Wie man eine Zivilisation rettet

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Schottenstift und Schottenkirche, Wien

Wer durch Wien bummelt, der beginnt sich irgendwann zu fragen, was die Stadt mit den Schotten zu tun hat. In der Inneren Stadt liegt das Schottenstift mit dazugehöriger Schottenkirche, ganz in der Nähe findet man Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, die Schottenbastei. Familien, die etwas auf sich halten, schicken ihre Sprösslinge ins dortige Schottengymnasium, und nach der Matura studieren diese vielleicht an der Universität Wien, deren Hauptgebäude sich am Schottentor befindet. Ein nicht weit entfernter Stadtteil ist das Schottenfeld, noch im 19. Jahrhundert eine Vorstadt, heute mitten im Zentrum und fest in Bobo-Hand. Am Abend geht man in den Schottenkeller in der oder zum Schottenheurigen etwas außerhalb der Stadt. Die Schottenkirche samt Kloster wurde 1155 im Auftrag von Leopold II. „Jasomirgott“ an einem Kraftplatz außerhalb der Stadtmauern erbaut, nachdem der Babenbergerherzog seine Residenz nach Wien verlegt hatte. Ein Kloster war ein Zentrum des Wissens, und die neue Residenzstadt benötigte dieses Wissen für Verwaltung, Schulwesen und Gesundheitsversorgung. Daher berief Leopold II. Mönche nach Wien, die er in Regensburg kennengelernt hatte. „Solos elegimus scottos“ versprach er den Mönchen – er werde nur Schotten nach Wien berufen.

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Schottenstift Kupferstich Creative Commons

Aber wieso Schotten? Und wieso aus Regensburg? Das und noch vieles andere erklärt Thomas Cahill in How the Irish Saved Civilisation. Das Sachbuch hielt sich nach seinem Erscheinen im Jahr 1995 fast zwei Jahre lang auf der Bestsellerliste der New York Times und wurde auch ins Deutsche übersetzt. Wie die Iren die Zivilisation retteten ist aber leider nur mehr antiquarisch erhältlich. Der New Yorker Autor mit irischen Wurzeln nimmt uns mit auf eine Reise durch die westeuropäische Geschichte und wirft Schlaglichter auf ausgewählte literarische Werke und Autor*innen. Er blickt zurück auf wichtige römische Schriftsteller: unter anderem auf Vergil (70 – 19 v.Chr.), dessen Aeneis auf heroisch-unterhaltsame Weise den Gründungsmythos der Stadt Rom liefert; auf Cicero (106 – 43 v.Chr.), dessen Schriften im Gegensatz dazu nicht unterhalten, sondern belehren sollen und daher „harte Arbeit“ sind; und auf den in Burdigala (Bordeaux) geborenen Schriftsteller Ausonius, der um 310 in ein stabiles Römisches Reich hineingeboren wird und 393 stirbt, zu einer Zeit, als das Ende sich schon abzuzeichnen beginnt.

Ausführlich beschäftigt sich Cahill mit Augustinus von Hippo (354 – 430), der mit seinen Confessiones die erste echte Autobiographie verfasste und dessen theologische Schriften das Christentum maßgeblich beeinflusst haben. Augustinus studierte die griechischen Philosophen, strebte nach einem Leben in Vollkommenheit und war einer der wichtigsten christlichen Führer in Nordafrika, bis er während der Belagerung Hippos durch die Vandalen starb. Cahill nennt ihn den letzten großen Mann der Klassik und den ersten Mann des Mittelalters.

Während die Hochkultur des Römischen Reiches in Westeuropa ein Ende findet und die Literatur der Klassik mit ihr zerstört wird, beginnt die Zivilisation in Irland gerade erst Fuß zu fassen. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts war Irland von Kelten besiedelt, die seit vielen Jahrhunderten in kleinen Königreichen organisiert lebten, und in deren Vorstellungswelt es Gestaltwandler ebenso gab wie rachsüchtige Götter. Menschenopfer waren an der Tagesordnung. Schriftliche Aufzeichnungen gab es nicht, aber Mythen und Epen wurden über Jahrhunderte mündlich überliefert. Als Beispiel nennt Cahill The Táin, das die Geschichte von Königin Medb (Maeve) erzählt.

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Queen Maeve, Wikimedia Commons

Auf diese wehrhafte Heldin nimmt Cahill immer wieder Bezug und vergleicht ihre Geschichte mit der ungeordneten Rolle, die Frauen in der römisch-katholischen Kirche zugedacht ist. The Táin wurde erst niedergeschrieben, nachdem  der zum Christentum konvertierte Brite Patricius (Saint Patrick) Mitte des 5. Jahrhunderts als Missionar nach Irland kam und erste Klöster entstanden, die sich sehr schnell zu Zentren des Wissens und der Buchkunst entwickelten. Cahill hat eine psychologisch einleuchtende Erklärung für den raschen Erfolg des Christentums auf der Grünen Insel: Die Kelten waren froh, rachsüchtige und grausame Götter gegen einen barmherzigen Gott eintauschen zu dürfen, der mit seinem Sohn das für alle Zeiten letzte Menschenopfer gebracht hatte. Und während die Christen auf dem Kontinent in erster Linie römische Bürger geblieben waren, die nur eine neue Religion angenommen hatten, wurden die Iren von den Ideen des Christentums vollkommen in Besitz genommen und erfüllten diese Religion mit der ihnen eigenen deftigen Lebensfreude und Gastfreundschaft. Nachdem Patrick 461 gestorben war, fanden sich würdige Nachfolger, die seine Missionarstätigkeit fortsetzten. Colm Cille (Columban der Ältere) war von Büchern so besessen, dass er von einem heimlich eine Kopie anfertigte. Er ging nach Schottland  und gründete dort über 40 neue Klöster. In diesen Klöstern wurde jeder, der studieren wollte, kostenlos aufgenommen und verpflegt, und aufgrund des großen Zustroms gab es genügend Nachwuchs an Mönchen, die ausziehen konnten, um immer neue Klöster zu gründen.  Columban von Luxeuil (Columban der Jüngere) machte sich um 591 ebenfalls auf den Weg, zunächst nach Gallien,  dann in die Schweiz und an den Bodensee. Auf diese Weise entstand unter anderem Sankt Gallen, und Bregenz wurde re-christianisiert. 635 gründeten schottische Mönche unter der Führung von St. Aidan Lindisfarne, das ein Zentrum der

