Verbotene Bücher

Auf der Suche nach Hintergrundmaterial zum Black History Month bin ich gestern über einen Artikel zum Thema Zensur gestolpert, dessen Inhalt, ergänzt durch weitere Recherchen, ich gerne mit Euch teilen möchte. Unter dem Titel Write no more: 10 books that were banned veröffentlichte der Guardian in seiner Online-Ausgabe im vergangenen September eine Liste von 10 Büchern, die bei ihrer Veröffentlichung verboten oder zensuriert wurden.

Fanny Burney, The Witlings (1779): Die englische Satirikerin und Dramatikerin Frances Burney (13 Juni 1752 – 6 Januar 1840) war die Tochter eines Musikers und Musikhistorikers und wurde zu einer Zeit geboren, als es für Mädchen ihrer sozialen Herkunft als nicht besonders schicklich galt, Romane zu lesen. Romane zu schreiben war vollkommen indiskutabel. Daher veröffentlichte sie ihren ersten Roman Evelina, ihr „Geschreibsel“ („scribblings“), wie sie es nannte, unter einem Pseudonym ohne Zustimmung oder Wissen ihres Vaters. Erst nachdem Evelina von den Kritikern hochgelobt worden war, erfuhr Burney Senior von den Aktivitäten seiner Tochter und unterstützte sie ab diesem Zeitpunkt. In der Komödie The Witlings erzählte Fanny Burney die Geschichte einer jungen Liebe und nahm dabei die Gesellschaft und insbesondere die literarische Welt kräftig aufs Korn. Besorgt um den Ruf seiner Tochter riet Charles Burney ihr, das Stück nicht zu veröffentlichen. Unterstützt wurde er dabei vom Autor Samuel Crisp, einem Freund der Familie, der ihr den guten Rat gab „write no more“. Fanny Burney zog die Veröffentlichung zurück, denn sie würde, so meinte sie, tausendmal eher auf die Schriftstellerei verzichten als sich als Frau der Lächerlichkeit preisgeben. Fanny Burney setzte ihre schriftstellerische Karriere zwar fort und war damit auch finanziell erfolgreich, achtete dabei aber immer darauf, ihre Ruf als Dame nicht durch allzu kritische oder satirische Inhalte zu gefährden.

 

Émile Zola, La Terre (engl: The Earth, dt.: Die Erde) (1887): Nachdem der in London geborene  Henry Vizetelly, Sohn eines Buchdruckers, viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet hatte, kehrte er nach England zurück und hatte die Idee, Literatur aus Kontinentaleuropa einem englischsprachigen Publikum kostengünstig zugänglich zu machen. Darunter war auch Émile Zolas Roman La Terre,  der die Geschichte des Wanderarbeiters Jean Maiquart erzählt, dem seine bäuerliche Umgebung übel mitspielt. Vizetelly übersetzte den Roman selbst ins Englische und handelte sich damit jede Menge Ärger ein. Die National Vigilance Association, eine Vereinigung, die 1885 mit dem Ziel gegründet worden war, für die „Verbesserung und Durchsetzung von Gesetzen zur Unterdrückung krimineller Übel und öffentlicher Unmoral“ zu kämpfen,  empörte sich über die ihrer Meinung nach zu explizite Darstellung sexueller Inhalte und klagte Vizetelly 1888. Die gerichtlichen Untersuchungen dazu, ob der Roman dazu beitragen könnte, labile Leser moralisch zu korrumpieren, gaben der NVA recht. Als der Staatsanwalt vor Gericht Passagen aus dem Roman vorlas, waren die Geschworenen entsetzt. Vizetelly bekannte sich schuldig und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Als er 1889 eine entschärfte Version der Übersetzung zu veröffentlichte, landete er für drei Monate im Gefängnis.

Radcliffe Hall, The Well of Loneliness (Quell der Einsamkeit) (1928): Nachdem die Autorin Radcliffe Hall bereits einige Erfolge eingefahren hatte, sah sie die Zeit gekommen, sich dem Thema gleichgeschlechtlicher Liebe zwischen Frauen zuzuwenden, das ihr sehr am Herzen lag. Ihr Roman The Well of Loneliness beschreibt die fiktive Lebensgeschichte von Stephen Gordon, einer Frau aus der englischen Oberschicht, die sich zu Frauen hingezogen fühlt, und nachdem das Buch von drei anderen Verlagen abgelehnt worden war, erschien es 1928 bei Jonathan Cape. Sofort nach der Veröffentlichung begann eine heftige Mediencampagne gegen den Inhalt, angeführt von James Douglas, der Herausgeber der Zeitung Sunday Express und ein klarer Befürworter von Zensur war. Obwohl der einzige Hinweis auf sexuelle Handlungen im Satz „and that night, they were not divided“ bestand, wurde der Roman mit Unterstützung des britischen Home Secretary William Johnson-Hicks von einem Gericht als obszön eingestuft und zahlreiche Exemplare vernichtet. Als Begründung dafür reichte, dass die Autorin das „Laster der lesbischen Liebe“ nicht klar verurteilt hatte.

