BuchWien 2018 – Im Herzen der Blutsuppe

Englischsprachige Autor*innen stehen auf der BuchWien naturgemäß nicht im Zentrum, aber wenn schon nicht BritLit, dann wenigsten Whodunnit, und dem war einer der echten Höhepunkte der heurigen Veranstaltung gewidmet.

IMG_6358.jpg
Thomas Raab, Arne Dahl und Bernhard Aichner

fünf plus drei‚Weltmeister der Blutlache‘, so nennt Moderator Heinz Sichrovsky die drei Herren, die gut gelaunt von der Gästecouch in der Leselounge lächeln: Thomas Raab, Arne Dahl und Bernhard Aichner gehören zu den erfolgreichsten Krimiautoren im deutschen Sprachraum, und somit befindet sich dieses Sofa für die Zeit des Gesprächs ‚im Herzen der Blutsuppe‘. Bei den Fragen an den schwedischen Literaturwissenschafter Jan Lennard Arnalt geht es zunächst vor allem um Namen: Dass er sich für sein Pseudonym den Familiennamen des britischen Schriftstellers Roald Dahl ausgesucht habe sei Zufall, sagt er, aber Molly Blom, der Name der weiblichen Hauptfigur seiner Berger & Blom-Serie, sei ganz bestimmt kein Zufall. Um herauszufinden, was es mit der Anspielung an James Joyce’s Roman Ulysses auf sich habe, müsse man sich bis zum im September erschienenen dritten Teil durcharbeiten: Nach Sieben minus eins und Sechs mal zwei nun Fünf plus drei.

Walter muss wegAuch der Wiener Thomas Raab setzt bei seinem neuesten Roman Walter muss weg auf eine Ermittlerin, nachdem sieben Krimis lang der Restaurator Willibald Adrian Metzger die Fälle gelöst hat. Dieser muss eine Pause machen, bevor er seinem Schöpfer „zu unsympathisch wird“. Deshalb schickt Raab nun die „richtig grausliche“ Hannelore Huber auf Mörderjagd, eine kerngesunde Witwe in ihren 80ern, „die mir nie das Du-Wort anbieten würde.“ Der Ausgangspunkt des Falles sei die Frage gewesen, was passiert, wenn es gleichzeitig zu einem Gehirnschlag und einem Verkehrsunfall kommt. Raab lässt sich ahnungslos in seine Geschichten hineinfallen. Zu Beginn geht es rasch, „dann muss ich die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe.“ Die Ermittlungsdetails recherchiert er dabei nicht. „Sobald es um Polizeiarbeit geht, interessiert es mich nicht mehr.“

Dahl schreibt pro Jahr ein Buch und weiß am Anfang nicht, was er schreiben wird. „Ich versuche mich zu überraschen.“ Während er beim Schreiben manchmal deprimiert wird, weil er auch schon ein halbes Buch habe wegwerfen müssen, passiert Raab das nicht: Er habe für solche Fälle einen eigenen Ordner auf dem Computer, was er aussortiere, komme ins nächste Buch.

BöslandDie Grundidee für Bernhard Aichners Bösland war ein Alptraum, und diesen verband er mit zwei Fragen: Warum wird ein 13-jähriger zum Mörder und was passiert 30 Jahre später? Auch bei ihm wird der Fall diesmal von einer Frau gelöst. Es sei ihm leicht gefallen, sich in eine Frau einzufühlen. Im nächsten Buch werde es eine 54-jährige Supermarktkassierin sein. Im Gegensatz zu Raab, der zu Beginn „gar nichts“ weiß, kennt Aichner den Ausgang der Geschichte von Anfang an, nimmt aber „Wege und Umwege“ um dort hin zu gelangen. Alle Geschichten wurden bereits erzählt, die Herausforderung sei, sie neu zu erzählen und seine Leser so zu überraschen. Er möchte diese dabei auf ein Pferd setzen und dem Pferd auf den Arsch klopfen.

