Man Booker Win

Val McDermid sitzt heute irgendwo und liest zum ersten Mal seit sieben Monaten ein Buch nur zum Vergnügen. Zumindest hat sie das in einem Interview angekündigt, das sie kurz vor der gestrigen Kür des Man Booker Prize 2018 der New York Times gegeben hat. Darin erfährt man einiges darüber, wie das Auswahlverfahren für den Literaturpreis abgelaufen ist. 171 Bücher hatten sie und die vier anderen Jurymitglieder bewältigt, bevor sie gestern Vormittag an einem geheimgehaltenen Ort in London zusammentrafen, um sich auf den Siegertitel zu einigen. Bei den Diskussionen hätte sicher so manche(r) gerne Mäuschen gespielt, denn die Juror*innen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen: Da war eben die schottische Krimitautorin Val McDermid, der in London geborene und an der New York University tätige Philosoph  Kwame Anthony Appiah, der Literatur- und Kulturkritiker Leo Robson, die am Birkbeck Institute for the Humanities der University of London lehrende Feministin Jacqueline Rose und die in New Yorks Greenwich Village lebende kanadische Künstlerin und Illustratorin Leanne Sharpton. Diese Zusammensetzung spiegelt sich auch in der Longlist wider, die neben ‚typischen‘ literarischen Werken auch einen Krimi (Snap von Belinda Bauer) und zum ersten Mal auch eine Graphic Novel (Nick Drnasos Sabrina) umfasste. Beide schafften es ebensowenig auf die Shortlist wie Sally Rooneys Lovestory Normal People oder Warlightder neueste Roman von Michael Ondaatje, Gewinner des ebenfalls heuer verliehenen Golden Man Booker.Weiterlesen »

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Man Booker Out

Während am kommenden Dienstag bereits der Gewinnertitel des diesjährigen Man Booker Prize bekanntgegeben wird, komme ich erst heute dazu, einen Titel vorzustellen, der es von der Longlist entgegen meinen Erwartungen nicht auf die Shortlist geschafft hat.

Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren. Wir wohnten in London, in einer Straße namens Ruvigny Gardens, und eines Morgens meinte unsere Mutter, oder vielleicht war es auch der Vater, wir sollten uns nach dem Frühstück unterhalten, und sie teilten uns mit, sie würden uns verlassen und für ein Jahr nach Singapur gehen. (S. 13 der deutschen Übersetzung).

So beginnt Warlight (in deutscher Übersetzung Kriegslicht) von Michael Ondaatje, und was folgt, ist die Geschichte eines Erwachsenwerdens unter ungewöhnlichen Bedingungen. Die in London zurückbleibenden Kinder, der 14-jährige Nathaniel und seine fast zwei Jahre ältere Schwester, sollen ein Internat besuchen und nur in den Ferien von zwei Freunden der Eltern, Walter, The Moth (Der Falter), und Norman, The Darter (Der Boxer), betreut werden. Aber Nathaniel widersetzt sich diesem Plan, zieht nach kurzer Zeit im Internat wieder nach Ruvigny Gardens und nimmt einen Nebenjob als Aushilfe in einem Restaurant an, wo er ein einige Jahre älteres Mädchen kennenlernt. Er nennt das Mädchen Agnes, denn in einem unbewohnten Apartment in der Agnes Street treffen sich die beiden regelmäßig. Während Rachel schnell beginnt, ihr eigenes Leben zu leben, begleitet Nathaniel Norman beim Schmuggeln illegal importierter Windhunde für Hunderennen und lernt dessen häufig wechselnde Freundinnen kennen, darunter die Ethnographin Olive Lawrence.

Mehr als ein Jahrzehnt später verschafft sich Nathaniel als Beamter im Außenamt Zugang zu Akten, die es ihm ermöglichen, den Hintergründen der mysteriösen Abreise seiner Eltern auf den Grund zu gehen und zu verstehen, welche Rolle die zwielichtigen Aufpasser im Leben der Familie spielten.

