Der Flüchtling, der Underdog & der Lobbyist

Vor einigen Wochen hat Frau Lehmann auf ihrem Blog Donal Ryans Roman  Die Lieben der Melody Shee (All We Shall Know) vorgestellt und mich damit sofort auf den irischen Autor neugierig gemacht. Unter den 5 bisher von ihm erschienenen Romanen fiel meine Wahl auf Ryans jüngste Veröffentlichung, From a Low and Quiet Sea, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil einer der drei Sprecher der Hörbuchversion  Gerry O’Brien ist, den ich schon lange als ausgezeichneten Interpreten irischer Autor*innen kenne. Er hat mich auch diesmal nicht enttäuscht.

From a Low and Quiet Sea erzählt zunächst vollkommen unabhängig von einander die Geschichten dreier Männer: Nachdem seine Familie immer stärker vom IS bedrängt wird, beschließt der syrische Arzt Farouk, mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Amira nach Europa zu flüchten und landet dabei wie so viele andere auf einem Seelenverkäufer.

Der junge Lawrence, genannt Lampy, lebt mit seiner Mutter und seinem Großvater in der Nähe von Limerick. Das uneheliche Kind kämpft auch als Erwachsener noch mit seiner Rolle als Underdog. Chloe, das Mädchen seiner Träume, hat mit ihm Schluss gemacht, und sein Arbeitgeber, Chef eines Altersheims, spannt ihn für Tätigkeiten ein, die ihn überfordern und für die er nicht fair bezahlt wird.

Der dritte Teil der Geschichte ist die Lebensbeichte von John. Nachdem sein älterer Bruder Edward völlig unerwartet an einem Herzanfall gestorben war, ist es  John nicht gelungen, in dessen große Fußstapfen zu treten. Stattdessen entwickelt er sich zu einem hinterhältigen Feigling, der andere quält und tyrannisiert. Das vom Vater geerbte Vermögen vermehrt er, indem er gegen Geld die Interessen anderer mit allen Mitteln zu vertreten weiß. Dann verliebt er sich in ein junges Mädchen.

Meine Meinung: Die ersten beiden Teile des Romans könnten auch als Kurzgeschichten bestehen. Farouks Geschichte veranschaulicht besser, als jede Dokumentation dies könnte, was hunderttausende Syrer veranlasst hat, ihr Schicksal in die Hände von Schleppern zu legen und wie es ihnen dabei ergangen ist, und der zweite Teil erzählt von einem ganz normalen Arbeitstag im Leben eines irischen Jungen, der sich bemüht, alles richtig zu machen, und davon träumt, sich ein gutes Leben aufzubauen und keine Zurückweisungen mehr  erleben zu müssen.

Im dritten Teil, im Hörbuch von Gerry O’Brien gelesen, erzählt der aus wohlhabender Familie stammende John,  wie aus dem glücklichen kleinen Jungen, der er ursprünglich war, ein gewissenloser Geschäftsmann wurde, dem jedes Mittel recht ist, um sein Ziel zu erreichen oder Rache zu nehmen. Diese Beichte liefert indirekt auch die Überleitung zum letzten Teil, in dem sich die Geschichten der drei Männer miteinander verknüpfen. Ihre Wege kreuzen sich durch ein Ereignis, das die zwischen ihnen bestehende Beziehung erstmals aufzeigt. Dadurch werden die ersten drei Teile zu so etwas wie einer Rückschau, einer Erklärung, wie alle drei an diesen Punkt ihres Lebens gelangt sind. Der Roman wirkt nicht konstruiert, sondern bleibt realistisch und glaubwürdig, und der einzige Zufall, der dabei eine Rolle spielt, hat etwas Schicksalhaftes. Ein Buch, das ich lange nicht vergessen werde. 

Donal Ryan, From a Low and Quiet Sea. Gelesen von Stephen Hogan, Gerry O’Brien, Ramon Tikaram. Random House Audiobooks 2018. 5h 10min.

Als Hardcover und Taschenbuch erschienen bei Doubleday. 192 Seiten. 

 

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