Fröhliches Man Booker-Raten

Die Wochen seit der Bekanntgabe der Longlist des Man Booker Prize habe ich genützt, um noch einige der Titel von der Liste zu lesen oder als Hörbuch kennenzulernen. From a Low and Quiet Sea kannte ich schon, auf Snap von Belinda Bauer war ich sehr neugierig, da Val McDermid sich für diesen Titel begeistert hatte, Normal People, den neuen Titel von Sally Rooney, konnte ich mir nicht entgehen lassen, da die Autorin als DER Shootingstar der irischen Literaturszene gehandelt wird und mir ihr Romanerstling Conversations with Friends gut gefallen hatte, und Warlight von Michael Ondaatje musste deshalb schleunigst von der Wish- auf die Read-List, weil ich zuvor noch nie einen Roman des Gewinners des Golden Man Booker gelesen hatte.

Meine Meinung: Ohne die anderen 9 Titel auch nur angelesen zu haben, möchte ich heute, einen Tag vor Bekanntgabe der Shortlist, einen Tipp zu deren Zusammensetzung abgeben:

haben meiner Meinung nach ausgezeichnete Chancen auf die Shortlist, bei Snap bin ich mir da nicht sicher, das wird darauf ankommen, ob sich Val McDermid nochmals durchsetzen kann. Vielleicht hatte ich einfach ein gutes Händchen bei der Auswahl, vielleicht liege ich auch total daneben, weil die anderen Titel noch besser sind. Morgen werden wir es wissen, ich bin sehr gespannt und freue mich auf Eure Meinung zu meiner Prognose.

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Man Booker Love

Für normale Menschen halten sich die Protagonisten von Normal People, dem zweiten Roman der 1991 geborenen irischen Autorin Sally Rooney, ganz und gar nicht. Die aus einer wohlhabenden, aber zerrütteten Familie stammende Marianne Sheridan wird von ihren Mitschülern in der Abschlussklasse geschnitten und gemobbt und versucht gar nicht erst, dazuzugehören. Connell Waldron, einer dieser Mitschüler, ist ebenso überdurchschnittlich begabt wie sie, hat jedoch einen ganz anderen sozialen Hintergrund: Seine alleinerziehende Mutter ist die Putzfrau der Sheridans. Connell ist einer der beliebtesten Burschen in der Klasse, aber er hat ständig Angst davor, seinen Status in der Gruppe zu verlieren. Daher kann er sich nicht überwinden, zu seiner Beziehung mit Marianne zu stehen und lädt ein anderes Mädchen zum Abschlussball ein.

Meine Meinung: Normal People ist eine Lovestory, diese Information findet man schon im Klappentext, aber es ist nicht großes Kino mit Drama, Tragik, Leidenschaft, sondern ein bis ins Detail beobachtetes und mit Empathie erzähltes Coming of Age. Sally Rooney gelingt es von der ersten Seite an, die Intensität der Beziehung zwischen Marianne und Connell zu vermitteln. Die Dinge, die sie zu einander sagen, liegen jenseits jeder sozialen Konvention, und die Art, wie der jeweils andere darauf reagiert, zeigt, dass hier zwei verwandte Seelen miteinander sprechen, auch wenn sie einander meist falsch interpretieren. Sofort ist klar: Connell liebt Marianne und Marianne liebt Connell, es nützt nur nichts. 

