2 Körper, 3 Seelen

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Brighton West Pier by Les Hatfield on flickr.com

pursuit of ordinaryHeute erscheint The Pursuit of Ordinary, der zweite Roman des Briten Nigel Jay Cooper. Ich durfte den Roman vorab über NetGalley lesen und möchte mich beim Verlag herzlich für die Möglichkeit bedanken, den  mir vollkommen unbekannten Autor kennenzulernen.

Beim Lesen des ersten Kapitels war ich nicht sonderlich angetan. Ach Gott, ein Mystery Thriller, dachte ich, nicht ganz mein Ding. Drei Personen unterhalten sich: Natalie, Daniel und Joe. Das Ungewöhnliche daran ist nur: Daniel und Joe teilen sich einen Körper, Dans Körper. Nach und nach erfahren wir, wie es dazu gekommen ist: Der obdachlose Dan war Zeuge, als Natalies Ehemann Joe in der Western Road in Brighton von einem Auto angefahren wurde und noch an der Unfallstelle starb. Kurz darauf bemerkte Dan, dass er in seinem Körper nicht alleine ist, dass auch Joe sozusagen darin wohnt und manchmal auch das Kommando übernimmt.

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Western Road, Brighton. Wikimedia Commons

Jetzt, zwei Monate später, konnte Joe Dan endlich davon überzeugen, Natalie aufzusuchen, um ihr mitzuteilen, dass es ihn noch gibt. Zu Dans Überraschung lässt Natalie ihn, den stinkenden Penner, in die Wohnung. Ihre Motivation: Dan war Zeuge des Unfalls, und sie möchte wissen, was genau er gesehen hat. Nun sitzen sie also in Natalies Wohnzimmer, Dan und Joe sprechen abwechselnd mit einem jeweils unverwechselbaren Akzent, und Joe erzählt Episoden aus seiner Ehe mit Natalie, um sie davon zu überzeugen, dass Dan kein verrückter Spinner ist. Es gelingt, Natalie zu überreden, Dan/Joe bei sich einziehen zu lassen. Erzählt werden uns diese Ereignisse, einschließlich seiner inneren Dialoge mit Dan, von Joe, der auch Zugang zu Dans Erinnerungen hat. So erfahren wir Einiges über dessen Lebensgeschichte.

Es dauert nicht lange, bis Natalie sich neu verliebt, allerdings nicht in Joe, sondern in Dan, und Joe fühlt sich immer mehr zurückgedrängt. Seine Verzweiflung erreicht einen Höhepunkt, als Natalie seine Mutter Valery nicht ins Haus und damit nicht in seine Nähe lässt.

Meine Meinung (Spoiler Alert!): The Pursuit of Ordinary erzählt nur auf den ersten Blick von übersinnlichen Phänomenen. Sehr bald stellt sich heraus, dass es die Geschichte von zwei Menschen ist, die aufgrund persönlicher Probleme und Schicksalsschläge in eine fast ausweglose Situation geraten sind und versuchen, mithilfe des anderen aus dieser Situation wieder herauszukommen. Der Roman hat 5 Teile: auf einen Teil,  in dem Joe die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, folgt immer einer, in dem die selben Geschehnisse aus Natalies Sicht beleuchtet werden. Daniels Geschichte aus Joes Perspektive zu lesen verleiht dem Roman etwas Bedrohliches,  und die inneren Dialoge zwischen Joe und Dan steigern die Spannung noch. Der Autor schafft es, die Erzählung so zu konstruieren, dass ich als Leserin immer den Überblick behalten und trotzdem nie das Interesse verloren habe. Die meisten meiner Vermutungen, was hinter der Geschichte steckt, haben sich zwar bestätigt, aber das bedeutet nicht, dass ich enttäuscht war. Wer aber auf der Suche nach einem Thriller mit möglichst spektakulären Twists ist, sollte lieber zu etwas Anderem greifen, denn The Pursuit of Ordinary begleitet, wie der Titel andeutet, Menschen auf der Suche nach einem unspektakulären Leben. Es ist eben kein Mystery Thriller, sondern eine Studie über psychische Probleme und wie man mit diesen umgehen kann, verpackt in eine interessante Geschichte. Darüber hinaus stellt der Roman die Frage: ‚Was ist normal?‘ Nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch deren Familienmitglieder und Partner werden in ihrem Handeln von  seelischen Konflikten und Abgründen beeinflusst.

Is mental health something you ‚lose’? Isn’t it just a moving target, a pendulum swinging back and forth? (E-Book auf NetGalley, S. 279)

Kann man seine psychische Gesundheit verlieren oder ist sie ein bewegliches Ziel, das wie ein Pendel hin und her schwingt? Mir gefällt dieses Bild sehr gut, und die Geschichte zeigt, dass es der Wahrheit sehr nahe kommt.

Nigel Jay Cooper, The Pursuit of Ordinary. John Hunt Publishing 2018. 309 Seiten.

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