Junger MannEr hing an dem Gürtel, mit dem er mich immer geschlagen hatte, so lautet der erste Satz von Bösland, und auf Nachfrage meint Aichner, das sei vielleicht sein bisher bester erster Satz. Dahl hält das Warten auf den perfekten ersten Satz für gefährlich, und für Raab hatte der erste Satz seines ersten Metzger-Krimis eine unerwünschte Nebenwirkung: Da ist es wieder! wurde sofort mit Wolf Haas verglichen, in dessen Brenner-Krimis der Stehsatz Jetzt ist schon wieder was passiert lautet. Wolf Haas habe ich auf der BuchWien übrigens vermisst, aber beim Anrichten der Blutsuppe wäre er diesmal ohnehin falsch. Sein neuester Roman Junger Mann ist kein Krimi, sondern erzählt vom Erwachsenwerden der Titelfigur, deren biographische Eckdaten mit jenen des Autors überstimmen. Ich bin schon gespannt und werde berichten.

 

Advertisements

Literatur im Nebel 2018

IMG_1196Am vergangenen Wochenende fand im niederösterreichischen Heidenreichstein  das Festival Literatur im Nebel 2018 statt. Wie auf dem Foto unschwer zu erkennen, hat der Titel nichts mit dem herrschenden meteorologischen Bedingungen zu tun; er ist der Tatsache geschuldet, dass Literaturliebhaber ursprünglich nicht mitten im Frühling, sondern Ende Oktober ins nördliche Waldviertel pilgerten, um einen Superstar der Literaturszene zu feiern. ‚Superstar‘ mag ein bisschen übertrieben klingen, aber schon im Gründungsjahr 2006 war der Ehrengast Salman Rushdie. Dieser musste aufgrund der gegen ihn ausgerufenen Fatwa heimlich anreisen. Ihm folgten, mit wesentlich mehr Publicity, unter anderem Amos Oz,  Margaret Atwood, Jorge Semprún, Ian McEwan, und sowohl im letzten Jahr als auch heuer jeweils eine Literaturnobelpreisträgerin. 2017 war es die ukrainische Autorin Swetlana Alexijewitsch, wie in einem Beitrag nachzulesen, heuer hieß der Ehrengast Herta Müller.  Sie wurde in Rumänien geboren, ihre Familie gehörte zur deutschsprachigen Minderheit. Herta Müller studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete dann als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Als sie sich weigerte, für die Securitate zu spionieren, wurde sie von dieser schikaniert und bedroht. 1987 konnte sie in die BRD ausreisen; bis 1989 sei sie dort im Exil gewesen, sagt sie, erst seit Ceausescus Ende sei sie freiwillig in Deutschland.

In ihren Büchern verarbeitet Herta Müller ihre Erfahrungen mit dem totalitären politischen Regime, sie beschreibt aber keine autobiographischen Geschehnisse, sondern fiktive Ereignisse aus dem Autobiographischen heraus. Weiterlesen »

2018 Man Booker International Prize

Zu Wochenbeginn wurde die Longlist für den Man Booker International Prize 2018 veröffentlicht. Aus ursprünglich 108 Werken hat die Jury 13 Titel ausgewählt, die ich Euch hier gerne vorstellen möchte:

Laurent Binet, The 7th Function of Language. Der französische Originaltitel lautet La septième fonction the langage, auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die siebte Sprachfunktion erschienen. Im März 1980 wurde der französische Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes, nachdem er kurz zuvor mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten François Mitterand zu Mittag gegessen hatte, von einem Kleinlaster angefahren und erlag seinen Verletzungen. Im Roman geht Kommissar Jacques Bayard der Frage nach, ob es sich um einen Unfall oder nicht doch um Mord gehandelt habe und macht sich dabei in einer Mischung aus Umberto Ecos Der Name der Rose und Dan Browns Sakrileg auf die Jagd nach einem geheimen Manuskript über Die siebte Sprachfunktion.Weiterlesen »

