Weiße Häuser & First Ladies

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Eleanor Roosevelt (2. von links) und Lorena Hickok (1. von rechts) 1933. Quelle: Wikimedia Commons

Jackie Kennedy kennt jede*r, ihre Nachfolgerin Lady Bird Johnson ist als hübscher Name in Erinnerung geblieben, Betty Ford gründete eine Klinik zur Behandlung von Alkohol- und Drogenkranken, und Hillary Clinton hat es geschafft, dass Bill heute nicht mehr als ehemals mächtigster Mann der Welt, sondern als ihr Ehemann  in den Nachrichten auftaucht.

Eine weitere der First Ladies, deren Namen ebenso geläufig sind wie die ihrer Ehemänner, ist Eleanor Roosevelt, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933 bis 1945. Sie erfüllte alle Voraussetzungen für den bekanntesten und schlechtest bezahlten Job mit der Nase an der gläsernen Decke: tadelloses Auftreten, soziales Engagement, engelsgleiche Geduld und Nachsicht für die  Affären ihres Mannes. Nebenbei war sie auch eine erfolgreiche Menschenrechtsaktivistin und Diplomatin, und außerdem hatte sie eine jahrelange Affäre mit der Journalistin Lorena Hickok, im Freundeskreis Hick genannt.

In ihrem Roman White Houses lässt Amy Bloom  Hick von dieser Beziehung erzählen, davon, wie sie Eleanor Roosevelt zum ersten Mal begegnet war, davon, wie die beiden von der Öffentlichkeit unbemerkt und vom Ehemann mehr als nur geduldet ihre Liebe lebten, aber auch davon, wie sie sich lange vor ihrer Tätigkeit im Weißen Haus aus schwierigsten Verhältnissen ins Zeitungsbusiness hochgearbeitet hatte.

Im Mittelpunkt der Romanbiographie steht nicht Eleanor Roosevelt, sondern die Ich-Erzählerin, die sich zurückerinnert. Ausgangspunkt ist der April 1945. F.D.R. ist vor kurzem gestorben und der Zweite Weltkrieg geht soeben zu Ende. Hick trifft Eleanor nach längerer Trennung in einem der weißen Häuser wieder, in denen sich das Leben der beiden Frauen abgespielt hatte, Eleanors Haus in New York, und wirft kurze Schlaglichter auf Episoden aus ihrem eigenen Leben: den Missbrauch durch ihren Vater, den Tod ihrer Mutter. Barbesuche mit ihren Journalistenkollegen, das  erste Zusammentreffen mit Eleanor, Episoden aus dem Weißen Haus, Begegnungen mit anderen Partnerinnen. Sie erzählt Dinge, die sie Eleanor erzählt hat, und solche, die sie Eleanor nicht erzählt hat. Dazwischen blitzt amerikanische Geschichte vor 1945 auf, die Depression, der Zweite Weltkrieg.

Meine Meinung: Amy Bloom konzentriert sich bei ihren Schilderungen auf die handelnden Personen und deren Taten, Dialoge sind sparsam eingesetzt, Beschreibungen der Kulisse noch sparsamer, aber was sie Lorena berichten lässt, zeichnet ein lebhaftes Bild. Der Inhalt hat mich fasziniert und manchmal erschüttert. Auf den ersten Blick ist der Stil  journalistisch, sachlich distanziert und nüchtern, aber die Emotionen sind in jeder Zeile erkennbar. Die Erzählweise ist zuweilen sarkastisch und gleichzeitig voller Poesie. Hick ist Eleanor treu ergeben, das hindert sie jedoch keineswegs daran, einen kritischen Blick auf ihre Freundin, deren Familie und vor allem deren Lebensstil zu werfen. Über Franklin D. Roosevelt lässt die Autorin Hick sagen:

He was the greatest president of my life-time and he was a son of a bitch every day. (E-Book auf NetGalley S. 143f)

Bei einem auf Tatsachen beruhenden Roman stellt sich immer die Frage, inwieweit die erzählte Geschichte der Realität entspricht, und das gilt hier ganz besonders: Die Autorin hat für ihren Roman genau recherchiert und auch die Korrespondenz der beiden Frauen einfließen lassen, weshalb man davon ausgehen kann, dass die geschilderten Geschehnisse so oder ähnlich stattgefunden haben könnten. Gleichzeitig werden diese Geschehnisse aber aus dem Blickwinkel der Erzählerin geschildert, und diese Schilderungen sind, trotz des an der Oberfläche neutralen Stils, sehr persönlich ausfallen. White Houses berichtet ohne Weichzeichner, aber mit großer Zärtlichkeit von einer  großen Liebe in der rauen Welt der Alpha-Männchen und Weibchen.

Was die erotischen Aspekte der Beziehung zwischen den beiden Frauen betrifft, liefert White Houses ein ehrliches Bild nicht ohne Humor: so ist nicht nur von Seidenunterwäsche die Rede, sondern auch von Höschen, die so ausgeleiert sind, dass sie längst hätten weggeworfen werden müssen. Thematisiert wird auch Erotik im fortgeschrittenen Alter. Immerhin war Eleanor Roosevelt 1945 bereits 61 Jahre alt.

Ich denke, auch wenn ihr beide schon alte Frauen seid, die nebeneinander in der U-Bahn stehen, und eine von euch unterwegs nach Hause zu drei Enkelkindern und einem Tattergreis als Ehemann ist, könnt ihr einander in die Augen schauen und euch an früher erinnern. Du erinnerst dich an die angenehmen und überraschenden Dinge, für die das faltige alte Klappergerüst neben dir verantwortlich ist, und du atmest durch, und das Übergewicht und die Sterblichkeit und die Gesundheitsschuhe sind nur mehr eine Verkleidung, die sich in Luft auflöst,  und euer wahres Ich ersteht wieder auf und tanzt für einen kurzen Moment nackt und rosig durch den U-Bahnwagon. (E-Book S.135f, eigene Übersetzung).

Sieht man davon ab, dass sie mit einem mächtigen Mann im Rollstuhl um die Liebe einer Frau buhlt, unterscheidet sich Hicks Schicksal als heimliche Geliebte nur wenig von dem anderer heimlicher Geliebter, und sie beschreibt das verletzende Versteckspiel und das ewige Hin und Her. Dabei bleibt sie nüchtern und ohne Selbstmitleid und hat mich damit umso mehr berührt: 

In meinem Leben hat es Momente der Einsamkeit gegeben, aber nie, wenn ich in Filzpantoffeln mit einer Tasse starkem Kaffee in meiner Küche stand. (E-Book S. 143, eigene Übersetzung)

Bisher ist der Roman, den mir der Granta Verlag über NetGalley zur Verfügung gestellt hat, nur auf Englisch erschienen, aber  eine deutsche Ausgabe ist bei Hoffmann und Campe für das Frühjahrsprogramm 2019 eingeplant. Auf die Übersetzung bin ich schon sehr gespannt.

Amy Bloom, White Houses. Granta Books 2018, 216 Seiten.

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4 Gedanken zu “Weiße Häuser & First Ladies

    • Bin sehr gespannt, was Du dazu sagst. Das Buch ist mir sehr unter die Haut gegangen und hat wieder mal meinen Eindruck bestätigt, dass zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen kaum ein Unterschied besteht, was die möglichen Dynamiken betrifft.

      Gefällt 1 Person

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