Edward St. Aubyn & King Lear

20180106120227_IMG_0141Wenn es um Literatur geht, habe ich immer das Gefühl, mehr zu versäumen als mitzunehmen, und heute bin ich wieder über ein Puzzlestück gestolpert, das ich fast übersehen hätte. Eine der besten Informationsquellen zum Thema englischsprachige Literatur ist der Guardian Books Podcast, und in der Folge vom 19. Dezember geht es nicht nur um die Zukunft der Literatur im Allgemeinen, sondern auch um einen prominenten Autor und seine neueste Veröffentlichung: Edward St. Aubyn liest aus Dunbar (auf Deutsch: Dunbar und seine Töchter), seiner Version von Shakespeares King Lear. Ich durfte den Roman als Vorabexemplar des Verlags lesen und habe ihn zum Erscheinungstermin vorgestellt (King Lear als Medienmogul), der Podcast liefert jetzt einige Ausschnitte daraus, vom Autor gelesen, und interessante Anmerkungen St. Aubyns zu seinen Überlegungen bei der Auswahl des Stoffes und bei der Gestaltung der Charaktere. Für alle, die die vom Autor gelesenen Stellen gerne auf Deutsch mitlesen wollen: Die Ausschnitte finden sich in der deutschen Ausgabe ab Seite 143 und ab Seite 93.

Edward St Aubin, Dunbar und seine Töchter. Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen. Albrecht Knaus Verlag München 2017, 253 Seiten. Ich danke dem Knaus-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Im Englischen Original: Dunbar. Hogarth 2017, 224 Seiten.

 

 

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King Lear als Medienmogul

Heute erscheint die deutsche Übersetzung des neueste Bandes aus der Hogarth Shakespeare-Reihe: Dunbar und seine Töchter ist Edward St Aubyns Version von Shakespeares King Lear. In Shakespeares Stück beschließt der alte König Lear, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufzuteilen. Von der zurückhaltenden Reaktion seiner Lieblingstochter Cordelia erzürnt enterbt er sie, sie verlässt den Hof und Lear übergibt sein Erbe an Goneril und Regan, die im Gegensatz zu ihrer Schwester heuchlerisch und berechnend sind. Sobald diese beiden die Macht in Händen halten, hat jedoch jede Schmeichelei ein Ende und sie versuchen, den alten Herrscher  möglichst schnell kaltzustellen. Daraufhin kehrt Cordelia zurück, um ihren Vater zu retten. Unterstützt wird sie dabei vom Earl of Kent, einem treuen Weggefährten des Königs, der ebenfalls in Ungnade gefallen ist.

In St Aubyns Version des Stoffes ist die Titelfigur Henry Dunbar, der aus einem kleinen Verlag ein mächtiges Medienimperium aufgebaut hat. Seine Töchter Abigail und Megan haben den 80-Jährigen in ein Sanatorium in Cumbria im Nordwesten Englands verfrachtet, wo er mit Medikamenten vollgepumpt wird, um ihn ruhig zu stellen. Geholfen hat ihnen dabei Dunbars persönlicher Arzt Dr. Bob, der dafür einen Millionenbetrag bekommen hat und den die Schwestern nach Belieben für Liebesdienste zu sich beordern, die für ihn alles andere als ein Vergnügen sind. Weiterlesen »

Shakespeares Shylock

Es gibt Bücher, mit denen man ein wenig Geduld haben muss, Shylock von Howard Jacobson war für mich eines davon. Über das erste Drittel des Romans geben sich die beiden Hauptcharaktere, der wohlhabende Kunstsammler Simon Strulovitch und der Witwer Shylock, die einander auf dem jüdischen Friedhof von Manchester begegnet sind, geschliffenen Dialogen hin, sonst passiert allerdings nicht viel. Kurz nach der Begegnung zieht Shylock in Strulovitchs Haus ein und zwischen den beiden Männern entspinnen sich Streitgespräche, deren Hauptthemen die jüdische Identität und der Antisemitismus sind. Was bedeutet es, Jude zu sein? Wer trägt Schuld an Judenverfolgung und Diskriminierung? Wie darauf reagieren? Haben etwa die Juden selbst Anteil daran?  Wir erfahren, dass Strulovitch in erster Ehe mit Ophelia-Jane, einer Christin, verheiratet war und daraufhin von seinen Eltern für tot erklärt wurde. Weiterlesen »

Shakespeare Again

The Tempest (Der Sturm) gehört nicht zu den Theaterstücken William Shakespeares, deren Handlung jeder kennt, aber in Hag-Seed (Deutsch: Hexen-Saat), Margaret Atwoods Romanversion des Stücks für das Hogarth Shakespeare Project, wird uns diese Handlung gleich in zweifacher Weise näher gebracht: sie dient als Vorlage für den Roman und sie begegnet uns als das Theaterstück, an dessen Inszenierung die handelnden Personen freiwillig und weniger freiwillig mitwirken.

Die kanadische Autorin erzählt die Geschichte von Theatermann Felix Phillips. Schwer angeschlagen vom Verlust seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter war er mitten in den Vorbereitungen zu einem seiner Geniestreiche, einer modernen Inszenierung von Der Sturm, als ihm sein zuvor immer eifrig kooperativer Assistent Tony Price eröffnete, dass er als künstlerischer Leiter des von ihm gegründeten Theaterfestivals gefeuert und Tony selbst sein Nachfolger sei.Weiterlesen »

The Hogarth Shakespeare Project

Hogarth Press hieß der Verlag, den die englische Autorin Virginia Woolf 1917 gemeinsam mit ihrem Mann Leonard gründete, um im eigenen Wohnzimmer mithilfe einer manuellen Druckpresse Bücher herzustellen. Was als Hobby und Selbstverlag begann wurde bald kommerziell erfolgreich, und bis 1946 veröffentlichten die Woolfs  insgesamt 527 Titel.

Heute gehört Hogarth Press zur Penguin Random House-Gruppe, und 2012 startete der Verlag das Hogarth Shakespeare Project, das den klingenden Namen der in der Vergangenheit verlegten Autor_innen – die Palette reicht von T.S. Elliot bis Sigmund Freud – eine beeindruckende Auswahl hinzufügt: Margaret Atwood, Anne Tyler, Howard Jacobson, Gillian Flynn, Jo Nesbo und andere wurden eingeladen, eines von Shakespeares Stücken als Roman nachzuerzählen. Weiterlesen »