Costa Book Awards 2017

Erst im Februar 2018 über einen Buchpreis 2017 zu berichten, scheint etwas verspätet, aber tatsächlich werden die Preisträger der Costa Book Awards immer erst im Jänner des darauffolgenden Jahres bekanntgegeben: Anfang Jänner die Gewinner in 5 Einzelkategorien (First Novel Award, Novel Award, Biography, Poetry, Children’s Books), Ende Jänner der aus diesen 5 Preisträger_innen gewählte Hauptpreis. Ich kenne bei weitem nicht alle Siegertitel der letzten Jahre, aber die, die ich kenne, haben mir alle gefallen, und zwei davon habe ich auf diesem Blog auch schon vorgestellt: Colm Tóíbin hat 2009 mit Brooklyn den Hauptpreis gewonnen, der Hauptpreisträger von 2016 war Sebastian Berry mit Days without End.

Der heute von einer Coffee-to-go-Kette gesponserte Preis wurde 1971 unter dem Namen Whitbread Award ins Leben gerufen, und er wird an Autor_innen vergeben, die in englischer Sprache publizieren und seit mindestens 3 Jahren in Großbritannien oder Irland leben. Weiterlesen »

Literaturnobelpreis 2017

Heute findet die Verleihung des diesjährige Nobelpreises für Literatur  statt,  und während Bob Dylan, der Preisträger von 2016, zunächst nicht einmal zu einer Stellungnahme bereit war, dann seine Kollegin Patti Smith zur  Zeremonie schickte und sich den Preis schließlich erst im heurigen Frühjahr persönlich abholte (offensichtlich hat da jemand Nonkonformismus mit schlechtem Benehmen verwechselt), wird sich Kazuo Ishiguro, der diesjährige Preisträger, die Mühe machen, den Preis selbst im Konzerthaus von Stockholm entgegenzunehmen. Hier der Link zu Ishiguros Nobel Lecture vom 7. Dezember 2017: My Twentieth Century Evening – and Other Small Breakthroughs.

Ishiguros bekanntestes Werk ist der 1989  mit dem Man Booker Preis ausgezeichnete Roman Was vom Tag übrig blieb. Darin macht sich Stevens, Butler in einem der größten und vornehmsten Häuser Englands, 1956 auf eine mehrtätige Reise nach Cornwall, um Miss Kenton, die ehemalige Haushälterin, zu bitten, auf Darlington Hall zurückzukehren. Die Taschenbuchausgabe der deutschen Übersetzung verspricht Die bittersüße Liebesgeschichte zweier Bediensteter in einem englischen Herrenhaus, und der Roman erfüllt dieses Versprechen. Während Stevens im eleganten Ford seines neuen amerikanischen Dienstgebers durch die englische Landschaft fährt, erinnert er sich an mehrere Episoden aus der gemeinsamen Arbeit mit Miss Kenton, von der ersten Begegnung bis zu ihrem Abschied. Die Schilderungen lassen keinen Zweifel daran, dass die junge Frau bis über beide Ohren in ihren Kollegen verliebt war und innerhalb des strengen Verhaltenskodex ihres Berufsstandes nichts unversucht gelassen hatte, ihn aus der Reserve zu locken. Stevens‘ Schilderungen geben aber auch Aufschluss darüber, wieso Miss Kentons Bemühungen chancenlos bleiben mussten. Ishiguro  gelingt das Kunststück, seinen Protagonisten alles Entscheidende erzählen zu lassen, und gleichzeitig klar zu machen, dass dieser nichts verstanden hat, und das hat die Geschichte für mich so berührend gemacht: Ich habe nachvollziehen können, welche inneren Zwänge Stevens dazu bewegen, sich wie ein Scheusal zu benehmen. Weiterlesen »