Besser erging es dem Roman in den Vereinigten Staaten. Der Verlag Alfred A. Knopf, Inc. entschied sich zwar nach dem Verbot in Großbritannien gegen eine Veröffentlichung, aber die Rechte wurden daraufhin an die Verleger Pascal Covici und Donald Friede verkauft, und nachdem es auch in den USA zu Verfahren gekommen war, konnte der Roman, nicht zuletzt dank der Unterstützung namhafter Autoren wie Theodore Dreiser, Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Upton Sinclair unter Berufung auf das First Amendement, in dem die freie Rede geschützt wird, veröffentlicht werden.

Richard Wright, Black Boy (1945): Richard Wrights Autobiographie habe ich ja schon in meinem Beitrag zum Black History Month erwähnt, dass auch dieses Buch mit Zensur zu kämpfen hatte, war mir bisher nicht bewusst. Wright kürzte seine Autobiographie zunächst um ein Drittel, um sie so zu entschärfen und dadurch in die Auswahl des Book of the Month Club zu bringen. Drei Jahrzehnte später musste das Buch trotzdem auf Anordnung der lokalen Schulbehörde in Long Island, New York, aus den Schulbibliotheken entfernt werden. Einige Studenten klagten dagegen, wieder unter Berufung auf das First Amendement, und der Supreme Court gab ihnen recht.

Bill Gaines, ‘The Orphan’ in Shock SuspenStories No 14  (1954): Den Namen Bill Gaines kennen in unseren Breiten wohl nur Eingeweihte, das von ihm gegründete MAD Magazin haben viele sicher schon das eine oder andere Mal durchgeblättert. Schon Gaines‘ Vater Max hatte Comics herausgegeben, und die Publikationen seines Sohnes gelten zwar auch heute noch als meist qualitativ hochwertig, in den 1950er-Jahren war er aber für seine schockierenden Inhalte berüchtigt. The Orphan ist die Geschichte eines Mädchens, das seinen Vater ermordet und alles so aussehen lässt, als sei seine Mutter die Täterin. Gaines Gegner bekämpften die Comics mit dem Argument, das Zielpublikum seien vor allem Kinder und diese würden durch derartige Inhalte zur Gewalttätigkeit animiert. Die Folge war eine Anhörung im US-Senat, in dessen Folge Comic-Herausgeber ihre Inhalte immer mehr entschärften. Gaines Firma wurde durch diese Ereignisse fast in den Ruin getrieben, er zog sich aus dem Geschäft mit Kinder-Comics zurück, blieb aber mit seinem MAD Magazine sehr erfolgreich.

 

Etheridge Knight, Black Voices from Prison  (1970): Etheridge Knight stellte die Anthologie Black Voices from Prison während seiner achtjährige Haftstrafe wegen Raubes im Indiana State Prison zusammen. Sie umfasst sowohl eigene Texte als auch solche seiner Mithäftlinge und hat ihre Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung. Kritisiert wird darin das Strafrechtssystem als Instrument der rassistisch motivierten Unterdrückung. Da sowohl in den USA als auch in Großbritannien die Leitung eines Gefängnisses darüber bestimmen kann, welche Bücher die Insassen  lesen dürfen,  kann die Anthologie Häftlingen vorenthalten werden, und das ist 1999 in einer texanischen Haftanstalt auch geschehen.

Susanne Bösche, Jenny Lives with Eric and Martin (1981): In diesem dänischen Bilderbuch beschreibt die Autorin das Leben zweier homosexueller Männer mit ihrer Tochter. Das Buch wurde ins Englische übersetzt, und als im Jahr 1988 in Großbritannien ein Gesetzesantrag eingebracht wurde, der es lokalen Behörden verboten hätte, für Homosexualität zu werben oder homosexuelle Lebensformen als Familie darzustellen, geriet auch Susannes Bösches Buch ins Kreuzfeuer. Das Gesetz wurde nicht umgesetzt und Jenny wurde nicht verboten, und drei Jahrzehnte später sind Familien mit zwei Vätern oder zwei Müttern keine Seltenheit.

