Jetzt hat er es schon wieder gemacht

Vor zirka 20 Jahren schenkte mir ein Freund ein Buch eines Autors, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. ‚Jetzt ist schon wieder was passiert‘, so begann Komm, süßer Tod, der zweite Krimi von Wolf Haas. Mit dem selben Satz lies Haas noch vier weitere Brenner-Krimis beginnen, bevor ihm das offensichtlich zu langweilig wurde und er 2006 in Das Wetter vor 15 Jahren den fiktiven Autor Wolf Haas in einem fiktiven Interview ankündigen lies, er werde über Simon Brenner keine Geschichte mehr erzählen. Ganz nebenbei entwarf er in diesem Interview auch eine Liebesgeschichte, die er dann doch nie schrieb. Stattdessen folgte 2009 doch wieder ein Krimi: Der Brenner und der liebe Gott, diesmal mit einem anderen Einleitesatz. 2012 kam dann etwas ganz Neues: Die Verteidigung der Missionarsstellung beschäftigte sich nicht mit konservativen oder weniger konservativen Sexualpraktiken, sondern mit der Geschichte des Benjamin Lee Baumgartner. Die faz bezeichnete den Roman als ‚Metafiktion mit anarchischem Witz‘, und die (nicht nur) sprachlichen Kunstgriffe drehen sich so schnell um sich selbst, dass mir beim Lesen fast schwindelig wurde. Dem Roman sind mittlerweile auch sprachwissenschaftliche Arbeiten gewidmet, und die braucht es wohl auch, um zu durchschauen, was der promovierte Linguist Wolf Haas da genau gemacht hat. 2014 folgte Brennerova, der bisher letzte Brenner-Krimi. Dann hieß es warten, bis endlich im August 2018 eine orange Badezimmerwaage in den Buchhandlungen auftauchte: Der neue Haas war da.

In Junger Mann erinnert sich ein wie der Autor 1960 geborener Ich-Erzähler, der auch sonst so manches mit Wolf Haas gemeinsam hat, an den Sommer 1974. Der junge Mann verliebt sich bis über beide Ohren in die fast 10 Jahre ältere Elsa und beschließt, sein Übergewicht zu bekämpfen, um für seine Angebetete attraktiv genug zu werden und sie ihrem Ehemann auszuspannen. Er beginnt mit einer Diät, und es gelingt ihm tatsächlich, sich mit Elsa anzufreunden.

Meine Meinung: Jetzt hat er es schon wieder gemacht! Wolf Haas hat mich mit seinem neuesten Roman schon wieder nicht nur begeistert (das erwartet man von einem Lieblingsautor), sondern auch überrascht (deshalb bleibt er ein Lieblingsautor). Wieder begeistert hat mich, wie er in der ganz normalen Sprache ganz normaler Menschen kleine Kunstwerke formt, die er dann in rascher Abfolge als Pointen auf seine Leser*innen loslässt. Das liest sich dann so:

Mein Gesicht war so heiß, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.‘ (S.43)

Wieder begeistert hat mich sein genauer Blick auf die scheinbar einfachen Tätigkeiten des täglichen Lebens:

Die Meisterschaft eines Tankwarts zeigte sich erst beim Wasserabziehen. Blieb ein Streifen zurück, war man blamiert für die Ewigkeit. Tröpfelte das abgestreifte Wasser über die Fensterkante auf den Lack hinaus, konnte man sich überhaupt heimgeigen lassen.‚ (S. 9) 

Und auch nicht zum ersten Mal nostalgische Begeisterung empfinde ich, wenn er Triviales des Alltagslebens aus der Vergessenheit auf die literarische Bühne hebt, wie das ‚Abnehmen mit Wir‘-Programm einer TV-Magazinsendung der 70er-Jahre oder die staatlich verordneten autofreien Tage während der Ölkrise.

Überrascht hat mich Wolf Haas schon oft. Überraschung Nr. 1 war der erste Brenner-Krimi (so ganz anders als alles andere und einfach genial), Überraschung Nr. 2 das Interview in Das Wetter vor 15 Jahren (Zitat vom Klappentext: ‚Haas hat gewagt, was keiner vor ihm wagte. Und er hat gewonnen.‚), Verteidigung der Missionarsstellung brachte mit jedem Umblättern eine neue Überraschung. Und jetzt Junger Mann: Kein skurriler Mord mit noch skurrilerer Aufklärung, kein literarisches Experiment, statt dessen die Geschichte des (fast) ganz normalen Erwachsenwerdens eines (fast) ganz normalen Jungen, erzählt in (fast) ganz normaler Alltagssprache. Und bei genauerer Betrachtung dann doch (fast) ein Märchen. Lesen!

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Lesen…in vollen Zügen und auf dem literaturblog günter keil.

Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018. Ich danke dem Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

Ein Gedanke zu “Jetzt hat er es schon wieder gemacht

  1. […] Er hing an dem Gürtel, mit dem er mich immer geschlagen hatte, so lautet der erste Satz von Bösland, und auf Nachfrage meint Aichner, das sei vielleicht sein bisher bester erster Satz. Dahl hält das Warten auf den perfekten ersten Satz für gefährlich, und für Raab hatte der erste Satz seines ersten Metzger-Krimis eine unerwünschte Nebenwirkung: Da ist es wieder! wurde sofort mit Wolf Haas verglichen, in dessen Brenner-Krimis der Stehsatz Jetzt ist schon wieder was passiert lautet. Wolf Haas habe ich auf der BuchWien übrigens vermisst, aber beim Anrichten der Blutsuppe wäre er diesmal ohnehin falsch. Sein neuester Roman Junger Mann ist kein Krimi, sondern erzählt vom Erwachsenwerden der Titelfigur, deren biographische Eckdaten mit jenen des Autors überstimmen. Meine Besprechung gibt es hier. […]

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