Crime on St. Patrick’s Day

Heute feiern nicht nur die Bewohner*innen Irlands, sondern auch die  Irlandfans in aller Welt den St. Patrick’s Day. Ich bin sicher, dass es auch in Eurer Nähe ein gemütliches Irish Pub gibt, in dem Ihr mitfeiern könnt, und ich möchte auf literarische Weise Sláinte sagen, nämlich, indem ich Euch meine Lieblingskrimiautor*innen aus drei verschiedenen Städten der Grünen Insel vorstelle.

Ganz oben auf der Liste steht für mich eine Autorin: Tana French veröffentlichte 2007 In the Woods (Schattenstill), ihren ersten Roman der Dublin Murder Squad Series, und seither  sind insgesamt 6 Bände  erschienen. Der Reiz besteht darin, dass die ermittelnden Detectives nicht nur beruflich, sondern auch persönlich und vor allem emotional in die Fälle verwickelt sind. In den einzelnen Bänden werden die Ermittler*innen jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, einmal von außen, dann wieder als Ich-Erzähler*in, und meist musste ich das Bild, das ich von einem Mitglied der Squad hat, in einer der nächsten Geschichten zumindest teilweise revidieren. Meine Lieblingsfigur ist Frank Mackey, dem ich das erste Mal in Faithful Place (Sterbenskalt), dem dritten und meiner Meinung nach besten Teil begegnete bin und der in insgesamt 4 Fällen eine entscheidende Rolle spielt, ohne dass die Serie dadurch zu einer „Frank Mackey“-Reihe würde. Die Geschichten funktionieren aber nicht nur als Krimis ausgezeichnet, sie sind auch literarisch anspruchsvoll, und Tana French fordert die literarische Anerkennung für sich und ihre Krimikolleg*innen auch vehement ein: „For God’s sake, ‚Hamlet‘ is about a murder“ wird sie in einem Artikel zitiert, der aus Anlass der Veröffentlichung des sechsten Teils (The Trespasser, 2016, auf Deutsch Gefrorener Schrei) in der Washington Post erschien.

Ihr Krimikollege Ken Bruen gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Das mag damit zusammenhängen, dass der Autor, so wie sein Ermittler Jack Taylor, aus Galway stammt, einem Städtchen an der Westküste Irlands, das einer meiner Lieblingsorte ist. Der erste Teil, The Guards (Jack Taylor fliegt raus) erzählt, wie aus dem Garda ein Privatdetektiv wird. Seinen ersten richtigen Auftrag bekommt der vom Alkohol schwer Mitgenommene von Anne Henderson, die kurz zuvor ihre 16-jährige Tochter verloren hat. Anne bittet Jack, zu beweisen, dass der angebliche Selbstmord in Wirklichkeit Mord war, und dieser macht sich zunächst wenig überzeugt auf die Suche nach Hinweisen. In insgesamt 13 Bänden können wir Jack dabei zuschauen, wie er sein Leben mal auf die Reihe bekommt und dann wieder abstürzt, Beziehungen beginnt und diese wieder an die Wand fährt. Die Lösung der Fälle ist in gewisser Weise nur ein Vehikel dafür, Jacks Geschichte zu erzählen.  Er ist ein wandelndes Literaturlexikon, dem in jeder Situation, aber vor allem, wenn er in depressive Stimmung verfällt, ein passendes Zitat oder Gedicht in den Sinn kommt. Das heißt aber nicht, dass es sich nicht um „echte“ Krimis handeln würde. Immerhin waren die Bücher die Vorlage für eine meiner Meinung nach sehr gelungene TV-Krimiserie mit Iain Glen in der Titelrolle des Jack Taylor. Der literarischen Qualität des Originals kann eine Verfilmung trotzdem nur schwer gerecht werden, und das gilt in solchen Fällen manchmal auch für die Übersetzung. Hier haben die deutschsprachigen Leser*innen aber Glück. Die Bände 1 – 9 der Serie wurden von Harry Rowohlt übersetzt,  und der bürgt für Qualität. Die seit Rowohlts Tod erschienen Bände 10 – 13 sind bisher unübersetzt geblieben, und man kann nur hoffen, dass der Verlag zukünftige Übersetzungsaufträge in geeignete Hände gibt.

Der bisher letzte Jack-Taylor-Band trägt den Titel The Ghosts of Galway, und das ist die perfekte Überleitung zur Nummer 3 meiner Irish Noir Favorites, Stuart Neville. Sein Debütroman erschien 2009 unter dem Titel The Twelve, in späteren Ausgaben aber als The Ghosts of Belfast (Die Schatten von Belfast). Der alte und der neue Titel gemeinsam erzählen die Geschichte: Gerry Fegan, einst Killer im Auftrag der IRA, findet, nachdem er für seine Morde im Gefängnis gebüßt und über die Hintermänner dicht gehalten hat, ein durch das Karfreitagsabkommen verändertes Belfast vor. Es gibt keine Terroranschläge mehr und seine ehemaligen Auftraggeber sind heute angesehene Politiker und Geschäftsleute. Aber Gerry kann mit der Vergangenheit noch nicht abschließen, er muss zuerst  die 12 Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen bringen, die Stimmen seiner Opfer, die von ihm verlangen, dass er die Männer zur Rechenschaft zieht, die für ihren Tod verantwortlich sind. Irish Noir mit übersinnlichem Touch also, aber die Taten, die Fegan in der Vergangenheit verübt hat und jetzt verüben wird, sind in einer so finsteren Realität angesiedelt, dass sich die Esoterik nicht in den Vordergrund drängt. Fegans Gegenspieler auf Seite der Polizei ist Police Inspector Jack Lennon, und dieser taucht auch in den Fortsetzungen auf und gibt der Serie ihren Namen.  Auf der Krimi-Couch findet Ihr eine Aufstellung der bisher von Stuart Neville erschienen Titel in beiden Sprachen. Einer der Beiträge kritisiert die Qualität der deutschen Übersetzung, räumt aber ein, dass die Bücher trotzdem lesenswert seien.

Ich habe Nevilles Bücher als Audiobooks im englischen Original, gelesen von Gerry O’Brien, kennengelernt und war von dem Sprecher, nicht zum ersten Mal, restlos begeistert. Von ihm stammen auch die Hörbuchversionen mehrerer Romane von Tana French und Ken Bruen, und wer Hörbücher in englischer Sprache mag, dem kann ich diese Versionen nur wärmstens ans Herz legen. Alle anderen Krimifans werden aber ganz sicher auch an den deutschen Übersetzungen ihre Freude haben.

 

 

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6 Gedanken zu “Crime on St. Patrick’s Day

  1. Na dann: Sláinte!
    Bei mir wird es eher ein Schoppen Rotwein, nachdem ich aus der Stadtbücherei zurück bin. Ich will demnächst unbedingt etwas über Ned Beauman schreiben.

    Gefällt 1 Person

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