Der Verlierer gewinnt

Heirate nie in Monte Carlodiesen Rat gibt der deutsche Titel von Graham Greenes Erzählung Loser Takes All, und während die meisten von uns erst gar nicht Gefahr laufen werden, sich das aussuchen zu können, findet sich Bertram, ein kleiner Buchhalter in einer britischen Firma, am Vorabend der Hochzeit mit seiner um 20 Jahre jüngeren Verlobten Cary auf dem Balkon einer großzügigen Suite des Hôtel de Paris in Monaco wieder. Zu verdanken hat er das Herbert Dreuther, einem der Bosse seiner Firma. Dreuther hat Bertram, obwohl er ihn zuvor nie auch nur wahrgenommen hatte, aus einer Laune heraus dazu eingeladen, seine bevorstehenden Flitterwochen auf seiner Yacht an der Côte d’Azure zu verbringen und ließ die Hochzeit kurzerhand ins Bürgermeisteramt des Fürstentums verlegen. Allerdings taucht der ‚Grand Old Man‘ nicht wie versprochen rechtzeitig auf, um als Trauzeuge zu fungieren, und die frisch Vermählten müssen, obwohl das ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem übersteigt, weiterhin im Luxushotel wohnen. Bertram hat  ein Talent für Zahlen, und da liegt es nahe, das Urlaubsbudget als Systemspieler am Roulette-Tisch aufzubessern. Zunächst verliert er, aber dann beginnt er zu gewinnen.

Meine MeinungHeirate nie in Monte Carlo klingt wie der Titel einer Hollywoodkomödie, und tatsächlich ist kurz nach Veröffentlichung der Erzählung im Jahr 1956 eine (allerdings britische) Verfilmung ins Kino gekommen. Das lässt darauf schließen, dass die Geschichte von vornherein fürs Kino bestimmt war. Ich habe den Film nie gesehen, aber der Trailer dazu verspricht eine temporeiche Story vor einer Bilderbuchkulisse, eine nicht allzu anspruchsvolle romantische Komödie mit witzigen Dialogen. Greene-Biograph Michael Shelden nennt das Buch ‚an undistinguished short novel‚ (S.417), aber ’nicht besonders‘ ist bei einem Schriftsteller wie Graham Greene immer noch wesentlich besser als so manches, was andere in Buchform veröffentlichen. Der Autor selbst nannte seine Geschichte eine ‚frivolity‘, und das Frivole daran ist vermutlich, dass er sich einfach hingesetzt und zum Spaß eine Novelle geschrieben hat, in der er sich über die menschliche Natur im Allgemeinen und deren Umgang mit Geld im Besonderen lustig macht. Die Figuren sind dabei, wie in anderen Romanen des Autor, von einem Hauch von Tragik und Versagen umgeben. Cary hat ihre Eltern im Blitzkrieg verloren und ist bei einer Tante aufgewachsen, Bertram ist zwar ein Mathematikgenie, hat aber bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich und fristet sein Dasein in einer untergeordneten Position ohne Aussicht auf Beförderung, sodass er sich und seiner Braut nur eine bescheidene Hochzeit finanzieren kann. Dann kommt Mr. Dreuther und spielt Schicksal, ohne sich über die Konsequenzen seines Handelns auch nur die geringsten Gedanken zu machen. So wird aus der leichten Liebeskomödie ein typischer Graham Greene. Laut Shelden ist die Figur des Herbert Dreuther eine nicht böse gemeinte Karikatur des Filmroduzenten Alexander Korda, über den Greene sich schon zuvor immer wieder lustig gemacht hatte. Ein bisschen schade finde ich, dass die Figur der Cary sehr stereotyp dargestellt ist, aber das ist wohl dem Genre und der Zeit geschuldet und hat mein Vergnügen am Buch nicht beeinträchtigt. Ein unterhaltsames Lesevergnügen für einen entspannten Urlaubstag.

Eine weitere Besprechung findet ihr bei literaturen.

Graham Greene, Heirate nie in Monte Carlo. Wagenbach SALTO 2015. 120 Seiten.

Im englischen Original: Loser Takes All. Penguin Books 1977. 124 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich. 

Michael Shelden, Graham Greene: The Man Within. QPD London 1994. 537 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich.

 

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#EcoLesen #1 -Umberto Eco unter Palmen

Umberto Eco veröffentlichte Der Name der Rose 1980, die deutsche Übersetzung erschien 1982, und als ich den Roman 1985 als Urlaubslektüre einpackte, war es ein Buch, das man einfach gelesen haben musste. Ich verbrachte damit einen Großteil meiner Ferien und hatte meinen Spaß beim Lesen, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann, ob ich allen Details der Lösung des Kriminalrätsels folgen konnte. Wenn ich später an das Buch zurückdachte, tauchten aber nicht in erste Linie Bilder von kalten Novembernächten in einem finsteren mittelalterlichen Kloster auf, sondern von Palmen, Sonnenschein und türkisblauem Meer, und das fand ich irgendwie schade, so, als hätte ich das Buch nur halb gelesen. Daher war ich von Janas  Einladung zu einer Leserunde in ihrem Wissenstagebuch sofort begeistert. In nächster Zeit werdet Ihr hier also meine Gedanken zu „Umberto Ecos Name der Rose – revisited“ lesen können.  Janas erste Eindrücke sind pünktlich zum Start der Leserunde heute erschienen.

