Auf den Spuren von Jack Taylor durch Galway

20180710_103540Es kommt nicht oft vor, dass man einer Figur aus einem Roman im wirklichen Leben begegnet – ich hatte letzte Woche so eine Begegnung. Vinny, der Verkäufer, der mir in Charlie Byrne’s Bookshop in Galway dabei half, den Stapel Bücher, den ich ausgesucht hatte, möglichst kostengünstig nach Hause schicken zu lassen, ist der Vinny, der sich in Ken Bruens Headstone (Ein Grabstein für Jack Taylor) auf Seite 223 der englischen Ausgabe mit dem Titelhelden eine Zigarettenpause gönnt, nachdem dieser ihm eine Liste mit seinen Bücherwünschen präsentiert hat.Weiterlesen »

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Der Verlierer gewinnt

Heirate nie in Monte Carlodiesen Rat gibt der deutsche Titel von Graham Greenes Erzählung Loser Takes All, und während die meisten von uns erst gar nicht Gefahr laufen werden, sich das aussuchen zu können, findet sich Bertram, ein kleiner Buchhalter in einer britischen Firma, am Vorabend der Hochzeit mit seiner um 20 Jahre jüngeren Verlobten Cary auf dem Balkon einer großzügigen Suite des Hôtel de Paris in Monaco wieder. Zu verdanken hat er das Herbert Dreuther, einem der Bosse seiner Firma. Dreuther hat Bertram, obwohl er ihn zuvor nie auch nur wahrgenommen hatte, aus einer Laune heraus dazu eingeladen, seine bevorstehenden Flitterwochen auf seiner Yacht an der Côte d’Azure zu verbringen und ließ die Hochzeit kurzerhand ins Bürgermeisteramt des Fürstentums verlegen. Allerdings taucht der ‚Grand Old Man‘ nicht wie versprochen rechtzeitig auf, um als Trauzeuge zu fungieren, und die frisch Vermählten müssen, obwohl das ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem übersteigt, weiterhin im Luxushotel wohnen. Bertram hat  ein Talent für Zahlen, und da liegt es nahe, das Urlaubsbudget als Systemspieler am Roulette-Tisch aufzubessern. Zunächst verliert er, aber dann beginnt er zu gewinnen.

Meine MeinungHeirate nie in Monte Carlo klingt wie der Titel einer Hollywoodkomödie, und tatsächlich ist kurz nach Veröffentlichung der Erzählung im Jahr 1956 eine (allerdings britische) Verfilmung ins Kino gekommen. Das lässt darauf schließen, dass die Geschichte von vornherein fürs Kino bestimmt war. Ich habe den Film nie gesehen, aber der Trailer dazu verspricht eine temporeiche Story vor einer Bilderbuchkulisse, eine nicht allzu anspruchsvolle romantische Komödie mit witzigen Dialogen. Greene-Biograph Michael Shelden nennt das Buch ‚an undistinguished short novel‚ (S.417), aber ’nicht besonders‘ ist bei einem Schriftsteller wie Graham Greene immer noch wesentlich besser als so manches, was andere in Buchform veröffentlichen. Der Autor selbst nannte seine Geschichte eine ‚frivolity‘, und das Frivole daran ist vermutlich, dass er sich einfach hingesetzt und zum Spaß eine Novelle geschrieben hat, in der er sich über die menschliche Natur im Allgemeinen und deren Umgang mit Geld im Besonderen lustig macht. Die Figuren sind dabei, wie in anderen Romanen des Autor, von einem Hauch von Tragik und Versagen umgeben. Cary hat ihre Eltern im Blitzkrieg verloren und ist bei einer Tante aufgewachsen, Bertram ist zwar ein Mathematikgenie, hat aber bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich und fristet sein Dasein in einer untergeordneten Position ohne Aussicht auf Beförderung, sodass er sich und seiner Braut nur eine bescheidene Hochzeit finanzieren kann. Dann kommt Mr. Dreuther und spielt Schicksal, ohne sich über die Konsequenzen seines Handelns auch nur die geringsten Gedanken zu machen. So wird aus der leichten Liebeskomödie ein typischer Graham Greene. Laut Shelden ist die Figur des Herbert Dreuther eine nicht böse gemeinte Karikatur des Filmroduzenten Alexander Korda, über den Greene sich schon zuvor immer wieder lustig gemacht hatte. Ein bisschen schade finde ich, dass die Figur der Cary sehr stereotyp dargestellt ist, aber das ist wohl dem Genre und der Zeit geschuldet und hat mein Vergnügen am Buch nicht beeinträchtigt. Ein unterhaltsames Lesevergnügen für einen entspannten Urlaubstag.

