#ReadMoreWomen

Eines der Geheimnisse erfolgreicher Blogs besteht darin, regelmäßig und vor allem zu aktuellen Themen zu bloggen, aber da es in meinem Bloggerinnendasein gewisse Störfaktoren wie einen Vollzeitjob, unerwartete zusätzliche berufliche Termine, Familienausflüge und auch schon mal den einen oder anderen Fernsehfilm geben kann, sind nun trotzdem mehr als zwei Wochen seit der Veröffentlichung der Longlist des Women’s Prize for Fiction 2018 vergangen, ohne dass ich Zeit gefunden hätte, mich diesem Thema im Detail oder auch nur im Ansatz zu widmen. Wieder einmal erweist sich das Granta Magazine als nützliche Unterstützung, um up-to-date zu bleiben, und hebt in The Women Are in Insurrection von Josie Mitchell  einige der nominierten Autorinnen hervor,  die jeweils auch in verlinkten Artikeln oder Interviews zu Wort kommen.

Kamila Shamsie, deren Roman Home Fire im vergangenen Jahr schon zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen erhalten hat, ist 2015 mit der Forderung an die Öffentlichkeit getreten, 2018 sollten ausschließlich Bücher von Autorinnen  veröffentlicht werden. Wie wir wissen, ist diese Forderung Utopie geblieben. In einem ausführlichen Artikel belegt The Guardian, dass die Benachteiligung von Frauen im Literaturbetrieb ein strukturelles Problem darstellt: Nicht nur werden von den Verlagen überwiegend männliche Autoren für Preise vorgeschlagen und sind die Jurys der wichtigsten Preise überwiegend fest in männlicher Hand, auch die Protagonisten der Siegertitel sind meist genau das, Protagonisten. Die Protagonistin von Home Fire ist eine muslimische Studentin, die in dieser modernen Version von Sophokles‘ Antigone zwischen ihrem Wunsch auf Selbstbestimmung, der Loyalität zu ihrer Herkunft und Religion und der Liebe zum Sohn eines hochrangigen muslimischen Politikers in London hin- und hergerissen wird. Auf eine deutsche Übersetzung müssen wir wohl noch warten.

Jesmyn Ward ist mit ihrem Roman Sing, Unburied, Sing ebenfalls auf der Longlist vertreten. Der bereits mit dem National Book Award 2017 ausgezeichnete Roman spielt, wie schon ihr Debütroman Salvage the Bones, in der fiktiven Stadt Bois Sauvage im Mississippidelta, und wieder geht es um das Schicksal von Teenagern, die unter schwierigen sozialen Bedingungen und nur ungenügend von den Eltern unterstützt ihren Weg finden müssen. Salvage the Bones liegt, angeregt durch einen Bericht über Women in 21st Century Fiction in der New York Times, über den ich schon berichtet habe, seit einigen Tagen auf meinem SuB, und nachdem ich das im Granta Magazine verlinkte Interview mit Jesmyn Ward gelesen habe, denke ich, dass sich bald auch Sing, Unburied, Sing, in meinem Bücherschrank finden wird. Die Autorin sieht sich in der Tradition von anderen Autoren aus Mississippi, William Faulkner, Richard Wright, Eudora Welty, Anne Moody, Margaret Walker. Sie fühlt sich durch die zahlreichen Preise, die sie schon erhalten hat, in ihrem Bemühen bestärkt, über arme schwarze Südstaatler zu schreiben, auch wenn die Reaktionen auf diese Themenwahl oft abschätzig waren. Die Preise gibt sie übrigens ihrer Mutter zur Aufbewahrung, damit die Trophäen sie nicht von ihrer Arbeit ablenken und sie dazu verführen, sich zu sehr am Publikum zu orientieren. Ward hat sich nicht nur intensiv mit der Black History des Bundesstaates Mississippi beschäftigt, sondern – kommt in Sing, Unburied, Sing, doch ein Geist zu Wort, – auch mit spirituellen Traditionen wie  voodoo and hoodoo. Sie habe, wie sie sagt, „a ton of research“ zu bewältigen gehabt, um den Roman schreiben zu können. Das Ergebnis ist auf Deutsch unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten erhältlich.