Ich bin über den Prolog noch nicht hinausgekommen, aber die ersten Seiten enthalten schon einiges Bemerkenswerte.

Das mit 5. Januar 1980 datierte Vorwort gibt so manchen augenzwinkernden Hinweis darauf, wie Eco an die Sache herangeht:

Der geneigte Leser möge bedenken: was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes. (S.10)

Die ‚obskure neugotisch-französische Version‚ sei ihm 1968, zur Zeit des Prager Frühlings, in die Hände gefallen, und er habe ‚gleichsam aus dem Stand eine Rohübersetzung angefertigt‚, während er, nach dem Einmarsch der Sowjets aus der CSSR geflohen, mit einer sehnsüchtig erwarteten Liebe von Wien aus über Melk (von dort stammt der deutsche Mönch) an den Mondsee bei Salzburg gereist sei, wo sich die Liebe gemeinsam mit dem Manuskript wieder verflüchtigt habe. Zurück blieb der Autor mit der Rohübersetzung, und ein Jahrzehnt später fühle er sich denn nun frei, auf Basis dieser Übersetzung des Adsonschen Mönchslateins (S.11) ‚aus schierer Lust am Fabulieren die Geschichte des Adson von Melk zu erzählen‘ (S.12)

Dass Mönchslatein ähnliche inhaltliche Besonderheiten aufweist wie Jägerlatein lässt sich natürlich nur vermuten, aber Eco, der Professor für Semiotik (Zeichentheorie), hat seine Zeichen ganz sicher nicht zufällig gesetzt, als er an die ‚Nachlässigkeit französischer Gelehrter bei der Angabe halbwegs zuverlässiger Quellenvermerke‘ erinnert (S.9) und Adson von Melk berichten lässt, er habe über die Landsleute des Franziskanermönchs William von Baskerville, an dessen Seite er als ‚blutjunger Benediktiner-Novize‘ seine Abenteuer erlebte, später gelernt, dass sie ‚häufig die Dinge in einer Weise zu definieren pflegen, in welcher das klare Licht der Vernunft keine allzu große Rolle spielt‘ (S.24).

Über die politische Korrektheit solcher Aussagen ließe sich heute (nicht) streiten, aber da ich darauf vertraue, dass auf den folgenden 620 Seiten die spitze Feder noch oft zustechen wird, ohne dass es allzu böse gemeint ist, werde ich nun der Anregung folgen, mit der Eco sein Vorwort schließt:

‚In omnibus requiem queasivi, et nusquam inveni nisi in angulo cum libro‘, (Im Anhang übersetzt mit: ‚In allem habe ich Ruhe gesucht und habe sie nirgends gefunden, außer in einer Ecke mit einem Buch.‘)

Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. (c)  Carl Hanser Verlag München 1982. Lizenzausgabe für die Deutsche Buch-Gemeinschaft. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. 

Listening to Colin Firth

Die Entscheidung ‚Hörbuch statt Buch‘ treffe ich sehr oft deswegen, weil es eine gute Möglichkeit für mich ist, Bücher kennenzulernen, für die mir ansonsten die Zeit fehlen würde. Bei The End of the Affair von Graham Greene war das aber anders: Ich kenne das Buch schon seit meiner Schulzeit und es steht, wie alle anderen Bücher von damals, immer noch in meinem Bücherschrank. Vor einiger Zeit entdeckte ich dann eine von Colin Firth gelesene Hörbuchversion, und die hätte ich ganz sicher auch dann gekauft, wenn sie nicht mit dem AudieAwards-Preis als bestes Hörbuch des Jahres 2013 ausgezeichnet worden wäre.

Der Ich-Erzähler Maurice Bendrix, von Beruf Schriftsteller, trifft im Nachkriegslondon Henry Miles wieder, einen hochrangigen Beamten im Home Security Office, mit dessen Frau Sarah er bis 18 Monate zuvor eine Affäre gehabt hatte. Henry scheint ahnungslos, denn sonst würde er Bendrix wohl kaum sein Herz ausschütten: Er verdächtigt Sarah, ihn zu betrügen, hat aber nicht den Mut, sich Gewissheit zu verschaffen. Bendrix bietet ihm an, an seiner Stelle einen Privatdetektiv damit zu beauftragen, Sarah zu beschatten. Er tut das aber nicht aus alter Freundschaft, sondern weil ihn selbst die Eifersucht auffrisst. Weiterlesen »