Ihre Fähigkeit, die Welt der Millennials mit glaubwürdigen Dialogen glaubwürdig abzubilden und dabei einen faszinierenden Spannungsbogen aufzubauen, hat Sally Rooney schon in ihrem Romandebüt Conversations with Friends unter Beweis gestellt, und hier hat sie diese Fähigkeit noch verfeinert. Sie verwendet dabei  ähnliche Elemente: Das Setting ist wieder Trinity College, Dublin, eine der Figuren  hat wieder einen im Vergleich zu den Kommilitonen ärmlichen sozialen Hintergrund, landet aber dank intellektueller Brillanz in einer Welt mit Ferienhäusern am Mittelmeer, und die Geschichte ist wieder eine konventionelle: Nach ‚Junges Mädchen liebt verheirateten Mann‘ diesmal ‚Romeo und Julia auf dem Campus‘. Rooney gilt als Millennial, die für ihre eigene Generation schreibt, aber Normal People hat auch mich sehr bewegt und mir vor allem diese Millennials so gezeigt, dass ich ihre Beweggründe verstanden habe. Dadurch, wie die Autorin die Liebeshindernisse in den Köpfen der beiden Protagonisten verdeutlicht oder mit Stereotypen wie einem unsympathischen Bankersöhnchen als Mariannes Boyfriend spielt, ohne hoffnungslos im Kitsch zu versinken, hat sie die Nominierung für den Man Booker Prize meiner Meinung nach absolut verdient. 

Ich weiß nicht, ob der Roman in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird, und ich bin auch nicht ganz sicher, ob eine Übersetzung an die sprachliche Leichtigkeit des Originals herankommen kann. Daher möchte ich allen ans Herz legen, es mit der englischen Version zumindest zu versuchen. Gelegenheit dazu bietet ein vorab im Granta Magazine erschienenes Kapitel, das den Beginn der Beziehung beschreibt.

Sally Rooney, Normal People. Faber & Faber Ltd. London 2018. 266 Seiten. 

 

Gespräche mit Millennials

Nächste Woche erscheint bei Faber and Faber Ltd. Normal People, mit dem es die irische Autorin Sally Rooney auf die Longlist des Man Booker Prize 2018 geschafft hat. Wer sich schon jetzt einen ersten Eindruck von dem Roman verschaffen möchte, kann das mit dem unter dem gleichen Titel im Granta Magazine veröffentlichten Vorabdruck tun. Darin erzählt Rooney vom Beginn der Beziehung zwischen Marianne und Connell, die gerade im Westen Irlands ihren Schulabschluss machen.

In Conversations with Friends, dem ersten Roman der 1991 geborenen Autorin, geht es ebenfalls um das Leben junger Menschen im heutigen Irland. Frances und Bobbi, beide Anfang 20, kennen einander seit der Schulzeit, waren ein Jahr lang ein Paar, studieren jetzt am Trinity College Dublin und sind immer noch beste Freundinnen. Weiterlesen »

Shakespeare and Co.

Ende August erscheint die deutschsprachige Übersetzung von Jo Nesbos Macbeth, aber bevor ich diesen siebten Teils des Hogarth Shakespeare Projects in Angriff nehme, wollte ich endlich den ersten Teil lesen. Der weite Raum der Zeit (The Gap of Time) ist Jeanette Wintersons Version von Das Wintermärchen (The Winter’s Tale). Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Knaus Verlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar bedanken!

Ihrer Cover-Version stellt die Autorin eine Inhaltsangabe des Originals voran und beginnt ihre Nacherzählung dann damit, dass der verwitwete Shep in La Bohemia, Louisiana, gemeinsam mit seinem zwanzigjährigen Sohn Clo zuerst mit dem Auto in eine Schießerei gerät und dann, einer Eingebung folgend, ein Baby aus einer Babyklappe hebt und mitnimmt. Zwischen dem Baby und der Schießerei besteht ein Zusammenhang, da ist Shep sich sicher.

Das Baby hat auch einen Namen, Perdita, und in der Folge erfahren wir, dass sie die Tochter des in London lebenden Investmentbankers Leo und seiner Frau MiMi ist. Kurz vor der Geburt des Mädchens war Leo vollkommen ausgerastet: von der fixen Idee besessen, Xeno, sein engster Freund seit der gemeinsamen Zeit im Internat, sei der Vater des Ungeborenen, hatte er MiMi aus dem Haus getrieben. Mit der irrwitzigen Vorstellung, auf diese Art vielleicht seine Ehe retten zu können, hatte Leo  dann seinen Angestellten Cameron beauftragt, den „Bastard“ außer Landes zu schaffen. Dank der Inhaltsangabe haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie es weitergehen wird.

