2018 Man Booker International Prize

Zu Wochenbeginn wurde die Longlist für den Man Booker International Prize 2018 veröffentlicht. Aus ursprünglich 108 Werken hat die Jury 13 Titel ausgewählt, die ich Euch hier gerne vorstellen möchte:

Laurent Binet, The 7th Function of Language. Der französische Originaltitel lautet La septième fonction the langage, auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die siebte Sprachfunktion erschienen. Im März 1980 wurde der französische Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes, nachdem er kurz zuvor mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten François Mitterand zu Mittag gegessen hatte, von einem Kleinlaster angefahren und erlag seinen Verletzungen. Im Roman geht Kommissar Jacques Bayard der Frage nach, ob es sich um einen Unfall oder nicht doch um Mord gehandelt habe und macht sich dabei in einer Mischung aus Umberto Ecos Der Name der Rose und Dan Browns Sakrileg auf die Jagd nach einem geheimen Manuskript über Die siebte Sprachfunktion.

Javier Cercas, The Impostor. Im spanischen Original El Impostor, in deutscher Übersetzung Der falsche Überlebende.  Erzählt wird die Geschichte des Katalanen Enric Marco, der sich 30 Jahre als Überlebender eines deutschen Konzentrationslagers ausgab, in einer Autobiographie von schrecklichen Erlebnissen berichtete und Präsident der Vereinigung der ehemaligen spanischen KZ-Häftlinge war, bevor ein Historiker 2005 aufdeckte, dass Marco sein schweres Schicksal frei erfunden hatte und 1941 freiwillig nach Deutschland gegangen war. Der spanische Autor geht der Frage nach, was Marco dazu bewegt hatte, dieses Lügengebäude zu erschaffen, an dem er selbst nach seiner Entlarvung festhielt.

Virginie Despentes, Vernon Subutex 1. Im französischen Original Vernon Subutex – Magistral et Flugurant, in deutscher Übersetzung Das Leben des Vernon Subutex. Nachdem der Titelheld mit seinem Plattenladen Pleite gemacht hat, erlebt er einen rasanten sozialen Abstieg. Um nicht auf der Straße zu landen, quartiert er sich reihum bei früheren Freunden ein, und diese dienen der Autorin als Beispiele für eine Gesellschaft am Abgrund. Der Roman war in Frankreich wochenlang auf den Bestsellerlisten, und es gibt bereits zwei Fortsetzungen, von denen eine unter dem Titel Das Leben des Vernon Subutex 2 auch schon auf Deutsch erschienen ist.

Die englische Übersetzung von Jenny Erpenbecks Roman Gehen, Ging, Gegangen wurde unter dem Titel Go, Went, Gone nominiert. So wird der Roman vom Verlag beworben: Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.

Bei Han KangThe White Book muss ich Euch den koreanischen Originaltitel leider schuldig bleiben, und auch eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht finden. Die südkoreanische Autorin wurde für ihren Roman The Vegetarian (Die Vegetarierin) bereits 2016 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet. In The White Book beschäftigt sich Han Kang mit einem Ereignis in ihrer eigenen Familie. Weiß ist in Korea die Farbe der Trauer, und das Buch ist  eine sehr persönliche Meditation über ihre Schwester, die zwei Stunden nach der Geburt starb.

In Die, My Love erzählt die argentinische Autorin Ariana Harwicz die Geschichte einer Frau, die mit ihrem Mann in eine ländliche Gegend Frankreichs zieht, die Idylle im Gegensatz zu ihm aber nicht genießen kann. Die namenlose Ich-Erzählerin wird von ihrer eintönigen Ehe und dem Alltag mit einem Kleinkind an den Rand des Wahnsinns getrieben, ihre Zerstörungskraft richtet sich jedoch nicht nach innen, sondern nach außen. Eine Buchbesprechung in The Guardian vergleicht den Roman mit den Werken des Filmregisseurs David Lynch und meint, die Geschichte sei kein easy read. Auf Spanisch ist der Roman bereits 2012 unter dem Titel Matate, amor erschienen, eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor. 

