J.M.Coetzee – Gegen die Hegemonie der englischen Sprache

Bereits zum 13. Mal pilgerten dieses Wochenende Literaturbegeisterte nach Heidenreichstein im Waldviertel, um bei Literatur im Nebel eine Autorin oder einen Autor zu feiern und persönlich kennenzulernen. Wie üblich startete das Festival ungeachtet des Titels bei strahlendem Sonnenschein, und wie üblich war der Ehrengast ein ganz großer Name: In dem kleinen Städtchen nahe der Grenze zwischen Österreich und Tschechien wurde im dritten Jahr hintereinander ein Literaturnobelpreisträger auf die Bühne gebeten. Nach Svetlana Alexijewitsch (2017) und Herta Müller (2018) diesmal der aus Südafrika stammende J.M. Coetzee, dessen Werke, wie üblich, von einer Garde hochkarätiger Kulturschaffender präsentiert wurden.

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Inger-Maria Mahlke und Aglaia Szyskowitz lesen aus Sommer des Lebens
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Daniela Golpaschin liest aus Im Herzen des Landes
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Hans Pleschinski, Elisabeth Trissenaar und Elias Hirschl lesen aus Eiserne Zeit

John Maxwell Coetzee wurde 1940 in Cape Town geboren, studierte an der dortigen Universität Mathematik und Englisch, arbeitete dann in Großbritannien als Programmierer und ging 1965 mit einem Fulbright-Stipendium in die USA. Eine ständige Aufenthaltsgenehmigung wurde ihm nach Beendigung seines Studiums aufgrund seines Engagements gegen den Vietnamkrieg verwehrt, weshalb er 1972 nach Südafrika zurückkehrte und an der University of Cape Town englische Literatur zu unterrichten begann. Das tat er, während er die akademische Leiter hinaufkletterte, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002, dann übersiedelte er nach Australien und ließ sich in Adelaide nieder, wo er bis heute lebt.

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Thomas Frank und Elisabeth Orth lesen aus Leben und Zeit des Michael K
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Peter Lohmeyer liest aus Schande

Seinen ersten Roman Dusklands veröffentlichte er 1974, für Life and Times of Michael K (Leben und Zeit des Michael K) erhielt er 1983 seinen ersten Man Booker Prize, für Disgrace (Schande) 1999 den zweiten. 2003 veröffentlichte er Elizabeth Costello, im selben Jahr wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die Liste der Preise ließe sich lange fortsetzen, und so gilt Coetzee als der meist ausgezeichnete englischsprachige Autor.

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J.M.Coetzee im Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes

Genau dieses „englischsprachig“ stellt er im Podiumsgespräch mit Hans-Jürgen Balmes, der die deutschsprachigen Ausgaben seiner Werke beim S.FISCHER-Verlag betreut, jedoch in Frage. Für ihn sei Englisch nicht „seine“ Sprache wie sie es für William Shakespeare war. Englisch sei die Sprache gewesen, die ihn von der Enge des Afrikaans befreit habe, aber seine Texte seien nicht im Englischen verwurzelt; vielleicht seien sie deshalb so leicht in andere Sprachen zu übersetzen, ohne an Qualität einzubüßen. Coetzee hängt offensichtlich nicht nur nicht sein Herz an die Sprache, in der er schreibt, er steht auch der Rolle, die sie bei der Globalisierung spielt, äußerst kritisch gegenüber: Es bereitet ihm Unbehagen, wie das Englische die Welt erobert und damit kleinere Sprachen „mit großer Arroganz“ verdrängt. Wenn heute ein Verlag in Südafrika Bücher südamerikanischer Autor*innen veröffentlicht, dann fungieren die Verlagsgiganten in New York und London als Gatekeeper, sie bestimmen, was durchkommt. Coetzee sieht es als wichtige Aufgabe, die Länder des Südens ohne Umweg über den Norden miteinander zu vernetzen. Seit 2015 hat er den Lehrstuhl für Literatur des Südens an der Universidad Nacional San Martín in Buenos Aires, Argentinien, inne und versucht mit dieser Tätigkeit und einem eigenen, von ihm gestifteten Preis, „der Hegemonie der englischen Sprache“ Widerstand entgegenzusetzen. Auch auf anderen Wegen setzt er Zeichen: Moral Tales, seine jüngste Sammlung, erlebte ihre Weltpremiere auf dem Büchermarkt nicht in englischer Sprache, sondern auf Spanisch, und seinen Auftritt bei Literatur im Nebel beginnt er mit einer Danksagung in deutscher Sprache. Sein Deutsch ist so gut, dass er keine Übersetzung der an ihn gestellten Fragen benötigt, seine Antworten liefert er auf Englisch, es sind allerdings nicht immer Antworten auf die gestellten Fragen.

fullsizeoutput_14c7Auch wenn er dabei höflich bleibt, man merkt dem Autor an, dass es ihn Überwindung kostet, sich diesem Frage- und Antwortspiel zu stellen, und je länger der Abend dauert, desto verwunderter bin ich darüber, dass es überhaupt gelungen ist, ihn zu diesem Event zu überreden, schließlich hat er nicht einmal seine Booker-Preise persönlich abgeholt. Genauso selten wie öffentliche Auftritte und Interviews sind Gelegenheiten, bei denen er seine Bücher signiert, aber  auch in dieser Beziehung war beim Festival alles wie üblich, und so kann ich meiner Sammlung an signierten Büchern eine echte Rarität hinzufügen.

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4 Gedanken zu “J.M.Coetzee – Gegen die Hegemonie der englischen Sprache

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