Literatur im Nebel 2018

IMG_1196Am vergangenen Wochenende fand im niederösterreichischen Heidenreichstein  das Festival Literatur im Nebel 2018 statt. Wie auf dem Foto unschwer zu erkennen, hat der Titel nichts mit dem herrschenden meteorologischen Bedingungen zu tun; er ist der Tatsache geschuldet, dass Literaturliebhaber ursprünglich nicht mitten im Frühling, sondern Ende Oktober ins nördliche Waldviertel pilgerten, um einen Superstar der Literaturszene zu feiern. ‚Superstar‘ mag ein bisschen übertrieben klingen, aber schon im Gründungsjahr 2006 war der Ehrengast Salman Rushdie. Dieser musste aufgrund der gegen ihn ausgerufenen Fatwa heimlich anreisen. Ihm folgten, mit wesentlich mehr Publicity, unter anderem Amos Oz,  Margaret Atwood, Jorge Semprún, Ian McEwan, und sowohl im letzten Jahr als auch heuer jeweils eine Literaturnobelpreisträgerin. 2017 war es die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, wie in einem Beitrag nachzulesen, heuer hieß der Ehrengast Herta Müller.  Sie wurde in Rumänien geboren, ihre Familie gehörte zur deutschsprachigen Minderheit. Herta Müller studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete dann als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Als sie sich weigerte, für die Securitate zu spionieren, wurde sie von dieser schikaniert und bedroht. 1987 konnte sie in die BRD ausreisen; bis 1989 sei sie dort im Exil gewesen, sagt sie, erst seit Ceausescus Ende sei sie freiwillig in Deutschland.

In ihren Büchern verarbeitet Herta Müller ihre Erfahrungen mit dem totalitären politischen Regime, sie beschreibt aber keine autobiographischen Geschehnisse, sondern fiktive Ereignisse aus dem Autobiographischen heraus. 2009 wurde sie dafür mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. „Ein Satz von Herta Müller kann einen Roman ersetzen“ zitiert Moderation Andrea Schurian einen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, und die von Schauspieler*innen wie Elisabeth Orth, Lukas Miko oder Barbara Schnitzler vorgetragenen Texte bestätigen dies.

Ich hatte zuvor noch keines ihrer Bücher gelesen, und die vorgetragenen Texten riefen bei mir ein Gefühl der Beklemmung hervor. Der fremde Blick beispielsweise enthält Aussagen wie jene, die Ich-Erzählerin habe sich gewünscht, irrsinnig zu werden, um nicht mit sich selbst weiterleben zu müssen.

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Elisabeth Orth liest aus Der fremde Blick
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Marion Mutterhammer und Fabian Krüger lesen aus Niederungen

Ich hatte zuvor noch keines ihrer Bücher gelesen, und die vorgetragenen Texten riefen bei mir ein Gefühl der Beklemmung hervor. Der fremde Blick beispielsweise enthält Aussagen wie jene, die Ich-Erzählerin habe sich gewünscht, irrsinnig zu werden, um nicht mit sich selbst weiterleben zu müssen.

Andere, wie die Auszüge aus Niederungen, fand ich absurd komisch, aber auch dieser Humor hat nichts Unbeschwertes. Marion Mitterhammer und Fabian Krüger brachten mich zum zum Lachen, nicht aber zum Lächeln.

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Aus der Liste der Vortragenden stach für mich ein Name besonders heraus, und zwar jener der persisch-deutschen Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Auf sie wurde ich auf der BuchWien 2017 aufmerksam, wo sie ihren Roman Sechzehn Wörter vorstellte. Dieser liegt seit damals auf meinem SuB, und ich freue mich schon sehr darauf, ihn demnächst auf www.chicklitscout.com vorzustellen.

 

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Nava Ebrahimi, Ruth Brauer-Kram und Martin Vischer lesen aus Hunger und Seide

In Heidenreichstein las Nava Ebrahimi gemeinsam mit Ruth Brauer-Kvam und Martin Vischer aus Hunger und Seide, und auch so mancher Satz aus diesem Vortrag ging mir unter die Haut:

Wer über den Gebrauch von Macht nachdenkt ist von Anfang an für die Macht ungeeignet, egal ob Mann oder Frau.

 

Zu dumm für die CIA

Auf die ersten drei Lesungen folgte am Freitag ein Podiumsgespräch mit Herta Müller und dem wie sie aus dem rumänischen Banat stammenden Schriftsteller Ernest Wichner. ‚Manche Sachen finde ich nicht mehr so gut, manche Sachen möchte ich nicht mehr hören‚, kommentiert Herta Müller ihre eigenen Werke, ‚weil es ergreift mich dann wieder, und wer will schon von sich selbst ergriffen sein‘, das sei ja ein bisschen lächerlich.

