem in Beziehung setzen, das interessant ist).

An dieser Stelle noch ein Tipp: für das britische Granta Magazine gibt es ein Online-Abo, aber viele Beiträge und Berichte sind, wie das obige Interview, kostenfrei abrufbar. Eine gute Idee auch für alle, die nur gelegentlich einmal in englischsprachige Literatur hineinlesen oder sich langsam ans Lesen in englischer Sprache herantasten wollen. 

Abgelenkt nicht nur durch kurze literarische Texte aus dem Granta Magazine, habe ich bisher noch keine Zeit gefunden, neben Toni Morrisons Love noch andere Bücher zum Black History Month zu lesen, aber zwei weitere stehen, neben Toni Morrison im O-Ton, ganz fix auf meiner Wunschliste:

Jana hat im Wissenstagebuch Ibram X. Kendis Sachbuch Gebrandmarkt vorgestellt, das auf dem Cover die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika verspricht. Ob der Autor dieses Versprechen halten kann, könnt ihr hier nachlesen.

Ein zweites Buch, diesmal aus dem Bereich Belletristik, ist mir gleich dreimal wärmstens ans Herz gelegt worden:

Als Erste hat Andrea von Lesen…in vollen Zügen den Roman  Heimkehren von Yaa Gyasi vorgestellt, der das Schicksal einer ghanaischen Familie über sieben Generationen vom 18. Jahrhundert bis heute nachzeichnet. Vor zwei Tagen folgte eine Besprechung von letusreadsomebooks, die den Roman ebenfalls in höchsten Tönen lobt, und dann entdeckte ich noch eine schon im September von LiteraturReich verfasste Rezension, die den Roman wie andere mit Roots vergleicht, Alex Haleys 1977 erschienenem Bericht über das Schicksal seiner Familie seit der Verschleppung eines Vorfahren aus Gambia im 18. Jahrhundert.

Meine Gedanken zu Toni Morrisons Love folgen in den nächsten Tagen, und rechtzeitig bis zum Erscheinen des Romans auf Deutsch werde ich auch noch Black Boy lesen, Tracey Chevaliers Version von Othello im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects.

 

 

 

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8 Gedanken zu “Black History Month in Retrospect

    • Hallo Petra,
      sehr gerne. Ich mag das Magazin sehr, weil es Lesestoff in kleineren Happen liefert und nicht nur den ganz großen Namen Raum gibt. Die deutsche Übersetzung von Black Boy kommt, soviel ich weiß, im April, ich hab die englische Version schon auf dem SuB. Ich freue mich auf den Austausch darüber!
      Liebe Grüße aus Wien
      Niamh

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  1. Danke für die tolle Geschichte von Toni Morrison! Ich finde es ja fabelhaft, einen Nobelpreis Brief neben einem Zensurbrief hängen zu haben. Und dann noch auf dem Gästeklo? Die Frau hat definitiv Humor. 😉
    Ich bin ja mal gespannt, wie du die neue Chevalier findest. Ihre letzten Bücher konnten mich ja nicht mehr so richtig überzeugen, ich hoffe, sie kriegt den Bogen noch.

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      • Ich war damals schwer begeistert von ihren ersten Büchern… „The Virgin Blue“, „The Lady and the Unicorn“ und natürlich „Girl with a Pearl Earring“. Danach haben mich die Bücher einfach nicht mehr so fesseln können. „Remarkable Creatures“ war nochmal die Ausnahme, aber da fand ich das Thema einfach grandios.
        Ich hatte aber immer das Gefühl, ihr ist das Händchen für ihre Figuren abhanden gekommen… Ich konnte da gar nicht mehr richtig mitfühlen.
        Aber vielleicht ist ja „New Boy“ wieder besser. Ich drück die Daumen! 🙂

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  2. Toni Morrison muss ich auch endlich lesen. Der Zeitpunkt passt. Ich ringe mich gerade durch, mir „Plack Panther“ anzusehen – und das, obwohl für mich Action-Filme eigentlich ein Graus sind und ich oft schon die Trailer im Kino als Zumutung empfinde. Aber dieser Film scheint von besonderer Bedeutung zu sein.
    Vielen Dank für die wieder wirklich interessanten Empfehlungen.

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