Eine weitere Besprechung findet ihr bei literaturen.

Graham Greene, Heirate nie in Monte Carlo. Wagenbach SALTO 2015. 120 Seiten.

Im englischen Original: Loser Takes All. Penguin Books 1977. 124 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich. 

Michael Shelden, Graham Greene: The Man Within. QPD London 1994. 537 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich.

 

#EcoLesen #2 – Gedächtnisübungen

Manchmal ist ein schlechtes Gedächtnis eine gute Sache. Beispielsweise ermöglicht es Buchliebhaber*innen, Bücher in gebührendem zeitlichem Abstand immer wieder zu lesen und Freude daran zu haben als wäre es das erste Mal. Ich kann mich vage daran erinnern, was der Grund für die Verbrechen in Umberto Ecos Der Name der Rose und wer der Mörder war, aber die Details schwimmen irgendwo im Indischen Ozean (siehe Beitrag #1). Für Filme habe ich ein noch schlechteres Gedächtnis als für Bücher, daher hat William von Baskerville beim Wiederlesen das verschmitzt kluge Gesicht eines schon angegrauten Sean Connery, und Adson hat die süße Unbeholfenheit eines noch sehr jungen Christian Slater, das war’s aber auch. Das mittelalterliche Ermittlerteam spricht bei mir aber offensichtlich stattdessen das kollektive Gedächtnis an, denn obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, jemals eine Sherlock Holmes-Geschichte gelesen oder einen Film gesehen zu haben (oder habe ich doch…?) sind die Parallelen zu ihren offensichtlichen Namensgebern auch für mich unübersehbar, und ich finde es sehr amüsant, wie Eco mit diesen Motiven spielt. Ich kann natürlich wenig dazu sagen, wie Arthur Conan Doyle seine berühmte Figur als vornehm-kultivierten britischen Detektiv und Dr. Watson als Mischung aus größtem Fan und rechter Hand portraitiert, aber was wir schon am ersten Tag über den Franziskanermönch William erfahren, ist auch jenseits von Analogien im ausgehenden 19. Jahrhundert wieder ein gekonnter Einsatz der Zeichen, und es ist auch ein gekonnter Griff in die Geschichtsbücher. William reist in einer geheimen Mission von Kaiser Ludwig dem Bayern, steht also auf Seiten der weltlichen Macht, die sich mit Johannes XXII., dem ersten Papst, der von Avignon aus regiert, einen Schlagabtausch liefert. Im Kloster trifft er seinen alten Freund Ubertin von Casale. Dieser ist keine Erfindung Ecos, sondern war tatsächlich einer der Anführer der Spiritualen, die innerhalb des Franziskanerordens heftig gegen den Papst opponierten. Dieser Ubertin hatte einen Mitstreiter namens William of Ockham, geboren in der englischen Grafschaft Surrey. Der Franziskanermönch war Philosoph und Theologe und verfasste unter anderem Bücher zur Logik, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Metaphysik. Er versuchte, sich aus politischen Konflikten herauszuhalten, wurde aber 1325 der Ketzerei angeklagt. Er wurde nie verurteilt und schloss sich, nachdem er freigekommen war, den papstkritischen Unterstützern des Kaisers an. Diese Details verdanke ich nicht einem enzyklopädischen Wissen über Geschichte oder akribischem Quellenstudium, sondern Wikipedia, der größten Gedächtnisstütze unserer Zeit. Die Möglichkeit, diese zu nutzen, hat mein Lesevergnügen nochmals erhöht, die Frage „Googeln oder nicht?“ hat sich für mich somit beantwortet, obwohl ich mir eigentlich anderes vorgenommen hatte.

