Vom Überqueren der Flüsse

Wenn die Reisbauern des Mekong-Deltas in ein anderes Dorf oder auf den Markt gehen wollten, dann führte ihr Weg sie über monkey bridges, nur aus Bambusgeflechten auf Pfeilern bestehende Übergänge.

The secret of such crossings lies in the ability to set aside the process itself in favor of seeing the act whole and complete. It could be dangerous, of course. But we had no other bridges, and rivers had to be crossed, so why not pretend we could do it with instinct and ease? (S. 179)

In Monkey Bridge erzählt Lan Can eine Geschichte, die zahlreiche Elemente ihrer eigenen enthält. Die vierzehnjährige Mai Nguyen kommt aus Südvietnam in die Vereinigten Staaten und lebt  einige Monate bei einer befreundeten amerikanischen Familie, bis ihre Mutter Thanh unmittelbar vor der Machtübernahme der Kommunisten am 30. April 1975 ebenfalls die Heimat verlässt. Mais Großvater, Baba Quan, ein Reisbauer aus dem Mekong-Delta, bleibt in Vietnam zurück. Durch die vollkommen neue Lebenssituation stellt sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter auf den Kopf: Mai, die sich gut zurecht findet und aufs College gehen möchte, übernimmt die Verantwortung für ihre Mutter, die mit ihrem Herzen  in Vietnam geblieben ist. Die monkey bridges sind das Symbol für die Wege, die die beiden Frauen auf ihrem Weg in die Zukunft zu beschreiten haben, denn „die Flüsse müssen überquert werden.“ (S. 179, eigene Übersetzung)

Meine Meinung: Lan Cao, heute Professorin für Internationales Recht an verschiedenen amerikanischen Universitäten, teilt ihr Schicksal mit hunderttausenden Exil-Vietnames*innen. 1961 als Tochter eines südvietnamesischen Vier-Sterne-Generals in Saigon geboren, hat sie sich nach der Flucht ihrer Familie in den USA ein erfolgreiches Leben aufgebaut, während die alte Heimat in einer der vietnamesischen Communities der neuen Heimat weiterlebt. Ich war vor vielen Jahren Gast bei einer Hochzeit in der mit über 189.000 Mitgliedern größten dieser vietnamesischen Communities in den USA,  Little Saigon in Orange County, Kalifornien, und habe noch heute Bilder von Scharen sich lebhaft unterhaltender vietnamesischer Tanten und Cousinen in einer typisch amerikanischen Shopping Mall bei der Anprobe der traditionellen Tracht für die vietnamesische Braut und den amerikanischen Bräutigam vor Augen. Glückliche, zufriedene Menschen, dachte ich, die es geschafft haben, den Schrecken des Krieges zu entkommen und sich ein glückliches, zufriedenes Leben in einer neuen Welt aufzubauen, begleitet von den Traditionen der alten Heimat, aber vollkommen selbstverständlich auch in der neuen zu Hause. Offenbar hatten sie die monkey bridges erfolgreich überquert. 

Die Geschichte davon, wie Mai Nguyen es über die Brücke schafft, beginnt in einem anderen Little Saigon, jenem in Arlington, Virginia, in der Nähe von Washington D.C. Sie erzählt aber nicht nur von den glücklichen Momenten, sie zeichnet auch und vor allem ein Bild der Spannungen und inneren Konflikte, die ein Lebensweg mit sich bringt, der in einer traditionsbewussten Welt in Südostasien beginnt, in der Kolonialismus und Krieg nicht notwendigerweise den Alltag, aber die Zukunft der Menschen bestimmen. Die Autorin zeigt auch, dass die Konflikte nicht erst mit dem Krieg und der Flucht beginnen, sondern ihre Wurzeln schon im Feudalsystem des Ursprungslandes haben. 

Der 1997 erschienene Roman gilt als erstes literarisches Werk, in dem sich eine vietnamesisch-amerikanischen Autorin mit den Erfahrungen des Krieges und seinen Nachwirkungen auseinandersetzt. In diesem Sinne ist der Roman sicher politisch relevant, und ich habe eine Idee davon bekommen, was der Amerikanische Krieg, wie er im Land genannt wird, für die Bewohner Südvietnams bedeutet hat. Darüber hinaus ist es aber auch die spannende Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung zwischen zwei Kulturen, auch wenn die Erzählweise für mich machmal einen etwas zu pathetischen Grundton hatte.

In ihrem zweiten, 2014 erschienen Roman The Lotus and the Storm beschäftigt sich die Autorin nochmals mit der Geschichte ihrer beiden Heimatländer. Der Verlag hat diesen Titel als „erstes Portrait des Vietnamkriegs aus Sicht einer vietnamesisch-amerikanischen Autorin“ beworben. Die Bestellung ist schon draußen. 

Lan Cao, Monkey Bridge. Penguin Books 1998. 260 Seiten.

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Ein Brite in Saigon

In weniger als vier Woche werde ich nach Hanoi fliegen, um von dort aus gemeinsam mit einer Freundin eine Fotoreise durch Vietnam zu machen. Damit wird es höchste Zeit, die schon seit Monaten auf dem SuB wartende passende Lektüre in Angriff zu nehmen. Der erste Titel auf meiner Liste ist ein erstmals 1955 veröffentlichter Klassiker, The Quiet American (Der stille Amerikaner) von Graham Greene. Der britische Autor verarbeitete darin die während seiner Vietnam-Aufenthalte in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre gesammelten Eindrücke und Erfahrungen. Laut seinem Biographen Michael Shelden trug er aber nicht nur Material für seinen Roman zusammen, schrieb Reportagen für das Life Magazine und machte Interviews, unter anderem mit dem kommunistischen Diktator Ho Chi Minh, sondern arbeitete auch für den britischen Geheimdienst, konsumierte reichlich Alkohol und Opium, vertrieb sich die Zeit im Bordell und begab sich absichtlich an möglichst gefährliche Kriegsschauplätze, in der Hoffnung, dort sein Leben auszuhauchen, um damit seiner in Großbritannien verbliebenen Geliebten Catherine Crompton Walston das Herz zu brechen. Nachzulesen ist das alles in Kapitel 19 von Sheldens leider nur antiquarisch und auf Englisch erhältlicher Biographie Graham Greene: The Man Within. 

