#EcoLesen #3 – Von Ketzern, Zauberern und Hexen

Heute ist der 30. April, und damit endet der Zeitraum, den Jana im Wissenstagebuch für die Leserunde zu Umberto Ecos Der Name der Rose eingeplant hatte. Ich bin über Tag 4 noch nicht hinausgekommen, werde also noch einige Zeit anhängen, möchte aber betonen, dass die zeitliche Verzögerung nicht daran liegt, dass ich mich durch den Roman hätte durchbeißen müssen. Ganz im Gegenteil: Ich finde, die Geschichte ist ein echtes Lesevergnügen, aber eines, das seine Zeit braucht.

Ein zentrales Thema in den Gesprächen, die William im Laufe der ersten vier Tage mit den Mönchen in der Abtei und mit Adson führt, ist die Frage, was Religion vom Aberglauben unterscheidet. Wo hört zulässiger theologischer Diskurs auf, wo beginnen Ketzerei und Häresie? Meine Meinung dazu ist eine – ähm – ketzerische: Rechtgläubig ist das, was die religiösen Führer, die gerade die Macht in Händen halten, als solches definieren, nicht zuletzt, weil diese Lehren ihren Machtanspruch stärken, Aberglaube und Häresie sind jene Überzeugungen, die diesen Machtanspruch gefährden. William von Baskerville würde das natürlich nicht so formulieren,  aber in seinen Aussagen zu den theologischen Fragen und den politischen Entwicklungen habe ich auch nichts gefunden, was dem widerspricht. Und der hochgebildete Franziskanermönch wurde mir von Seite zu Seite sympathischer (so sympathisch, wie mir ein von sich selbst eingenommener mittelalterlicher Vertreter des Hardcore-Patriarchats sein kann): Er weiß, wie das Spiel der Mächtigen funktioniert, und er spielt es, nicht selten mit Augenzwinkern. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass freies Denken lebensgefährlich sein kann und bleibt dennoch in seinen Aussagen ein humanistisch geprägter Aufklärer. Für Adsons jugendliche Schwächen zeigt er Verständnis: das reicht von der verbotenen Lektüre des Liebesromans Tristan und Isolde bis zu Adsons Begegnung mit einem Mädchen aus dem Dorf. Diese Küchenszene hat der Reisende Bücherwurm sehr treffend kommentiert, dem ist nichts hinzuzufügen.

Was Geister und Dämonen betrifft, hat William einen einfachen Gegenzauber: eine Kombination aus Mut, Wissen und Beobachtung hilft ihm zum Beispiel, dem Spuk in der Bibliothek ein Ende zu machen. Ganz abgeneigt scheint er der heidnischen Magie aber dennoch nicht zu sein. Bei Merlin! entfährt es ihm einmal, er kann also das kulturelle Erbe seines Heimatlandes nicht verleugnen, und dieses reicht weit in die Zeit vor der Christianisierung zurück.

Die Nacht auf den 1. Mai ist übrigens die Walpurgisnacht, in der der Legende nach die Hexen in den Frühling tanzen, und das auch nicht erst seit dem Mittelalter. Schon die Kelten feierten in dieser Nacht Beltane, um die warme Jahreszeit zu begrüßen. Ich werde jetzt ebenfalls um den Maibaum tanzen gehen und meinen letzten Beitrag schreiben, sobald ich das Buch zu Ende gelesen und Stift Melk besucht habe.

Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. (c)  Carl Hanser Verlag München 1982. Lizenzausgabe für die Deutsche Buch-Gemeinschaft.

 

6 Gedanken zu “#EcoLesen #3 – Von Ketzern, Zauberern und Hexen

  1. Hallo Niamh,
    nachdem ich William an den ersten Tagen etwas anstrengend schulmeisterlich fand, wurde er mir gegen Ende auch immer sympathischer. Das gipfelte in der kurzen Verabschiedung von Adson ganz am Ende. Ich bin gespannt, wie du seine letzten Worte interpretierst und was du davon hältst. Weiterhin ganz viel Spaß beim Lesen!
    Jana

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