Toni Morrison, Beloved  (1987): Ohne Toni Morrison ist eine Leseliste zum Black History Month kaum vorstellbar,  und da die Autorin mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, sind ihre Bücher auch Standardwerke im Literaturunterricht. In den USA, und nicht nur dort, wollen viele Eltern bei der Auswahl der Unterrichtsinhalte mitentscheiden, vor allem wohl mit der Absicht, sicherzustellen, dass der Nachwuchs keinen Einflüssen ausgesetzt ist, die ihren eigenen Wertvorstellungen widersprechen. So beschwerten sich Eltern in Virginia im Jahr 2012 darüber, dass ihr Sohn für den Unterricht Toni Morrisons Roman Beloved lesen müsse,  obwohl dieser explizit sexuelle Inhalte habe. Daraufhin verabschiedete der Bundesstaat ein als „Beloved Bill“ bezeichnetes Gesetz, das Eltern die Möglichkeit geben sollte, gegen „sexuelle Inhalte“ in der Schullektüre ein Veto einzulegen. Das Gesetz wurde von Terry McAuliffe, dem demokratischen Gouverneur von Virginia, verhindert, hätte aber ansonsten die Bemühung der Schulbehörden, den uneingeschränkten Zugang zu Information für ihre Schüler zu gewährleisten, ausgehebelt.

Den Artikel, auf dem dieser Beitrag basiert, findet ihr hier. Er wurde aus Anlass der Banned Books Week am 29. September  2017 veröffentlicht. Die darin genannten Beispiele werfen meiner Meinung nach eine ganz grundsätzliche Frage auf: Wer darf wann und warum bestimmen, ob literarische Inhalte anderen Personen zumutbar sind? Absolute Freiheit oder doch gewisse Einschränkungen? Was ist Eure Meinung zu diesem Thema? Ich freue mich auf Eure Antworten!

 

 

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8 Gedanken zu “Verbotene Bücher

  1. Es ist wirklich unglaublich, welche Bücher in den USA verboten waren oder sind, wenn auch manchmal nur in Teilen des Landes. Dabei sind es oft so wichtige Bücher, mir fällt da sofort „The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian“ von Sherman Alexie ein. Woher sollen denn die Kinder von den ganzen Missständen erfahren, wenn sie solche Bücher nicht lesen dürfen?! Ich finde diesen Aspekt der Schulpolitik hochgradig fragwürdig.
    Nächstes Jahr muss ich unbedingt auch mal am Black History Month teilnehmen, dieses Jahr hatte ich wegen zweier anderer Projekte den Kopf nicht ganz frei dafür.

    Gefällt 2 Personen

  2. Stimmt, die USA sind nicht wirklich ein Vorbild, was Meinungs- und Gedankenfreiheit betrifft, und immer dann, wenn’s ans Eingemachte geht, werden die Behörden und natürlich auch die Bevölkerung besonders empfindlich. Man denke nur an die McCarthy-Ära mit ihrer Kommunistenjagd, aber es gibt natürlich auch viele andere Beispiele.
    Aus europäischer Sicht ist ein klares Muster erkennbar: alles erlaubt, es sei denn, es geht um Native Americans, Rassendiskriminierung, den Kapitalismus oder – ganz schlimm! – Sex.
    Eine spannende Frage ist aber auch: Wo liegt bei uns die Schmerzgrenze, und wie sieht’s „von außen“ aus?

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  3. Spannendes Thema!

    Ich füge mal ein unbequemeres Buch ein, das allerdings erst Jahre nach seiner Erstausgabe verboten wurde:

    Bei „Mein Kampf“ ist es meiner Meinung nach zu begrüßen, dass man es wieder legal kaufen kann, weil das Buch dadurch den Nimbus des Verbotenen verliert. Sachen zu verbieten ist immer ganz schlecht, weil sie dadurch natürlich erst so richtig interessant werden. Vermutlich erreicht man durch ein Verbot in der Regel eher das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen wollte.

    Ich denke, dass eine gefestigte Demokratie so ein Buch aushalten können muss.

    Gefällt 1 Person

  4. Da hinke ich offensichtlich meiner Zeit nach, danke für die Korrektur. Liegt vermutlich daran, dass ich mich gegen die Idee ein bisschen sträube, aber es ist natürlich vollkommen richtig, dass eine moderne Demokratie das aushalten muss.

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