Meine Meinung: Warlight erzählt von Kindern, deren Eltern sich nicht vollkommen auf deren persönliches Wohlergehen konzentrieren, sondern sich einer größeren Sache gegenüber verpflichtet fühlen. Bis zur Abreise der Mutter ist das Leben von Nathaniel und Rachel so „normal“, wie es ein Leben im Krieg sein kann, danach tauchen sie in eine Welt ein, in der die alten Regeln aufgehoben sind und sie sich neu orientieren müssen. Mich hat Michael Ondaatjes Erzählung stark an die Romane von Graham Greene erinnert. Auch bei ihm geht es meist darum, welchen Einfluss die Kriege und politischen Verwicklungen des 20. Jahrhunderts auf jene haben, die, freiwillig oder unfreiwillig, in diesem weltpolitischen Geschehen zumindest eine kleine aktive Rolle spielen. Auch Greens Charaktere sind meist keine Durchschnittstypen, sondern Menschen, in deren Leben es unkonventionelle Familienkonstellationen und Partnerschaften, Brüche und Widersprüchlichkeiten gibt, und Darstellungen derartiger Lebenswelten fand ich immer faszinierend und spannend.  Fasziniert hat mich auch die Welt, die Michael Ondaatje beschreibt, nur die Spannung blieb etwas auf der Strecke. Die Frage ‚Was ist eigentlich passiert?‘ konnte ich am Ende nicht wirklich beantworten, die Schilderung des Alltags von Nathaniel in Ruvigny Gardens und die Erklärung dafür, wie es ihm gelingt, Licht in die Hintergründe zu bringen, fand ich nur bedingt glaubwürdig. 

Mein Fazit: Michael Ondaatje ist ganz sicher ein meisterhafter Erzähler, aber auch meisterhafte Erzähler benötigen zunächst einmal eine gute Geschichte.

Von  letteratura bekommt der Roman ein ‚Sehr gut‘, JMalula (Exlibris) und Constanze Matthes, die auf  Zeichen & Zeiten eine genaue Analyse mit Spoilern (!) liefert, sind begeistert, die Nomadenseele zeigt sich geradezu erbost über den Plot.

Michael Ondaatje, Warlight. Gelesen von Steve West. Random House Audio 2018. 8 h 36 min.

Übersetzung aus dem Englischen von Anna Leube: Kriegslicht. Hanser Verlag München 2018. 320 Seiten.

 

Fröhliches Man Booker-Raten

Die Wochen seit der Bekanntgabe der Longlist des Man Booker Prize habe ich genützt, um noch einige der Titel von der Liste zu lesen oder als Hörbuch kennenzulernen. From a Low and Quiet Sea kannte ich schon, auf Snap von Belinda Bauer war ich sehr neugierig, da Val McDermid sich für diesen Titel begeistert hatte, Normal People, den neuen Titel von Sally Rooney, konnte ich mir nicht entgehen lassen, da die Autorin als DER Shootingstar der irischen Literaturszene gehandelt wird und mir ihr Romanerstling Conversations with Friends gut gefallen hatte, und Warlight von Michael Ondaatje musste deshalb schleunigst von der Wish- auf die Read-List, weil ich zuvor noch nie einen Roman des Gewinners des Golden Man Booker gelesen hatte.

Meine Meinung: Ohne die anderen 9 Titel auch nur angelesen zu haben, möchte ich heute, einen Tag vor Bekanntgabe der Shortlist, einen Tipp zu deren Zusammensetzung abgeben:

haben meiner Meinung nach ausgezeichnete Chancen auf die Shortlist, bei Snap bin ich mir da nicht sicher, das wird darauf ankommen, ob sich Val McDermid nochmals durchsetzen kann. Vielleicht hatte ich einfach ein gutes Händchen bei der Auswahl, vielleicht liege ich auch total daneben, weil die anderen Titel noch besser sind. Morgen werden wir es wissen, ich bin sehr gespannt und freue mich auf Eure Meinung zu meiner Prognose.

Man Booker Love

Für normale Menschen halten sich die Protagonisten von Normal People, dem zweiten Roman der 1991 geborenen irischen Autorin Sally Rooney, ganz und gar nicht. Die aus einer wohlhabenden, aber zerrütteten Familie stammende Marianne Sheridan wird von ihren Mitschülern in der Abschlussklasse geschnitten und gemobbt und versucht gar nicht erst, dazuzugehören. Connell Waldron, einer dieser Mitschüler, ist ebenso überdurchschnittlich begabt wie sie, hat jedoch einen ganz anderen sozialen Hintergrund: Seine alleinerziehende Mutter ist die Putzfrau der Sheridans. Connell ist einer der beliebtesten Burschen in der Klasse, aber er hat ständig Angst davor, seinen Status in der Gruppe zu verlieren. Daher kann er sich nicht überwinden, zu seiner Beziehung mit Marianne zu stehen und lädt ein anderes Mädchen zum Abschlussball ein.

