Man Booker Win

Val McDermid sitzt heute irgendwo und liest zum ersten Mal seit sieben Monaten ein Buch nur zum Vergnügen. Zumindest hat sie das in einem Interview angekündigt, das sie kurz vor der gestrigen Kür des Man Booker Prize 2018 der New York Times gegeben hat. Darin erfährt man einiges darüber, wie das Auswahlverfahren für den Literaturpreis abgelaufen ist. 171 Bücher hatten sie und die vier anderen Jurymitglieder bewältigt, bevor sie gestern Vormittag an einem geheimgehaltenen Ort in London zusammentrafen, um sich auf den Siegertitel zu einigen. Bei den Diskussionen hätte sicher so manche(r) gerne Mäuschen gespielt, denn die Juror*innen kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen: Da war eben die schottische Krimitautorin Val McDermid, der in London geborene und an der New York University tätige Philosoph  Kwame Anthony Appiah, der Literatur- und Kulturkritiker Leo Robson, die am Birkbeck Institute for the Humanities der University of London lehrende Feministin Jacqueline Rose und die in New Yorks Greenwich Village lebende kanadische Künstlerin und Illustratorin Leanne Sharpton. Diese Zusammensetzung spiegelt sich auch in der Longlist wider, die neben ‚typischen‘ literarischen Werken auch einen Krimi (Snap von Belinda Bauer) und zum ersten Mal auch eine Graphic Novel (Nick Drnasos Sabrina) umfasste. Beide schafften es ebensowenig auf die Shortlist wie Sally Rooneys Lovestory Normal People oder Warlightder neueste Roman von Michael Ondaatje, Gewinner des ebenfalls heuer verliehenen Golden Man Booker.Weiterlesen »

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Man Booker Love

Für normale Menschen halten sich die Protagonisten von Normal People, dem zweiten Roman der 1991 geborenen irischen Autorin Sally Rooney, ganz und gar nicht. Die aus einer wohlhabenden, aber zerrütteten Familie stammende Marianne Sheridan wird von ihren Mitschülern in der Abschlussklasse geschnitten und gemobbt und versucht gar nicht erst, dazuzugehören. Connell Waldron, einer dieser Mitschüler, ist ebenso überdurchschnittlich begabt wie sie, hat jedoch einen ganz anderen sozialen Hintergrund: Seine alleinerziehende Mutter ist die Putzfrau der Sheridans. Connell ist einer der beliebtesten Burschen in der Klasse, aber er hat ständig Angst davor, seinen Status in der Gruppe zu verlieren. Daher kann er sich nicht überwinden, zu seiner Beziehung mit Marianne zu stehen und lädt ein anderes Mädchen zum Abschlussball ein.

Meine Meinung: Normal People ist eine Lovestory, diese Information findet man schon im Klappentext, aber es ist nicht großes Kino mit Drama, Tragik, Leidenschaft, sondern ein bis ins Detail beobachtetes und mit Empathie erzähltes Coming of Age. Sally Rooney gelingt es von der ersten Seite an, die Intensität der Beziehung zwischen Marianne und Connell zu vermitteln. Die Dinge, die sie zu einander sagen, liegen jenseits jeder sozialen Konvention, und die Art, wie der jeweils andere darauf reagiert, zeigt, dass hier zwei verwandte Seelen miteinander sprechen, auch wenn sie einander meist falsch interpretieren. Sofort ist klar: Connell liebt Marianne und Marianne liebt Connell, es nützt nur nichts. 