Meine MeinungIm Interview erzählt Jeanette Winterson, selbst ein Adoptivkind, sie habe die Geschichte des Findelkindes Perdita schon ihr gesamtes Erwachsenenleben lang wie einen Talisman mit sich herumgetragen und sei von ihr getragen worden. Jetzt habe sie den Roman geschrieben, weil sie in ihrem Alter dazu in der Lage sein sollte, meint sie. Und sie ist dazu in der Lage. Im Laufe dieser lebenslangen Beschäftigung mit dem Text hat die Autorin wohl unzählige Ideen gesammelt, die nun in den Roman Eingang gefunden haben. Dieses Mosaik aus Regieeinfällen nach Shakespeare-Motiven, beispielsweise eine Szene in der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Co, wirkte zu Beginn auf mich etwas konstruiert, aber dieser erste Eindruck verschwand sehr schnell.

Das bewusste Spiel mit der Zeit folgt Shakespeares Stück, in dem die Zeit als Chor auftritt. Game Developer Xeno erklärt das Prinzip:

In dem Spiel gibt es natürlich verschiedene Level. Im vierten Level kommt die Zeit als Spielerin dazu. Sie kann stehen bleiben, sich beschleunigen oder verlangsamen. Aber du spielst auch gegen die Zeit. Deshalb der Name des Spiels: ‚Der weite Raum der Zeit.‘ (S. 53) 

An anderer Stelle konkretisiert er seine Absicht:

„Ich möchte ein Spiel entwickeln, das wie ein Buchladen ist“, sagte Xeno. „Mit Poesie und einem echten Plot. Ein Spiel, in dem man die Chance hat, sich zu verlieren und sich wiederzufinden. (S.73)

„Ich will die Zeit in diesem Spiel kreisförmig denken – wie im Maya-Kalender. Jedes Level soll ein klar definierter, aber offener Zeitrahmen sein, in dem man als Spieler von einem anderen Level aus beobachtet werden kann.“ (S.73)

Im schon zitierten Interview weist Winterson darauf hin, dass das Original in Shakespeares späte Schaffensperiode fällt, in der er seine Frauengestalten anders als in früheren Stücken am Leben lies. Leo ist rasend eifersüchtig wie Othello, aber MiMi ist nicht Desdemona. Dadurch wird aus der Tragödie der ersten drei Akte eine Komödie, ein anderes Level also. Damit das gelingt, lässt Shakespeare den Gauner Autolycus auftreten. Dieser mutiert bei Winterson zu einem Autohändler, der von sich selbst sagt:

Bin zu ehrlich, um Geschäftsmann zu sein. Ich bin ein schlichter Gauner.“ (S.175)

Den Dialog, in dem Autolycus Clo erläutert, wie  die Tragödie des Ödipus durch einen Kreisverkehr abzuwenden gewesen wäre, fand ich ebenso witzig wie die Tatsache, dass er Clo einen DeLorean aufschwatzt.  Dass Shakespeares Stücke zeitlos sind ist ein Gemeinplatz, aber wer hätte gedacht, dass sich ein Wagen aus Zurück in die Zukunft ebenso gut einfügt wie ein Motiv aus einem Superman-Film oder Textzeilen aus Hits der 50er- bis 80er-Jahre. Auch hier bleibt der Roman Shakespeare treu: dieser lockerte sein Stück mit sechs Gesangs- und zwei Tanzeinlagen auf, wie Peter Ackroyd in Kapitel 85 seiner Shakespeare-Biographie anmerkt. Die Liste der Parallelen zwischen Stück und Roman ließe sich bei gründlicher Recherche bestimmt noch lange fortsetzen, aber dann wäre es mit dem sich Verlieren wohl vorbei und der Spaß verdorben, daher zum Schluss nur noch eine Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Sabine Schwenk ist eine Übersetzung gelungen, der man die Übersetzung nicht anmerkt. Spaß gerettet.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es von Frau Lehmann, bei kill monotony, auf dem paper and poetry blog, und von Maike auf herzpotential.