H(A)PPY von Nicola Barker liegt nicht in deutscher Übersetzung vor, und ich bin auch nicht sicher, dass sich das bald ändern wird.  Der Roman wurde im vergangenen Jahr mit dem Goldsmiths prize ausgezeichnet, der für innovative Formen des Romans vergeben wird. Naomi Watts, die Juryvorsitzende des Preises, nennt H(A)PPY eine „3D-Skulptur eines Romans„, die dem Roman als „physische Gestalt und Kunstobjekt“ eine Daseinsberechtigung gibt. Klingt nicht so, als wäre eine Übersetzung eine Routinearbeit. H(A)PPY ist in einer fernen Zukunft angesiedelt, in einer scheinbar perfekten Welt ohne Armut und Leiden, Wenn Dunkelheit droht, wird einfach der Chemiecocktail angepasst. Ebenfalls in einem Guardian Interview erzählt die Autorin von ihrer Arbeitsweise:  Jeder ihrer Romane habe eine eigene Schriftart auf ihrem nicht internetfähigen Apple-Notebook, bei dem manchmal Tasten hängen bleiben. Ein neues Gerät habe sie wieder gegen das Alte ausgetauscht, weil der auf dem Neuen geschriebene Text irgendwie anders wirkte. Auf und um ihren Schreibtisch finden sich dutzende Bücher mit zahlreichen Post-Its darin, manchmal suche sie 6 oder 7 Stunden lang nach einer bestimmten Notiz. Ihre Arbeit an einem großen Roman kann jahrelang dauern und wird durch kürzere Romane unterbrochen, an denen sie 6 bis 8 Monate arbeite. Sie schreibe dreidimensional, erklärt sie, stelle sich eine Figur in einer Szene vor, und diese entwickle sich dann wie eine Blase. Für jeden Roman gebe es ein eigenes besonders dekoriertes Notizbuch. Diese Notizbücher seien ihr heilig. Beim Lesen des Interviews konnte ich mir in Ansätzen vorstellen, wie auf diese Weise eine 3D-Skulptur eines Romans entstehen könnte, aber eben nur in Ansätzen.

Fiona Mozley hat für ihren Debütroman den Titel Elmet gewählt, den Namen des letzten unabhängigen keltischen Königreichs in England, um den Roman trotz der darin behandelten sehr gegenwärtigen Probleme auch in der Vergangenheit zu verwurzeln. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Beziehung eines Vaters, John, zu seinen beiden Kindern, Daniel und Cathy. Der Vater lebt mit den beiden Teenagern im Norden Englands, und obwohl er sein Geld als erfolgreicher Faustkämpfer auf nicht sehr friedliche Weise verdient, verbindet ihn mit seinen Kindern eine friedlich, zärtliche Beziehung. Schwierig wird die Situation für die Familie, als John beginnt, mit den Nachbarn gemeinsam  um bessere Lebensbedingungen zu kämpfen und der Konflikt rasch außer Kontrolle gerät. In der Einleitung zu einem per E-Mail geführten Interview  mit der Autorin heißt es: ‚Elmet ist nicht nur die Geschichte einer Familie, die um ihren Lebensunterhalt kämpft. Es geht auch darum, wie sich in der Kindheit entscheidet, wer wir als Erwachsene werden und wie Gewalt in unserer Kultur verankert ist und sich fortpflanzt.‚ (Eigene Übersetzung). Im Mittelpunkt stehen für Fiona Mozley einerseits Eltern-Kind-Beziehungen, andererseits die Themen Gewalt und Scham. Die Gewalt, die sie in ihrem Buch zeigt, habe ihren Ausgang nicht in selbst erfahrener Gewalt, sondern sie wird ausgeübt, um gefühlten Erwartungshaltungen zu entsprechen. Elmet gibt es zwar als Audiobook, gelesen von Gareth Bennett-Ryan, aber leider ebenfalls nicht in deutscher Übersetzung.

Das Interview mit Fiona Mozley stammt aus  Electric Lit, einem Nonprofit-Literaturmagazin. Dieses ist auch für mich eine Neuentdeckung, und im Zusammenhang mit dem Thema des vorliegenden Blogbeitrags ist besonders erwähnenswert, dass das Magazin unter  #ReadMoreWomen eine Kampagne zur Förderung von Autorinnen gestartet hat. Falls ihr Anregungen braucht, das Beitragsbild zeigt meinen aktuellen SuB, da sollte für jede*n etwas dabei sein.