Ihre Fähigkeit, die Welt der Millennials mit glaubwürdigen Dialogen glaubwürdig abzubilden und dabei einen faszinierenden Spannungsbogen aufzubauen, hat Sally Rooney schon in ihrem Romandebüt Conversations with Friends unter Beweis gestellt, und hier hat sie diese Fähigkeit noch verfeinert. Sie verwendet dabei  ähnliche Elemente: Das Setting ist wieder Trinity College, Dublin, eine der Figuren  hat wieder einen im Vergleich zu den Kommilitonen ärmlichen sozialen Hintergrund, landet aber dank intellektueller Brillanz in einer Welt mit Ferienhäusern am Mittelmeer, und die Geschichte ist wieder eine konventionelle: Nach ‚Junges Mädchen liebt verheirateten Mann‘ diesmal ‚Romeo und Julia auf dem Campus‘. Rooney gilt als Millennial, die für ihre eigene Generation schreibt, aber Normal People hat auch mich sehr bewegt und mir vor allem diese Millennials so gezeigt, dass ich ihre Beweggründe verstanden habe. Dadurch, wie die Autorin die Liebeshindernisse in den Köpfen der beiden Protagonisten verdeutlicht oder mit Stereotypen wie einem unsympathischen Bankersöhnchen als Mariannes Boyfriend spielt, ohne hoffnungslos im Kitsch zu versinken, hat sie die Nominierung für den Man Booker Prize meiner Meinung nach absolut verdient. 

Ich weiß nicht, ob der Roman in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird, und ich bin auch nicht ganz sicher, ob eine Übersetzung an die sprachliche Leichtigkeit des Originals herankommen kann. Daher möchte ich allen ans Herz legen, es mit der englischen Version zumindest zu versuchen. Gelegenheit dazu bietet ein vorab im Granta Magazine erschienenes Kapitel, das den Beginn der Beziehung beschreibt.

Sally Rooney, Normal People. Faber & Faber Ltd. London 2018. 266 Seiten. 

 

Stichwort #Irland (IV)

#Buchhandlungen

Wenn mein Mann von unseren Familienurlauben berichtet, kommen irgendwann unweigerlich launige Geschichten darüber, wie er die Zeit, in der ich nur noch schnell einen Blick in eine Buchhandlung werfen wollte, damit verbracht hat, in der Zeitschriftenabteilung alles Verfügbare über das Angeln zu lesen, in der Cafeteria alle Kuchen durchzuprobieren oder sich vor der Tür mit dem Sicherheitspersonal anzufreunden. Diesmal war ich alleine unterwegs, ich musste also auf niemanden Rücksicht nehmen, konnte von einer Buchhandlung in die nächste pilgern und dort stundenlang Regale durchforsten und Klappentexte lesen. Das Ergebnis waren 11 kg Bücher, die per Post ihren Weg nach Wien fanden, und ein ziemlich guter Überblick über die Buchläden in Galway und Dublin. Einige davon möchte ich Euch hier vorstellen.Weiterlesen »

Gespräche mit Millennials

Nächste Woche erscheint bei Faber and Faber Ltd. Normal People, mit dem es die irische Autorin Sally Rooney auf die Longlist des Man Booker Prize 2018 geschafft hat. Wer sich schon jetzt einen ersten Eindruck von dem Roman verschaffen möchte, kann das mit dem unter dem gleichen Titel im Granta Magazine veröffentlichten Vorabdruck tun. Darin erzählt Rooney vom Beginn der Beziehung zwischen Marianne und Connell, die gerade im Westen Irlands ihren Schulabschluss machen.

In Conversations with Friends, dem ersten Roman der 1991 geborenen Autorin, geht es ebenfalls um das Leben junger Menschen im heutigen Irland. Frances und Bobbi, beide Anfang 20, kennen einander seit der Schulzeit, waren ein Jahr lang ein Paar, studieren jetzt am Trinity College Dublin und sind immer noch beste Freundinnen. Weiterlesen »

Stichwort #Irland (III)

#Bibliotheken

staircase

#TheOldLibrary

Wenn ich verreise, versuche ich, die Trampelpfade der Touristenströme zu vermeiden, aber das ist meist leichter gesagt als getan, denn dort, wo es Interessantes zu sehen gibt, sind naturgemäß auch viele, die es sehen möchten. Ein Trick, der für mich immer funktioniert hat, ist der, die Tourismus-Hotspots so zeitig wie möglich am Tag zu besuchen, wenn alle anderen noch beim Frühstück sitzen. Daher wartete ich schon um 8 Uhr 30 und nur sehr kurz vor dem Eingang der Old Library des Trinity College Dublin, um dort zuerst das #BookofKells und dann den #LongRoom zu bewundern. Die Tatsache, dass ich direkt am Campus wohnte, hat zwar die Anreise auf 3 Minuten verkürzt, aber leider gibt es auch für Summer Residents keine Privilegien, was den Zutritt zu den Bibliotheken betrifft – eine Exklusiv-Besichtigung war daher nur von außen möglich.