Auch der ungarische Autor László Krasznahorkai wurde schon einmal mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet: 2015 erhielt er den Preis für seinen Roman Satantango. Heuer ist er mit The World Goes On nominiert. Darin erzählt ein Erzähler 21 „unvergessliche Geschichten“, bevor er sich wieder von den Lesern verabschiedet. Laut New York Review of Books hat  Krasznahorkai einen Stil entwickelt, der sich grundlegend von aller übrigen Gegenwartsliteratur unterscheidet. Die deutsche Übersetzung erschien 2015 unter dem Titel Die Welt voran.

Antonio Muñoz Molina, Like a Fading Shadow, im spanischen Original Come la sombra  que se va. Molina erzählt drei Geschichten: Auf Basis von FBI Akten zeichnet er die 10 Tage nach, die James Earl Ray, der Mörder von Martin Luther King, Jr., unmittelbar vor seiner Verhaftung in Lissabon verbrachte. Gleichzeitig beleuchtet er seine eigene Suche nach literarischer Identität in der portugiesischen Hauptstadt im Jahr 1987, und schließlich macht er sich aus heutiger Perspektive Gedanken über sein Leben und seine schriftstellerische Tätigkeit.

Der österreichische Autor Christoph Ransmayr wurde für die englische Übersetzung seines schon vor 12 Jahren erschienen Romans Der fliegende Berg (The Flying Mountain) nominiert. Der Bergsteigerroman, in dem sich zwei Brüder in der Todeszone des Himalaya auf die Suche nach einem noch unbestiegenen Gipfel machen, ist ein formales Experiment: Der Autor verwendet den üblicherweise der Lyrik vorbehaltenen fliegenden Satz, er nennt das „Flattersatz“.

Der irakische Autor Ahmed Saadawi erzählt in Frankenstein in Baghdad (فرانكشتاين في بغداد) eine Geschichte, die im Irak nach der US-Invasion angesiedelt ist. Hadi, ein Altwarenhändler, hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen zerfetzten Körper wieder zusammenzuflicken, um ihm eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Nachdem ihm das gelungen ist, nimmt eine Seele, der der Körper im Krieg abhanden gekommen ist, den Leichnam in Besitz und beginnt, die zu töten, die für das Schlachten in Bagdad verantwortlich sind.

Die wichtigsten Motive in Flights, einem Roman der polnischen Autorin Olga Tokarczuk, (im polnischen Original Bieguni) sind das Reisen, der sterbliche Körper und die Bedeutung des Begriffs Heimat. Die Bieguni, das sind die Angehörigen einer obskuren slawischen Sekte, die in der Tradition der Wanderyogi  durchs Land gezogen sein sollen. Die Bieguni sind aber nur ein Symbol, der Roman verwebt Geschichten über das Wandern aus mehreren Jahrhunderten.

Der Taiwanesische Autor Wu Ming-Yi erzählt in The Stolen Bicycle (mit chinesischen Schriftzeichen kann ich an dieser Stelle nicht dienen, und eine deutsche Übersetzung habe ich leider auch nicht gefunden) von einem verschwundenen Fahrrad, das Chengs Vater gehört hatte, und führt uns dabei durch Taiwans Geschichte und Gegenwart.

Das letzte Buch auf der Liste ist ist so wie zwei der vorangegangenen ursprünglich auf Spanisch erschienen: In ihrem autobiographischen Debütroman The Dinner Guest (El comensal) erzählt Gabriela Ybarra von der Entführung und Ermordung ihres Großvaters durch die ETA. Gleichzeitig verarbeitet sie auch den Tod ihrer Mutter, die viele Jahre nach dieser öffentlichen Tragödie an Krebs starb. Auch hier müssen wir auf eine deutsche Übersetzung noch warten.

Am 12. April wird die Shortlist bekannt gegeben, der Gewinner folgt dann am 22. Mai. Wer in der Zwischenzeit Details darüber erfahren möchte, nach welchen Kriterien der Man Booker Prize vergeben wird, findet diese bei Jana im Wissenstagebuch.

 

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