Meine Meinung: Normal People ist eine Lovestory, diese Information findet man schon im Klappentext, aber es ist nicht großes Kino mit Drama, Tragik, Leidenschaft, sondern ein bis ins Detail beobachtetes und mit Empathie erzähltes Coming of Age. Sally Rooney gelingt es von der ersten Seite an, die Intensität der Beziehung zwischen Marianne und Connell zu vermitteln. Die Dinge, die sie zu einander sagen, liegen jenseits jeder sozialen Konvention, und die Art, wie der jeweils andere darauf reagiert, zeigt, dass hier zwei verwandte Seelen miteinander sprechen, auch wenn sie einander meist falsch interpretieren. Sofort ist klar: Connell liebt Marianne und Marianne liebt Connell, es nützt nur nichts. 

Ihre Fähigkeit, die Welt der Millennials mit glaubwürdigen Dialogen glaubwürdig abzubilden und dabei einen faszinierenden Spannungsbogen aufzubauen, hat Sally Rooney schon in ihrem Romandebüt Conversations with Friends unter Beweis gestellt, und hier hat sie diese Fähigkeit noch verfeinert. Sie verwendet dabei  ähnliche Elemente: Das Setting ist wieder Trinity College, Dublin, eine der Figuren  hat wieder einen im Vergleich zu den Kommilitonen ärmlichen sozialen Hintergrund, landet aber dank intellektueller Brillanz in einer Welt mit Ferienhäusern am Mittelmeer, und die Geschichte ist wieder eine konventionelle: Nach ‚Junges Mädchen liebt verheirateten Mann‘ diesmal ‚Romeo und Julia auf dem Campus‘. Rooney gilt als Millennial, die für ihre eigene Generation schreibt, aber Normal People hat auch mich sehr bewegt und mir vor allem diese Millennials so gezeigt, dass ich ihre Beweggründe verstanden habe. Dadurch, wie die Autorin die Liebeshindernisse in den Köpfen der beiden Protagonisten verdeutlicht oder mit Stereotypen wie einem unsympathischen Bankersöhnchen als Mariannes Boyfriend spielt, ohne hoffnungslos im Kitsch zu versinken, hat sie die Nominierung für den Man Booker Prize meiner Meinung nach absolut verdient. 

Ich weiß nicht, ob der Roman in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird, und ich bin auch nicht ganz sicher, ob eine Übersetzung an die sprachliche Leichtigkeit des Originals herankommen kann. Daher möchte ich allen ans Herz legen, es mit der englischen Version zumindest zu versuchen. Gelegenheit dazu bietet ein vorab im Granta Magazine erschienenes Kapitel, das den Beginn der Beziehung beschreibt.

Sally Rooney, Normal People. Faber & Faber Ltd. London 2018. 266 Seiten. 

 

Gespräche mit Millennials

Nächste Woche erscheint bei Faber and Faber Ltd. Normal People, mit dem es die irische Autorin Sally Rooney auf die Longlist des Man Booker Prize 2018 geschafft hat. Wer sich schon jetzt einen ersten Eindruck von dem Roman verschaffen möchte, kann das mit dem unter dem gleichen Titel im Granta Magazine veröffentlichten Vorabdruck tun. Darin erzählt Rooney vom Beginn der Beziehung zwischen Marianne und Connell, die gerade im Westen Irlands ihren Schulabschluss machen.

In Conversations with Friends, dem ersten Roman der 1991 geborenen Autorin, geht es ebenfalls um das Leben junger Menschen im heutigen Irland. Frances und Bobbi, beide Anfang 20, kennen einander seit der Schulzeit, waren ein Jahr lang ein Paar, studieren jetzt am Trinity College Dublin und sind immer noch beste Freundinnen. Weiterlesen »