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Book of Kells, Folio 130r                         Wikimedia Commons

keltischen Klosterkultur, der Schreibkunst und des Wissens wurde. Lindisfarne wurde 793 von Wikingern überfallen, aber da hatte es schon zahlreiche weitere Klostergründungen der „Schotten“ gegeben. So gründeten iro-schottische Mönche im Laufe der Zeit unter anderem Klöster in Würzburg, Konstanz, Nürnberg und Salzburg, und eben auch in Regensburg, dann in Wien. In der Zwischenzeit waren mehrere Jahrhunderte vergangen, und das meiste von dem, was das Römische Reich hinterlassen hatte, einschließlich der Bibliotheken und Kunstschätze, war ein Opfer der Wikinger und der Völkerwanderung geworden. Davon verschont blieben nur die Klöster in Irland. Dort blieben die kostbaren Bücher erhalten, und das Wissen der Antike konnte weitergegeben werden: So hat auch das Book of Kells überlebt, das im schottischen Kloster Iona hergestellt und vor den Wikingern nach Irland in Sicherheit gebracht wurde, und so retteten die Iren die Zivilisation.

Meine Meinung: Mich begeistert Geschichte immer dann, wenn es jemandem gelingt, spannende Geschichten daraus zu erzählen, und Thomas Cahill kann das. Er erklärt in seinem Buch nicht nur, wie die Iren die Zivilisation retten, er liefert einen Überblick über die irische Geschichte vom Beginn der Keltenzeit bis ins 19. Jahrhundert. Dabei erzählt er von Figuren, real oder mythologisch, die diese Geschichte maßgeblich geprägt haben, und stellt Zusammenhänge zwischen Entwicklungen in verschiedenen Teilen Europas und unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Kirche her. Nebenbei habe ich auch noch einiges über die Schriftsteller des Altertums erfahren und die eine oder andere Wissenslücken auffüllen können. 

Cahill erzählt seine Geschichte mit spürbarer Liebe zur Heimat seiner Vorfahren und auf Basis einer umfassenden  humanistischen Ausbildung, unter anderem an einer von Jesuiten geleiteten Privatschule. Einige Details aus seinem Buch werde ich mir für immer merken, etwa die Vermutung, dass die Small People der irischen Tradition ein Hinweis auf Ureinwohner sein könnten, die die Kelten bei ihrer Besiedelung der Insel verdrängt haben; oder die Tatsache, dass das Format heutiger Bücher durch die Größe der Schafhäute bestimmt ist, aus denen die irischen Mönche die Bücher herstellten. 

Thomas Cahill zeigt auch große Sympathien für die Frauengestalten in der Geschichte: Der streitbaren Königin Maeve schenkt er ebensoviel Aufmerksamkeit wie Saint Brigid of Kildare (c. 451 – 525), und die Körper- und Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche beschönigt er nicht.  Nur für Zweifel am Wahrheitsgehalt mancher Überlieferungen bleibt wenig Raum, und nicht immer stimmen Cahills Interpretationen und Darstellungen mit jenen anderer Historiker überein. Gleichzeitig gelingt es ihm aber, die psychologischen Motive hinter den historischen Entwicklungen sehr plausibel zu machen. Der Autor begnügt sich auch nicht damit, vergangene Ereignisse und Entwicklungen zu beleuchten, er stellt einen Zusammenhang mit unserer heutigen Welt her. Schon in der Einleitung verweist er darauf, dass wir wie die Bürger Roms in einer Hochkultur leben, die nicht vom Verfall verschont bleiben wird. Und im letzten Kapitel nimmt er diesen Gedanken wieder auf und kommt mit seinen 1995 angestellten Mutmaßungen über die Zukunft den Entwicklungen der 2010er-Jahre erstaunlich nahe. Rettung für unsere Zivilisation könne nicht von den Machtzentren der westlichen Welt kommen, sondern nur aus Orten am Rande dieser Welt, wo der Humanismus gepflegt werde, wie die irischen Mönche es taten. Cahill schließt mit einem Zitat von André Malraux, das er sicher nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen von Religion geprägten Erziehung ausgewählt hat: Das 21. Jahrhundert wird religiös sein – oder es wird nicht sein.

Thomas Cahill, How the Irish Saved Civilization: The Untold Story of Ireland’s Heroic Role from the Fall of Rome to the Rise of Medieval Europe. Sceptre  2003, 272 Seiten.

Als Audiobook gelesen von Donal Donnelly. Bantam Doubleday Dell Audio Publishing 1999. 8h.

In deutscher Übersetzung: Wie die Iren die Zivilisation retteten. Btb 1998. 255 Seiten. Nur antiquarisch erhältlich. 

 

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