#EcoLesen #1 -Umberto Eco unter Palmen

Umberto Eco veröffentlichte Der Name der Rose 1980, die deutsche Übersetzung erschien 1982, und als ich den Roman 1985 als Urlaubslektüre einpackte, war es ein Buch, das man einfach gelesen haben musste. Ich verbrachte damit einen Großteil meiner Ferien und hatte meinen Spaß beim Lesen, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann, ob ich allen Details der Lösung des Kriminalrätsels folgen konnte. Wenn ich später an das Buch zurückdachte, tauchten aber nicht in erste Linie Bilder von kalten Novembernächten in einem finsteren mittelalterlichen Kloster auf, sondern von Palmen, Sonnenschein und türkisblauem Meer, und das fand ich irgendwie schade, so, als hätte ich das Buch nur halb gelesen. Daher war ich von Janas  Einladung zu einer Leserunde in ihrem Wissenstagebuch sofort begeistert. In nächster Zeit werdet Ihr hier also meine Gedanken zu „Umberto Ecos Name der Rose – revisited“ lesen können.  Janas erste Eindrücke sind pünktlich zum Start der Leserunde heute erschienen.

Ich bin über den Prolog noch nicht hinausgekommen, aber die ersten Seiten enthalten schon einiges Bemerkenswerte.

Das mit 5. Januar 1980 datierte Vorwort gibt so manchen augenzwinkernden Hinweis darauf, wie Eco an die Sache herangeht:

Der geneigte Leser möge bedenken: was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes. (S.10)

Die ‚obskure neugotisch-französische Version‚ sei ihm 1968, zur Zeit des Prager Frühlings, in die Hände gefallen, und er habe ‚gleichsam aus dem Stand eine Rohübersetzung angefertigt‚, während er, nach dem Einmarsch der Sowjets aus der CSSR geflohen, mit einer sehnsüchtig erwarteten Liebe von Wien aus über Melk (von dort stammt der deutsche Mönch) an den Mondsee bei Salzburg gereist sei, wo sich die Liebe gemeinsam mit dem Manuskript wieder verflüchtigt habe. Zurück blieb der Autor mit der Rohübersetzung, und ein Jahrzehnt später fühle er sich denn nun frei, auf Basis dieser Übersetzung des Adsonschen Mönchslateins (S.11) ‚aus schierer Lust am Fabulieren die Geschichte des Adson von Melk zu erzählen‘ (S.12)

Dass Mönchslatein ähnliche inhaltliche Besonderheiten aufweist wie Jägerlatein lässt sich natürlich nur vermuten, aber Eco, der Professor für Semiotik (Zeichentheorie), hat seine Zeichen ganz sicher nicht zufällig gesetzt, als er an die ‚Nachlässigkeit französischer Gelehrter bei der Angabe halbwegs zuverlässiger Quellenvermerke‘ erinnert (S.9) und Adson von Melk berichten lässt, er habe über die Landsleute des Franziskanermönchs William von Baskerville, an dessen Seite er als ‚blutjunger Benediktiner-Novize‘ seine Abenteuer erlebte, später gelernt, dass sie ‚häufig die Dinge in einer Weise zu definieren pflegen, in welcher das klare Licht der Vernunft keine allzu große Rolle spielt‘ (S.24).

Über die politische Korrektheit solcher Aussagen ließe sich heute (nicht) streiten, aber da ich darauf vertraue, dass auf den folgenden 620 Seiten die spitze Feder noch oft zustechen wird, ohne dass es allzu böse gemeint ist, werde ich nun der Anregung folgen, mit der Eco sein Vorwort schließt:

‚In omnibus requiem queasivi, et nusquam inveni nisi in angulo cum libro‘, (Im Anhang übersetzt mit: ‚In allem habe ich Ruhe gesucht und habe sie nirgends gefunden, außer in einer Ecke mit einem Buch.‘)

Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. (c)  Carl Hanser Verlag München 1982. Lizenzausgabe für die Deutsche Buch-Gemeinschaft. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. 

