Im Umbruch

J.M. Coetzee, der heurige Ehrengast von Literatur im Nebel, wurde, wie Peter Carey und Hilary Mantel, bereits zweimal mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. 1983 erhielt er den Preis für Life & Times of Michael K (Leben und Zeit des Michael K.), 1999 für Disgrace (Schande). Darin erzählt er von David Lurie, einem alternden Literaturprofessor, der nach einer Affäre mit einer Studentin seine Stelle an der Technischen Universität von Cape Town verliert, da er nicht bereit ist, sich für sein Fehlverhalten angemessen zu entschuldigen. Statt dessen packt er seine Koffer und fährt zu seiner Tochter Lucy, die mit einer kleinen Farm ihren Lebensunterhalt verdient. Er verrichtet Hilfsarbeiten auf der Farm und auf einer Tötungsstation für Hunde und möchte ein Buch über Lord Byron schreiben. Sein neues Leben verläuft zunächst ruhig, aber dann wird die Farm von drei Männern überfallen und Lucys Reaktion auf die Gewalt fällt ganz anders aus als er es erwartet hätte.

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Peter Lohmeyer liest aus Schande

Meine Meinung: David Lurie ist nach seiner Entlassung und erst recht nach dem Überfall mit Fragen konfrontiert, mit denen er sich zuvor vermutlich wenig auseinandergesetzt hat. Er hatte seine Privilegien als weißer akademisch gebildeter Mann genossen und von sich selbst das Bild eines toleranten, kultivierten Intellektuellen. Entlassen wurde er nicht wegen der Affäre selbst, sondern weil er sich weigerte, den  Übergriff auf die Studentin als solchen anzuerkennen und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Statt dessen begreift er sich als in die Jahre gekommener Diener Amors, der lieber ins Exil geht als zu Kreuze zu kriechen. Dieses Exil ist allerdings auch kein geeigneter Rückzugsort, denn er wird dort mit den veränderten Realitäten seines Leben und seines Landes konfrontiert. Die Geschichte, die J.M. Coetzee erzählt, spielt wenige Jahre nach Ende des Apartheideregimes. Lucys Helfer Petrus ist keine rechtlose Hilfskraft mehr, sondern gerade dabei, sein eigenes Farmhaus zu bauen und sich zu emanzipieren. Ihr Nachbar Ettinger fühlt sich durch die neuen politischen Gegebenheiten in seiner Existenz bedroht und hat das Gewehr immer griffbereit.  Lucy selbst hingegen nimmt die Veränderungen an und ist bereit, den Preis zu zahlen, den es kostet, in einer Heimat bleiben zu können, die von ihren Vorfahren mit Gewalt akquiriert und viele Jahre lang ausgebeutet wurde. 

Coetzee schreibt nicht von „Weißen“ und „Schwarzen“ und ist auch sonst in seiner Wortwahl zurückhaltend, aber trotzdem ist klar, wer welcher ethnischen Gruppe angehört und worum es geht. Der Autor verwendet Symbole und  Analogien, ohne dass dies konstruiert oder aufgesetzt wirkt. Er weckt für keine der handelnden Personen besondere Sympathien, aber es gelingt ihm, ihre für die Umgebung wie die Leserin überraschenden Entscheidungen verständlich zu machen. Ein unaufgeregtes, aber schonungsloses Portrait eines Mannes und eines Landes im Umbruch und einer jungen Frau, die weiß, wie sie diesen Umbrüchen begegnen möchte.

J.M. Coetzee, Disgrace. Vintage Books London 2000. 220 Seiten.

In Deutscher Übersetzung von Reinhild Böhnke: Schande. FISCHER Taschenbuch 2001. 288 Seiten. 

J.M.Coetzee – Gegen die Hegemonie der englischen Sprache

Bereits zum 13. Mal pilgerten dieses Wochenende Literaturbegeisterte nach Heidenreichstein im Waldviertel, um bei Literatur im Nebel eine Autorin oder einen Autor zu feiern und persönlich kennenzulernen. Wie üblich startete das Festival ungeachtet des Titels bei strahlendem Sonnenschein, und wie üblich war der Ehrengast ein ganz großer Name: In dem kleinen Städtchen nahe der Grenze zwischen Österreich und Tschechien wurde im dritten Jahr hintereinander ein Literaturnobelpreisträger auf die Bühne gebeten. Nach Svetlana Alexijewitsch (2017) und Herta Müller (2018) diesmal der aus Südafrika stammende J.M. Coetzee, dessen Werke, wie üblich, von einer Garde hochkarätiger Kulturschaffender präsentiert wurden.