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Herta Müller im Gespräch mit Ernest Wichner

Sie erinnert sich an Verhöre der Securitate. Wenn den Agenten nichts anderes mehr einfiel, beschuldigte man sie, für den Bundesnachrichtendienst zu spionieren. Die Männer seien immer als CIA-Agenten beschuldigt worden. ‚Bin ich zu dumm für die CIA‚, habe sie gefragt, ,dass ich immer nur für den popeligen Bundesnachrichtendienst arbeiten soll?‚ Ebendieser Bundesnachrichtendienst habe sie nach ihrer Ausreise in die BRD sofort ins Visier genommen, und jetzt sei sie verdächtigt worden, eine Agentin der Securitate zu sein. Und nachdem sie 2009 den Literaturnobelpreis erhalten habe, meinte ein ehemaliger Securitate-Chef, sie solle die Hälfte des Preisgeldes an seine Leute abtreten, schließlich hätte sie den Preis ohne ihre Erfahrungen mit Ceausescus Geheimpolizei nicht bekommen. Der Securitate-Mann sitzt heute im Aufsichtsrat einer großen rumänischen Versicherungsgesellschaft, und eine österreichische Bank ist deren Miteigentürmerin, ergänzt sie diese Anektote.

Herta Müller und Ernest Wichner sprechen auch ein Thema an, das ihnen offensichtlich ein großes Anliegen ist. Sie erinnern sich an einen gemeinsamen Freund, den Lyriker Oskar Pastior. Dieser hatte an Müllers Roman Atemschaukel mitgearbeitet, für den sie den Nobelpreis erhielt, und sein Schicksal – er war wie tausende andere Rumäniendeutsche in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert worden – wird darin thematisiert.  Nach Pastiors Tod im Jahr 2006 hatte sich herausgestellt, dass er sich 1961 als Spitzel für die Securitate hatte anwerben lassen. Ein Bericht dazu findet sich in der Süddeutschen Zeitung. Müller und Wichner betonen, dass sie Oskar Pastior nicht verurteilen, sie zeigen großes Verständnis für seine Situation und sind bemüht, ihn zu rehabilitieren: er sei eindeutig zur Mitarbeit gezwungen worden und habe in großen zeitlichen Abständen völlig nichtssagende Berichte abgeliefert. Ein Opfer, keinesfalls ein Täter.

Aber wer schreibt schon gerne?

Gegen Ende des Gesprächs meint Wichner: ‚Du hast öfter gesagt,   Du schreibst gar nicht gern.‘ Die Antwort ist eindeutig:

Es ist eine Sucht und eine Qual. Bis sich das Leben in die Literatur einfügen lässt, das ist anstrengend. … Die Literatur ist gefräßig, sie frisst Dich ganz. … Aber wer schreibt schon gerne?

Deswegen schreibe sie immer seltener Romane. ‚Ich werde mich doch nicht wegen eines literarischen Textes ruinieren – das ist es nicht wert.‘ Stattdessen arbeite sie lieber an Kollagen. ‚Kollagen sind leichter, sie sind kurz, und die Texte sind ziemlich schnell fertig. Also, ich mache schon eine Woche dran rum, aber nicht ein ganzes Jahr.

Seit sie Rumänien verlassen habe, sei das Schreiben aber leichter geworden. unter anderem, weil es keine Hausdurchsuchungen mehr gebe. ‚Und die Wörter  warten auf mich. Was denken sich die Wörter dabei, wenn sie wieder in die Schublade kommen?

Zum Schluss möchte ich noch einen Tipp der Moderatorin weitergeben: Wer sich dem Werk von Herta Müller annähern möchte, solle mit Mein Vaterland ist ein Apfelkern, herausgegeben von Angelika Klammer, beginnen. Darin erinnert sich Herta Müller an ihr Leben, von der Kindheit beim Kühehüten bis zur Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm, wo sie ihre Rede mit den Worten begann: ‚Ich stehe (wie so oft) auch hier neben mir selbst.‘ Den Eindruck, sie würde neben sich selbst stehen, hatte ich während des Podiumsgesprächs keine Sekunde, auch wenn sie sehr angespannt wirkte. Ich denke, die Autorin hat es mit großer Selbstdisziplin und Selbstreflexion geschafft, an einem System, das viele kaputt gemacht hat, nicht zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen. Der Securitate gebührt dafür kein Cent.

Hier noch zwei Links zu Besprechungen der Bücher von Herta Müller:

Bei LeseLustFrust gibt es einen kurzen Beitrag zu Vater telefoniert mit den Fliegen mit zahlreichen weiterführenden Links.

Muromez beschäftigt sich mit Atemschaukel, dem Roman, für den Herta Müller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

 

 

 

 

 

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