Old Library morning
The Old Library, Trinity College Dublin, 06:15 AM

Die Homepage von TCD nennt das Book of Kells Irlands größten Kunstschatz, und das ist nicht übertrieben. Die illustrierte Bibelhandschrift wurde vermutlich um das Jahr 800 von irischen Mönchen auf der Insel Iona nahe Schottland geschaffen und, nachdem deren Kloster von Vikingern angegriffen worden war, ins Kloster von Kells, County Meath, in Sicherheit gebracht. Details über den geschichtlichen Hintergrund dazu gibt es in meinem Beitrag über Thomas Cahills How the Irish Saved Civilization. In Kells war die Handschrift in Sicherheit, bis Oliver Cromwell, der in Irland bis heute – nicht ganz zu Unrecht – als Reinkarnation des Teufels gilt, das Kloster 1646 einer neuen Nutzung als Pferdestall zuführte. Henry Jones, Vice-Chancellor des 1592 von Elizabeth I. gegründeten Trinity College, ließ die Handschrift daraufhin in die Bibliothek seiner Universität bringen, wo sie heute gemeinsam mit dem noch 100 Jahre älteren Book of Durrow und dem ebenfalls aus dem frühen 9. Jahrhundert stammenden Book of Armagh  gekonnt in Szene gesetzt wird.

Die Old Library hütet noch zwei weitere Schätze, die Irlands Identität und Nationalstolz symbolisieren: Da ist zunächst die #BrianBoruHarp, zwar mit Sicherheit nicht die Harfe des Begründers der O’Brien-Dynastie, aber dennoch das älteste erhaltene Instrument seiner Art. Ein Abbild dieses offiziellen Nationalsymbols findet man nicht nur auf allen irischen Euromünzen, sondern auch auf jeder Flasche Guiness. Im Schaukasten gleich dahinter ist ein wesentlich jüngeres Exponat zu sehen, das den Ir*innen aber ebenso wichtig ist: Eine der wenigen erhaltenen Kopien der #Proclamation of the Irish Republic aus dem Jahr 1916. Das Poster klebte ursprünglich an der Wand des General Post Office, wo der Osteraufstand seinen Ausgang nahm, der in letzter Konsequenz 1922 zur Unabhängigkeit von Großbritannien führte.

Die beiden Schaukästen befinden sich im Long Room der Old Library. So schön die diversen mit Fresken geschmückten und mit Schnörkel verzierten Prunksäle anderer Bibliotheken auch sein mögen, an die Ästhetik dieses 65 m langen Raums kommt für mich keine heran. Sieht man von den weißen Marmorbüsten berühmter Schriftsteller, Philosophen und Staatsmänner ab, sind der einzige Schmuck die Regale für die mehr als 200.000 Bände, die in zwei Etagen unter einem Tonnengewölbe aus Holz Platz finden. Dieses Tonnengewölbe wurde 1858 nachträglich auf den 1732 fertiggestellten Bau aufgesetzt, um mehr Platz für Bücher zu schaffen.

 

Ich hätte am liebsten den ganzen Tag den Saal auf mich wirken lassen und den Geruch der alten Bücher eingeatmet, aber irgendwann waren auch alle anderen mit dem Frühstück fertig und das Gedränge zu groß.
Zum Glück gibt es in Dublin aber auch Bibliotheken, in denen sich der Andrang an Touristen in Grenzen hält.Weiterlesen »