Tiro und Cicero

9783453419353_CoverDer Name Cicero war für mich eine vage Erinnerung aus dem Lateinunterricht, als ich mich vor einigen Wochen auf die Suche nach einer passenden Reiselektüre für ein Wochenende in Rom machte. Bei Robert Harris, den ich erst im November als Stargast der BuchWien erlebt hatte, bin ich fündig geworden, und ich war begeistert. Harris widmet dem römischen Staatsmann eine Trilogie, in der sich der freigelassene Sklave Tiro im Alter von fast 100 Jahren an seine Zeit als Privatsekretär des Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.), erinnert, „eine anfangs aufregende, dann überraschende, später mühsame und schließlich äußerst gefährliche Aufgabe„. Weiterlesen »

München, Chamberlain und Churchill

Einer der Stargäste der BuchWien ist der britische Schriftsteller Robert Harris, der im Prunksaal des Heeresgeschichtlichen Museums („just like home“ ist sein augenzwinkernder Kommentar zum  opulenten Ambiente) seinen soeben auf Deutsch erschienen Roman München präsentiert hat. Munich, das Münchner Abkommen, erläutert Harris, sei in Großbritannien ein Synonym für die Schande, Nazideutschland nicht von Beginn an mit Entschiedenheit die Stirn geboten zu haben. Statt dessen trafen sich der britische Premier Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsent Édouard Daladier und der italienische Regierungschef Benito Mussolini am 29. September 1938 mit Adolf Hitler, um sich im Münchner Abkommen darauf zu einigen, dass die Tschechoslowakei (die nicht mit am Verhandlungstisch saß) das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten müsse. Auf diese Weise wollte Neville Chamberlain den von Hitler ganz offensichtlich angestrebten Krieg verhindern oder zumindest hinauszögern, und diese Strategie ging als Appeasement Policy (Beschwichtigungspolitik) in die Geschichtsbücher ein und sei etwas, wofür die Briten sich heute noch schämen, erläutert Harris, der mit seinem Buch ganz bewusst versuchen möchte, diese Interpretation der Geschehnisse zurechtzurücken. Dafür sieht er gute Gründe. Er zitiert Chamberlains Nachfolger Winston Churchill: „Der arme Neville wird in der Geschichte nicht gut wegkommen, weil ich diese Geschichte schreiben werde.“ Tatsächlich erhielt Winston Churchill 1953 „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“ den Nobelpreis für Literatur.

Im Podiumsgespräch mit dem deutschen Kulturjournalisten und Übersetzer David Eisermann weist Harris darauf hin, dass Hitler selbst das Münchner Abkommen später als Fehler gesehen habe: Hätte er den Krieg schon 1938 beginnen können, hätte er ihn auch gewonnen, weil Großbritannien damals noch unvorbereitet gewesen wäre. Neben dem Hinauszögern des Kriegsbeginns sei Chamberlain aber noch ein weiterer kluger Schachzug gelungen, meint Harris: Er habe Hitler dazu gebracht, eine Friedenszusicherung zu unterschreiben, was es später leicht gemacht habe, ihn als unzuverlässigen Bündnispartner und Lügner zu entlarven.

Robert Harris gibt interessante Einblicke in seine Arbeitsweise. Eine wichtige Inspiration seien für ihn die Orte, an denen die im Roman dargestellten realen Geschehnisse stattgefunden haben. Erst wenn er „die Geografie inhaliert“ habe, könne er sich in die Abläufe und die Charaktere hinein fühlen. Daher habe er im Zuge der Recherchen für den Roman unter anderem Hitlers Privatwohnung in München besucht, wo dieser sich mit seiner Nichte ein Badezimmer geteilt habe, und natürlich auch den „Führerbau“, wo das Abkommen von 1938 unterzeichnet wurde und in dem sich heute die Musikhochschule befindet. So sei es ihm gelungen, die im Roman vorkommenden realen Personen glaubwürdig und realitätsnah darzustellen. Neville Chamberlain sei nicht gerade „die atemberaubendste Persönlichkeit“ gewesen, sondern eher zurückhaltend und scheu, aber die Darstellung seines Umfeldes, beispielsweise seiner Ehefrau, die für ihren ungenießbaren Kaffee bekannt war, habe ihm hier geholfen. Und auch wenn die handelnden Personen teilweise fiktive Charaktere sind, so beziehen sich die geschilderten Abläufe und Dialoge auf reale Geschehnisse. Als Beispiel nennt Harris einen Leserbrief in The Times, der nicht für den Roman erfunden wurde, sondern tatsächlich zum genannten Datum in der Zeitung erschienen war.

München wird vom Verlag als Politthriller angekündigt, und Moderator Eisermann stellt die Frage, wie man einen Thriller zustandebringen könne, wenn der Ausgang der Geschehnisse bekannt sei. Das hänge allein davon ab, wie gut er als Autor einen Spannungsbogen ziehen könne, antwortet Harris. Ob ihm das tatsächlich gelungen ist, werde ich beurteilen können, sobald ich das Buch fertig gelesen habe, zurzeit sieht es ganz danach aus.

Robert Harris, München. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 432 Seiten. 

Im englischen Original: Munich. Hutchinson London 2017, 352 Seiten.