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Inger-Maria Mahlke und Aglaia Szyskowitz lesen aus Sommer des Lebens
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Daniela Golpaschin liest aus Im Herzen des Landes
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Hans Pleschinski, Elisabeth Trissenaar und Elias Hirschl lesen aus Eiserne Zeit

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Man Booker Win

Val McDermid sitzt heute irgendwo und liest zum ersten Mal seit sieben Monaten ein Buch nur zum Vergnügen. Zumindest hat sie das in einem Interview angekündigt, das sie kurz vor der gestrigen Kür des Man Booker Prize 2018 der New York Times gegeben hat. Darin erfährt man einiges darüber, wie das Auswahlverfahren für den Literaturpreis abgelaufen ist. 171 Bücher hatten sie und die vier anderen Jurymitglieder bewältigt, bevor sie gestern Vormittag an einem geheimgehaltenen Ort in London zusammentrafen, um sich auf den Siegertitel zu einigen. Bei den Diskussionen hätte sicher so manche(r) gerne Mäuschen gespielt, denn die Juror*innen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen: Da war eben die schottische Krimitautorin Val McDermid, der in London geborene und an der New York University tätige Philosoph  Kwame Anthony Appiah, der Literatur- und Kulturkritiker Leo Robson, die am Birkbeck Institute for the Humanities der University of London lehrende Feministin Jacqueline Rose und die in New Yorks Greenwich Village lebende kanadische Künstlerin und Illustratorin Leanne Sharpton. Diese Zusammensetzung spiegelt sich auch in der Longlist wider, die neben ‚typischen‘ literarischen Werken auch einen Krimi (Snap von Belinda Bauer) und zum ersten Mal auch eine Graphic Novel (Nick Drnasos Sabrina) umfasste. Beide schafften es ebensowenig auf die Shortlist wie Sally Rooneys Lovestory Normal People oder Warlightder neueste Roman von Michael Ondaatje, Gewinner des ebenfalls heuer verliehenen Golden Man Booker.Weiterlesen »

Man Booker Out

Während am kommenden Dienstag bereits der Gewinnertitel des diesjährigen Man Booker Prize bekanntgegeben wird, komme ich erst heute dazu, einen Titel vorzustellen, der es von der Longlist entgegen meinen Erwartungen nicht auf die Shortlist geschafft hat.

Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren. Wir wohnten in London, in einer Straße namens Ruvigny Gardens, und eines Morgens meinte unsere Mutter, oder vielleicht war es auch der Vater, wir sollten uns nach dem Frühstück unterhalten, und sie teilten uns mit, sie würden uns verlassen und für ein Jahr nach Singapur gehen. (S. 13 der deutschen Übersetzung).

So beginnt Warlight (in deutscher Übersetzung Kriegslicht) von Michael Ondaatje, und was folgt, ist die Geschichte eines Erwachsenwerdens unter ungewöhnlichen Bedingungen. Die in London zurückbleibenden Kinder, der 14-jährige Nathaniel und seine fast zwei Jahre ältere Schwester, sollen ein Internat besuchen und nur in den Ferien von zwei Freunden der Eltern, Walter, The Moth (Der Falter), und Norman, The Darter (Der Boxer), betreut werden. Aber Nathaniel widersetzt sich diesem Plan, zieht nach kurzer Zeit im Internat wieder nach Ruvigny Gardens und nimmt einen Nebenjob als Aushilfe in einem Restaurant an, wo er ein einige Jahre älteres Mädchen kennenlernt. Er nennt das Mädchen Agnes, denn in einem unbewohnten Apartment in der Agnes Street treffen sich die beiden regelmäßig. Während Rachel schnell beginnt, ihr eigenes Leben zu leben, begleitet Nathaniel Norman beim Schmuggeln illegal importierter Windhunde für Hunderennen und lernt dessen häufig wechselnde Freundinnen kennen, darunter die Ethnographin Olive Lawrence.