Jeanette Winterson, Der weite Raum der Zeit. Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Schwenk. Albrecht Knaus Verlag München 2015. 383 Seiten. 

Als Taschenbuch im englischen Original: The Gap of Time: The Winter’s Tale Retold. Vintage Books London 2016. 320 Seiten.

 

#DickeBücherCamp: Owen Meany

IMG_5075.jpgHeute ist von Charlie Byrne’s in Galway die letzte Lieferung der Bücher gekommen, an denen ich während meiner Irlandreise nicht vorbeigehen konnte, und der Stapel wird mich wohl noch länger beschäftigen. Aber da ich nicht nur irische Autor*innen lesen möchte, habe ich zwischendurch (wenn man das bei einem Wälzer so nennen kann) auch einem amerikanischen Autor einen längst überfälligen Besuch abgestattet.

Auf seiner Homepage gibt John Irving allen Leser*innen einen Rat: Wenn sie wissen möchten, worum es in einem Buch geht, sollten sie doch einfach die ersten Absätze des ersten Kapitels lesen, denn das sei das Einzige, was der Autor oder die Autorin einem mit auf den Weg geben möchte. ‚Glauben Sie mir: der Autor möchte einfach, dass Sie zu lesen beginnen‘, schreibt er. Gut, hier also der erste Satz der deutschen Übersetzung von A Prayer for Owen Meany:

Ich bin dazu verdammt, mit der Erinnerung an einen Jungen mit einer entsetzlichen Stimme zu leben – nicht wegen seiner Stimme, auch nicht, weil er der kleinste Mensch war, der mir je begegnet ist, und nicht einmal, weil er das Werkzeug zum Tod meiner Mutter war, sondern weil er der Grund ist, warum ich an Gott glaube: wegen Owen Meany bin ich Christ geworden. (S. 11 der deutschen Ausgabe)

Irving hält diesen Satz für einen der besten ersten Sätze, die er je geschrieben hat. Es könnte aber auch ein letzter Satz sein. In einem Interview, das die Hörbuchversion auf audible begleitet, erzählt er, dass er mit dem Schreiben immer am Ende beginnt. Wenn er die ersten Absätze zu Papier bringt – er tut das handschriftlich, um nicht schneller zu schreiben als er denken kann – hat er schon ein bis eineinhalb Jahre am Konzept seiner Geschichte gearbeitet und weiß genau, wie diese ausgeht, hat den letzten Satz, manchmal die letzten Seiten, schon fertig und ändert auch nichts mehr daran. Das Ergebnis ist bei Owen Meany ein Roman, der bis ins kleinste Detail durchkomponiert ist und gleichzeitig jede Menge Überraschungen bereit hält. Diese unvorhersehbaren Wendungen seien auch so manchen Kritikern zum Verhängnis geworden, meint Irving: ihren Beiträgen war anzumerken, dass sie das Buch nie zu Ende gelesen hatten. Amerikanische Kritiker hätten auch, anders als ihre deutschen Kolleg*innen, den Einfluss von Günter Grass‘ Blechtrommel nicht erkannt. Wenn man als Schriftsteller Zitate und Anspielungen verwende, komme einem das immer so offensichtlich vor, aber natürlich sei es nur für die offensichtlich, die das andere Buch auch gelesen haben.

In Owen Meany geht es um Freundschaft und Religion, aber für den Autor ist es vor allem auch der zweite Roman, der sich mit einem hochpolitischen Thema auseinandersetzt. In Gottes Werk und Teufels Beitrag (The Cider House Rules) ist es das Thema Abtreibung, bei Owen Meany sind es der Vietnamkrieg und die damit verbundene Wehrpflicht. Um diese Themen behandeln zu können, habe er auch zeitlichen Abstand zu den beschriebenen Geschehnissen benötigt, und um diesen zum Ausdruck zu bringen, lässt Irving den nach Kanada ausgewanderten Ich-Erzähler John Wheelwright 1987 die Geschichte seiner  Freundschaft mit Owen Meany erzählen, die in den 1960er-Jahren in einer Kleinstadt in New Hampshire begann. Die Ich-Erzählung habe er als „letzte Rettung“ gewählt, weil sich diese Geschichte für ihn nicht anders habe erzählen lassen.