Zurück zum Roman: Schon der intellektuelle Stunt mit dem entlaufenen Pferd im allerersten Kapitel lässt uns wissen: Hier ist ein Genie am Werk, das zollgenaues Augenmaß mit Menschenkenntnis zu verbinden weiß, um Rätsel zu lösen. Und die messerscharfe, aber doch vorsichtige Argumentation in theologischen Streitgesprächen, inklusive Insiderwissen dazu, wie man sich vor der Heiligen Inquisition verhält, um nicht Kopf und Kutte zu riskieren, lässt darauf schließen, dass Eco sich darüber Gedanken gemacht hat, wie der „echte“ William (William of Ockham) dem Scheiterhaufen entgehen konnte. So  erinnert sich William von Baskerville daran, wie er während seiner Tätigkeit als Inquisitor wohlweislich auf die Verwendung seiner Brille verzichtet hat:

Ich selbst musste mich in meiner früheren Tätigkeit bei Prozessen, bei denen es um den Verdacht des Umgangs mit dem Dämon ging, oft sorgsam vor dem Gebrauch dieser Linsen hüten und mir die Akten von Sekretären vorlesen lassen, um nicht in einer Zeit, in der die Präsenz des Teufels so nahe schien, daß alle schon sozusagen den Schwefel rochen, der Komplizenschaft mit dem Angeklagten verdächtigt zu  werden. (S. 116f)

Der kritische Denker, der lieber Thomas von Aquin und Roger Bacon zitiert als vor dem Teufel zu warnen, nutzt seine Klugheit und Bildung aber nicht nur, um Rätsel zu lösen und sich vor dem Verdacht der Ketzerei zu schützen, er verwendet sie auch als Ventil, um seinem Ärger Luft zu machen. Nachdem ihm der uralte blinde Jorge durch seine humor- und freudlose Frömmigkeit gehörig auf den Wecker gegangen ist und ihm dann noch ein lateinisches Zitat an den Kopf wirft, das keinen Widerspruch zu dulden scheint, knurrt William leise, aber doch hörbar:

Manduca, iam coctum est. (S. 126) (Im Anhang übersetzt mit: Beiß hinein, es ist schon gar!)

Vordergründig zitiert er damit einen Märtyrer am Scheiterhaufen und weiß dieses Zitat auch fromm zu deuten, aber es bleibt doch die Frage, wo der Alte hineinbeißen soll.

Begeistert haben mich aber nicht nur die versteckten Witze und ironischen Anspielungen (von denen es sicher viel mehr gibt als ich entdeckt habe), sondern natürlich vor allem die konkreten und weniger konkreten Beschreibungen der geheimnisvollen Bibliothek im Aedificium der Abtei: Diese sei die größte der christlichen Welt, sozusagen die einzige, die sich neben ‚den sechsunddreißig Bibliotheken von Bagdad, den zehntausend Handschriften des Ibn al-Alkami‘ (S.50) nicht verstecken müsse. Ein zarter Hinweis darauf, dass die Wiege unserer hochentwickelten Kultur etwas weiter östlich liegt als manchmal behauptet. Dass nur Malachias, der Bibliothekar, Zugang zu allen Büchern hat und nicht daran denkt, deren Geheimnisse mit William zu teilen, lässt vermuten, dass dort des Rätsels Lösung zu finden ist.

Jana stellt in ihrem ersten Beitrag zur Leserunde die Frage, wie es uns anderen mit den zahlreichen ungewohnten und daher leicht zu verwechselnden Namen geht. Meine Antwort: Liebe Jana, mir geht’s wie Dir, und meine Gedächtnisstütze sind Post-its an der Stelle im Buch, an der die Figur erstmals etwas Aufmerksamkeit bekommt.

Auch ich hätte noch eine Frage, und die können mir Sherlock Holmes-Fans vielleicht beantworten: William sieht es als seine Aufgabe, dem jungen Adson möglichst viel Wissen zuteil werden zu lassen, auch wenn es „gefährlich“ sein könnte, also erwähnt er bei einer Gelegenheit auch orientalische Gewächse, deren Genuss die Sinne beeinflusst, allerdings nicht ohne Adson sogleich darauf hinzuweisen, dass deren Verwendung für Christen tabu ist.  Ich kann mich dunkel daran erinnern, davon gehört zu haben, dass auch in der Baker Street  gelegentlich Substanzen konsumiert wurden, die die Sinne beeinflussen, oder war das nur irgendeine Persiflage? Könnt Ihr meinem Gedächtnis da auf die Sprünge helfen?

Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. (c)  Carl Hanser Verlag München 1982. Lizenzausgabe für die Deutsche Buch-Gemeinschaft. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.