Mehr als ein Jahrzehnt später verschafft sich Nathaniel als Beamter im Außenamt Zugang zu Akten, die es ihm ermöglichen, den Hintergründen der mysteriösen Abreise seiner Eltern auf den Grund zu gehen und zu verstehen, welche Rolle die zwielichtigen Aufpasser im Leben der Familie spielten.

Meine Meinung: Warlight erzählt von Kindern, deren Eltern sich nicht vollkommen auf deren persönliches Wohlergehen konzentrieren, sondern sich einer größeren Sache gegenüber verpflichtet fühlen. Bis zur Abreise der Mutter ist das Leben von Nathaniel und Rachel so „normal“, wie es ein Leben im Krieg sein kann, danach tauchen sie in eine Welt ein, in der die alten Regeln aufgehoben sind und sie sich neu orientieren müssen. Mich hat Michael Ondaatjes Erzählung stark an die Romane von Graham Greene erinnert. Auch bei ihm geht es meist darum, welchen Einfluss die Kriege und politischen Verwicklungen des 20. Jahrhunderts auf jene haben, die, freiwillig oder unfreiwillig, in diesem weltpolitischen Geschehen zumindest eine kleine aktive Rolle spielen. Auch Greens Charaktere sind meist keine Durchschnittstypen, sondern Menschen, in deren Leben es unkonventionelle Familienkonstellationen und Partnerschaften, Brüche und Widersprüchlichkeiten gibt, und Darstellungen derartiger Lebenswelten fand ich immer faszinierend und spannend.  Fasziniert hat mich auch die Welt, die Michael Ondaatje beschreibt, nur die Spannung blieb etwas auf der Strecke. Die Frage ‚Was ist eigentlich passiert?‘ konnte ich am Ende nicht wirklich beantworten, die Schilderung des Alltags von Nathaniel in Ruvigny Gardens und die Erklärung dafür, wie es ihm gelingt, Licht in die Hintergründe zu bringen, fand ich nur bedingt glaubwürdig. 

Mein Fazit: Michael Ondaatje ist ganz sicher ein meisterhafter Erzähler, aber auch meisterhafte Erzähler benötigen zunächst einmal eine gute Geschichte.

Von  letteratura bekommt der Roman ein ‚Sehr gut‘, JMalula (Exlibris) und Constanze Matthes, die auf  Zeichen & Zeiten eine genaue Analyse mit Spoilern (!) liefert, sind begeistert, die Nomadenseele zeigt sich geradezu erbost über den Plot.

Michael Ondaatje, Warlight. Gelesen von Steve West. Random House Audio 2018. 8 h 36 min.

Übersetzung aus dem Englischen von Anna Leube: Kriegslicht. Hanser Verlag München 2018. 320 Seiten.

 

Fröhliches Man Booker-Raten

Die Wochen seit der Bekanntgabe der Longlist des Man Booker Prize habe ich genützt, um noch einige der Titel von der Liste zu lesen oder als Hörbuch kennenzulernen. From a Low and Quiet Sea kannte ich schon, auf Snap von Belinda Bauer war ich sehr neugierig, da Val McDermid sich für diesen Titel begeistert hatte, Normal People, den neuen Titel von Sally Rooney, konnte ich mir nicht entgehen lassen, da die Autorin als DER Shootingstar der irischen Literaturszene gehandelt wird und mir ihr Romanerstling Conversations with Friends gut gefallen hatte, und Warlight von Michael Ondaatje musste deshalb schleunigst von der Wish- auf die Read-List, weil ich zuvor noch nie einen Roman des Gewinners des Golden Man Booker gelesen hatte.

Meine Meinung: Ohne die anderen 9 Titel auch nur angelesen zu haben, möchte ich heute, einen Tag vor Bekanntgabe der Shortlist, einen Tipp zu deren Zusammensetzung abgeben:

haben meiner Meinung nach ausgezeichnete Chancen auf die Shortlist, bei Snap bin ich mir da nicht sicher, das wird darauf ankommen, ob sich Val McDermid nochmals durchsetzen kann. Vielleicht hatte ich einfach ein gutes Händchen bei der Auswahl, vielleicht liege ich auch total daneben, weil die anderen Titel noch besser sind. Morgen werden wir es wissen, ich bin sehr gespannt und freue mich auf Eure Meinung zu meiner Prognose.