Meine Meinung: John Irvings Bücher passen alle ausgezeichnet ins #DickeBücherCamp, das Nordbreze Marina für den Sommer 2018 ausgerufen hat. Kaum ein Irving-Roman hat weniger als 600 Seiten, man sollte also etwas Zeit erübrigen können. Da genau das der Haken bei der Sache ist, habe ich die Hörbuchversion gewählt – in diesem Fall eine Entscheidung mit Mehrwert. In der gedruckten Fassung wird Owen Meanys „entsetzliche Stimme“ durch Großbuchstaben dargestellt. Im Hörbuch verleiht, von Irving selbst als Vortragender ausgewählt, Joe Barrett der Titelfigur eine Stimme, die unter die Haut geht – love it or hate it!

Irvings siebter Roman gehört zu den literarischen Werken, über die man eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit schreiben könnte (vielleicht ist das auch schon geschehen). Ich war fasziniert und beeindruckt, und ich kann hier nicht annähernd alles festhalten, was mir beim Anhören durch den Kopf gegangen ist. Owen bezeichnet sich selbst als „Gottes Instrument“, und  der Autor nennt seinen Titelhelden einen Propheten, der, wie alle Propheten, Dinge sagt, die die Menschen nicht hören wollen. Auch wenn mich die religiösen Fragen, die aufgeworfenen werden, persönlich nicht sehr intensiv beschäftigen,  Irving gelingt es, ihre Komplexität darzustellen, ohne dass die Geschichte dadurch langweilig wird. Viel mehr interessiert haben mich dennoch die politischen Aspekte. Owen Meany legt die Finger in jede Wunde, von JFKs Affäre mit Marilyn Monroe bis zum Vietnamkrieg, und Irving lässt ihn am 7. Juli 1968 folgendes in sein Tagebuch schreiben:

IST DIESES LAND EINFACH SO RIESIG, DASS ES ALLES SO ÜBERTRIEBEN VEREINFACHEN MUSS? DER KRIEG ZUM BEISPIEL: ENTWEDER HABEN WIR EINE STRATEGIE, UM IHN ZU ‚GEWINNEN‘, WAS UNS – FÜR DEN REST DER WELT – ZU MÖRDERN MACHT; ODER WIR STERBEN, OHNE FÜR DEN SIEG ZU KÄMPFEN. UNSERE SOGENANNTE ‚AUSSENPOLITIK‘ ZUM BEISPIEL: ‚AUSSENPOLITIK‘ IST BEI UNS LEDIGLICH EINE BESCHÖNIGENDE BEZEICHNUNG FÜR REKLAME IN EIGENER SACHE, UND DIE REKLAME, DIE WIR FÜR UNS SELBST BETREIBEN, WIRD IMMER SCHLECHTER. WIR WERDEN EINE NIEDERLAGE KASSIEREN, UND WIR SIND KEINE GUTEN VERLIERER.