Auch das in Granta verlinkte Interview mit Elif Batuman, der Autorin von The Idiot, ist in einem Online-Literaturmagazin erschienen, nämlich in The White Review. Darin wird sie mit einer Aussage zitiert, die auch ich in ähnlicher Form schon von mir gegeben habe: ‚Als ich an der Universität war, glaubte ich, der Feminismus habe ausgedient, Frauen seien gleichberechtigt, es läge nur an ihnen, sich das zunutze zu machen.‘ (Eigene Übersetzung). Tja, so kann man sich täuschen, wenn man jung ist (und nicht nur dann). Das Interview ist sehr ausführlich. Die Autorin erzählt unter anderem, wie ihre Erfahrungen als Kind einer  aus der Türkei in die USA eingewanderten Familie ihren Blick dafür geschärft haben, wie vielen unwichtigen Dingen man zu große Bedeutung beimisst, nur weil man an sie aus kulturellen Gründen gewöhnt ist. Auch The Idiot handelt von einer Studentin mit türkischen Wurzeln, die 1995 ihr erstes Jahr in Harvard absolviert. Sie belegt Vorlesungen in Linguistik und verliebt sich in einen ungarischen Mathematiker aus ihrem Russischkurs, mit dem sie per E-Mail kommuniziert, einer für sie aufregend neuen Technologie.  Den ersten Entwurf zum Roman hatte die Autorin tatsächlich während ihrer Zeit an der Universität geschrieben und diesen dann Jahre später überarbeitet, nachdem sie das Motiv der „zwei Leben“ darin wiederentdeckt hatte, das sie Mitte Dreißig in einer ähnlichen Geschichte verarbeiten wollte. The Idiot ist in deutscher Übersetzung von Eva Kemper als Die Idiotin erschienen.

Der letzte im Granta Magazine angeführte Longlist-Titel ist auch der, dessen Thema mich am meisten bewegt hat. Die indische Autorin Meena Kandasamy verarbeitet in When I Hit You: Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife ihre eigenen Erfahrungen mit Gewalt in der Ehe. Im Interview mit der indischen Online-Zeitung The Wire erzählt die Autorin, dass sie sich beim Schreiben zunächst den „großen“ gesellschaftspolitischen Themen ihres Landes gewidmet habe, dem Kastenwesen, den Missständen im Justizsystem, den sozialen Ungerechtigkeiten. Eine kurze Ehe mit einem gewalttätigen Mann (wie sie 37% aller indischen Ehefrauen erleben) habe sie zu der Überzeugung gebracht, über dieses Thema schreiben zu müssen. When I Hit You sei zwar keine Autobiographie, basiere aber auf dem, was sie selbst erlebt habe.  Ihr Roman enthalte absichtlich keine detaillierten Beschreibungen der physischen Gewalt und ihrer körperlichen Auswirkungen, weil sie wisse, dass das, was ungesagt bleibe, lauter spreche als das laut Gesagte. Besonders unter die Haut gegangen ist mir der Untertitel des Interviews: ‚I will write in the same way in which I lived through all of this: carrying myself with enormous, infinite grace.‚ Für eine Übersetzung fehlen mir die Worte. Auch When I Hit You wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt, anders als ihr im Interview erwähnter erster Roman The Gypsy Goddess, der unter dem Titel Reis & Asche erschienen ist.

Eine Liste aller 16 Titel auf der Longlist samt kurzer Inhaltsangabe hat Marion gleich nach Veröffentlichung und somit pünktlich zum Women’s Day auf schiefgelesen gestellt, und die Nette Bücherkiste hat zur Liste auch noch einige Besprechungen.

Vollständig gelesen habe ich bisher nur eine der Nominierungen und diese auch auf ChickLitScout besprochen: Den Gewinner der Costa Book Awards, Eleanor Oliphant is Completely Fine (Ich, Eleanor Oliphant). 

 

8 Gedanken zu “#ReadMoreWomen

  1. Hmmm, also ich habe schon mehrere Romane von Kamila Shamsie auf deutsch gelesen (Bin ja leider meistens zu faul für das Original)… Ich mag sie sehr 🙂

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