Der Brite Thomas Fowler ist in der letzten Phase des Indochinakriegs, in dem die Franzosen ihre Kolonie gegen die kommunistische Việt Minh  zu verteidigen versuchen, als Kriegsberichterstatter in Saigon tätig und wartet eines Abends vergeblich auf den viele Jahre jüngeren amerikanischen Handelsdelegierten Alden Pyle, der ihm Monate zuvor seine vietnamesische Geliebte Phuong ausgespannt hat. Nachdem klar geworden ist, weshalb Pyle nicht zum vereinbarten Zeitpunkt erschienen war, erinnert sich Fowler an dessen Ankunft in Saigon und die Geschehnisse danach.Weiterlesen »

Jetzt hat er es schon wieder gemacht

Vor zirka 20 Jahren schenkte mir ein Freund ein Buch eines Autors, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. ‚Jetzt ist schon wieder was passiert‘, so begann Komm, süßer Tod, der zweite Krimi von Wolf Haas. Mit dem selben Satz lies Haas noch vier weitere Brenner-Krimis beginnen, bevor ihm das offensichtlich zu langweilig wurde und er 2006 in Das Wetter vor 15 Jahren den fiktiven Autor Wolf Haas in einem fiktiven Interview ankündigen lies, er werde über Simon Brenner keine Geschichte mehr erzählen. Ganz nebenbei entwarf er in diesem Interview auch eine Liebesgeschichte, die er dann doch nie schrieb. Stattdessen folgte 2009 doch wieder ein Krimi: Der Brenner und der liebe Gott, diesmal mit einem anderen Einleitesatz. 2012 kam dann etwas ganz Neues: Die Verteidigung der Missionarsstellung beschäftigte sich nicht mit konservativen oder weniger konservativen Sexualpraktiken, sondern mit der Geschichte des Benjamin Lee Baumgartner. Die faz bezeichnete den Roman als ‚Metafiktion mit anarchischem Witz‘, und die (nicht nur) sprachlichen Kunstgriffe drehen sich so schnell um sich selbst, dass mir beim Lesen fast schwindelig wurde. Dem Roman sind mittlerweile auch sprachwissenschaftliche Arbeiten gewidmet, und die braucht es wohl auch, um zu durchschauen, was der promovierte Linguist Wolf Haas da genau gemacht hat. 2014 folgte Brennerova, der bisher letzte Brenner-Krimi. Dann hieß es warten, bis endlich im August 2018 eine orange Badezimmerwaage in den Buchhandlungen auftauchte: Der neue Haas war da.Weiterlesen »

Prager Nächte

Der junge Gelehrte Christian Stern, unehelicher Sohn des Bischofs von Regensburg mit einer Dienstmagd, kommt im Dezember 1599 nach Prag, zu diesem Zeitpunkt Residenz des Heiligen Römischen Kaisers. Unter Rudolf II. ist die böhmische Hauptstadt ein Zentrum der Wissenschaft und der Alchimie, und Stern träumt davon, am Hof des Habsburgerkaisers sein Glück zu machen. In der Nacht seiner Ankunft stolpert er betrunken über die Leiche von Magdalena Kroll, der Tochter von Rudolfs Leibarzt. Der Fund bringt ihn zunächst in eine Kerkerzelle und dann ins Zentrum der Intrigen am Hof.Weiterlesen »

Man Booker Win

Val McDermid sitzt heute irgendwo und liest zum ersten Mal seit sieben Monaten ein Buch nur zum Vergnügen. Zumindest hat sie das in einem Interview angekündigt, das sie kurz vor der gestrigen Kür des Man Booker Prize 2018 der New York Times gegeben hat. Darin erfährt man einiges darüber, wie das Auswahlverfahren für den Literaturpreis abgelaufen ist. 171 Bücher hatten sie und die vier anderen Jurymitglieder bewältigt, bevor sie gestern Vormittag an einem geheimgehaltenen Ort in London zusammentrafen, um sich auf den Siegertitel zu einigen. Bei den Diskussionen hätte sicher so manche(r) gerne Mäuschen gespielt, denn die Juror*innen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen: Da war eben die schottische Krimitautorin Val McDermid, der in London geborene und an der New York University tätige Philosoph  Kwame Anthony Appiah, der Literatur- und Kulturkritiker Leo Robson, die am Birkbeck Institute for the Humanities der University of London lehrende Feministin Jacqueline Rose und die in New Yorks Greenwich Village lebende kanadische Künstlerin und Illustratorin Leanne Sharpton. Diese Zusammensetzung spiegelt sich auch in der Longlist wider, die neben ‚typischen‘ literarischen Werken auch einen Krimi (Snap von Belinda Bauer) und zum ersten Mal auch eine Graphic Novel (Nick Drnasos Sabrina) umfasste. Beide schafften es ebensowenig auf die Shortlist wie Sally Rooneys Lovestory Normal People oder Warlightder neueste Roman von Michael Ondaatje, Gewinner des ebenfalls heuer verliehenen Golden Man Booker.Weiterlesen »