DAS, WAS WIR ‚RELIGION‘ NENNEN, ZUM BEISPIEL: MAN BRAUCHT NUR SONNTAGS MORGEN IRGENDEINEN FERNSEHSENDER EINZUSCHALTEN! ALL DIE CHÖRE UND ARMEN UND UNGEBILDETEN – UND DIESE FURCHTBAREN PREDIGER, DIE IHRE GESCHICHTEN VOM GUTEN HERRN JESUS WIE HAMBURGER VERKAUFEN. BALD WIRD AUCH IM WEISSEN HAUS EIN PREDIGER SITZEN; BALD KRIEGEN WIR EINEN KARDINAL ALS VORSITZENDEN DES OBERSTEN GERICHTSHOFS, UND EINES TAGES WIRD ES EINE EPIDEMIE GEBEN – ICH WETTE, IRGENDEINE MONSTRÖSE GESCHLECHTSKRANKHEIT, UND WAS WERDEN UNSERE EINZIGARTIGEN FÜHRER, UNSERE KIRCHENFÜRSTEN UND STAATSMÄNNER DANN SAGEN? WIE WERDEN SIE UNS HELFENß GANZ BESTIMMT WERDEN SIE UNS NICHT HEILEN – ABER WOMIT WERDEN SIE UNS TRÖSTEN? MAN BRAUCHT NUR DEN FERNSEHER EINZUSCHALTEN, UND SCHON ERFÄHRT MAN, WAS UNSERE EINZIGARTIGEN FÜHRER, UNSERE KIRCHENFÜRSTEN SAGEN WERDEN: „ICH HAB’S EUCH JA GESAGT!“ WERDEN SIE SAGEN, ‚DAS HABT IHR VON DER RUMVÖGELEI – ICH HAB EUCH JA GEWARNT, IHR SOLLT ES NICHT VOR DER EHE MACHEN.‘ SIEHT DENN NIEMAND, WAS DIESE DUMMKÖPFE IM SCHILDE FÜHREN? DIESE SELBSTGERECHTEN FANATIKER SIND NICHT ‚RELIGIÖS‘ – IHRE HAUSBACKENE WEISHEIT HAT NICHTS MIT ‚MORAL‘ ZU TUN.

DAS IST DIE RICHTUNG, IN DIE SICH UNSER LAND BEWEGT – HIN ZUR ÜBERTRIEBENEN VEREINFACHUNG. WIE EIN ZUKÜNFTIGER PRÄSIDENT AUSSEHEN WIRD? DA BRAUCHT MAN NUR AN EINEM BELIEBIGEN SONNTAGMORGEN DAS FERNSEHEN EINZUSCHALTEN – SICH IRGENDEINEN VON DIESEN TELEPFAFFEN ANZUSEHEN. DAS IST ER, DAS IST DER PRÄSIDENT DER ZUKUNFT! (S. 833f. der deutschen Ausgabe)

Drei Jahrzehnte sind vergangen, seit John Irving das zu Papier gebracht hat. Damals war Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten, Owens Vorhersagen  hatten sich weitgehend bewahrheitet und für Liberale sah es so aus, als könnte es nicht mehr schlimmer werden. Sie sollten sich irren. 

Alles bisher Gesagte klingt ein bisschen so, als wäre A Prayer for Owen Meany eine Abhandlung über Religion, Gesellschaft und Politik, verpackt in einen Roman, aber das stimmt nicht: Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die Geschichte einer Liebe, wie auch Irving im Interview hervorhebt. Und es ist eine Geschichte, bei der die Spannung auch dann nicht abreißt, wenn sich ein ganzes Kapitel mit einem einzigen Weihnachtsfest beschäftigt. Jede Szene ist wie ein Blick durch ein Vergrößerungsglas, das die Welt des Owen Meany in Einzelbilder zerlegt, bis ein komplettes Bild entsteht. Ein Roman ohne Längen, finde ich, und das ist fast erstaunlich. Vermutlich liegt die Erklärung in etwas, was mir mein Buchhändler einmal erzählt hat: John Irving veröffentliche zwar 800-Seiten-Wälzer, aber bis es soweit sei, habe er 8.000 Seiten geschrieben und wieder zusammengestrichen. 

Mein Fazit: Ich muss unbedingt bald den nächsten John Irving in Angriff nehmen. Also ganz schnell die 11 kg Literatur von meiner Reise und dann zurück ins #DickeBücherCamp.

John Irving, A Prayer for Owen Meany. Erstveröffentlichung 1989. Reprint Harper 2012. 640 Seiten. 

Als Audiobook präsentiert von Joe Barrett. Audible Vanguard Series 2009. 26 h 53 min. 

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Edith Nerke und Jürgen Bauer: Owen Meany. Diogenes 1990, 853 Seiten.